Detlef Bracker
Indienreise Jeypur 1911
Zu Reisebericht von P. Bracker
(Entwurf; e.s.)
Der Missionsdirektor Pastor Bracker macht 1911 eine Visitationsreise in
der Mission im Jeypurland in Indien. Wie wir herausgelesen haben, ist er mit
Missionar Ole Jensen durch Südindien auf einer Touristikreise gewesen,
ehe er ca. im Oktober 1911 über Waltair nach Salur kommt und als
Missionsinspektor seine fast drei monatige „Distriktreise“ in Salur durch die
Missionsgebiete zu allen Missionsstationen beginnt.
Wir können vielerlei erfahren in dem erzählten Reisebericht. Der Missionsleiter
sammelte sehr viele Berichte über die Mission, die er verwebt mit einer bunten
getreuen Beschreibung der indischen Begebenheiten, von Land und Leute und seiner
eigenen strapazierenden Reise, einer Art Expedition in der damaligen Art der
Missionarsreisen. Er und die Missionare reisten noch zu Pferd und mit Bandy und
rasteten in eigenen Zelten oder Rasthäusern während nur zwanzig Jahre später in
der Nachkriegsmission die Missionare schon teilweise mit Motorgefährten, den
ersten Autos und Motorrädern, zu den Missionsreisen unterwegs sind.
Zu folgenden Kapitel :
Hier kommt er durch den heute wieder durch umstrittenen Bergbau bekannt
gewordenen Landstrich Nijamgiri im heutigen Distrikt Dahlkant ?? im Nordosten
des Jeypurlandes, des heutigen Koraput Distrikts von Orissa. Trotz seiner großen
Kenntnis von Indien bleibt Bracker noch ein wenig verhaftet in der alten
europäischen Mission und kolonialen Sprache. Wie alle Missionsberichte aus
dieser Anfangszeit der Mission wird Indien noch verdeutscht und man erlebt noch
den großen Unterschied und die Fremdheit der Weissen im indischen Land. So
benutzt er für den deutschen Leser daheim noch die deutschen Ausdrücke und keine
vielfältigen indische Begriffe und Ausdrücke für die alltäglichen und für die
Missionsdinge. So ist es ein fast deutscher Pfannkuchen und noch kein indischer
Chapatti, wie er heute in aller Munde wäre, den Bracker, wie er berichtet, für
sein Pferd Ajax aus seiner Tasche zieht, oder gar ein Schinken Brot und kein
Tandoori Roti, das der Braune verschmäht. Zu seinem Troß an Reisebegleitern
gehören noch die Träger und wir erfahren nicht das indische Wort Kulis. Der
Berggipfel ist dann an der Passhöhe erreicht und wir nennen es heute den Ghat
und die Ghatroad, die die Missionare damals erklommen haben.
Aber sehr historisch eindrucksvoll ist seine vollständige detaillierte
Beschreibung der Reiseart. So erfahren wir nicht nur wie eine Missionsreise mit
Pferd und Ochsenkarren damals erlebt wurde sondern auch genau was diese mit den
Kulis und dem Bandy am Tag gekostet hat. Er stellt dem Leser noch die Inder als
die Tropenkinder und die eingeborenen vor, obwohl er schon die Kastennamen nennt
und uns schon den Kond vom Bergvolk vorstellt.
(e.s.)
1911. Bracker.
Reise in Jeypur / Indien. S. 235
(Reinschrift / Abschrift
e.s.)
"... 12. Ueber den Nimgiri
Nun sollte der R i e s e im W e s t e n
bezwungen werden (nach Erreichen von
Bissemkattak (auch
Bissum Cuttak und andere Schreibweisen) in Ostjeypur),
ich meine das schroffe N i m – G e b i r g e. Jenseits der Berge liegt S i n g a
p u r; das war unser nächstes Ziel. Wir rüsteten uns in dem Bewusstsein, eine
anstrengende Reise vor uns zu haben. Ajax
(sein Pferd) pflegte einen Bissen Brot zu bekommen,
ehe sein Reiter ihn bestieg; daran hatte ihn sein Herr, Missionar Gloyer,
gewöhnt. Das Brot war uns aber in Bissemkattak knapp geworden; nur ein
paar Stücke, mit Schinken belegt, hatte ich in der Tasche. ich meinte es gut mit
Ajax, als ich ihm etwas von meinem Schinkenbrot gab, aber nach einigem Kauen
sträubte sich sein Pferdegeschmack gewaltig dagegen. Drum griff ich in die
andere Tasche, in der ich einige Pfannkuchen zusammengelegt und mit süßem Gelee
belegt, für die reise aufbewahrte. Einen halben Pfannkuchen stopfte ich Ajax ins
maul und harrte seiner Meinungsäußerung. Die fiel diesmal besser aus. Ajax fraß
den Pfannkuchen mit Behagen und schmatze, dass es eine Lust war. So hatte ich
seine Gunst in besonderem Maße und konnte ruhig aufsitzen.
Die T r ä g e r sind ein zähes Volk. Während wir Europäer uns gleich morgens mit
Kaffee und Brot stärken, genießen sie nicht das Geringste, bis der Platz zum
Rasten oder das Reiseziel erreicht ist. Bisweilen kann es 2 Uhr werden, ehe sie
die erste Mahlzeit zu sich nehmen. Wenn sie morgens von der kalten Veranda oder
dem Wachtfeuer in unser Reisehaus treten, um unsere Sachen, die sie zu tragen
haben, zu packen und abzuholen, frieren sie jämmerlich und machen bisweilen den
Eindruck halber Abwesenheit; es ist, als ob sie noch träumten. Auch mitten am
Tage können sie in diesem Traumzustand herumgehen. Reist man durch
(Zeichnung; ein Kauditräger)
den Urwald, so kann man Menschen begegnen, die schnell Reissaus nehmen, sobald
sie einen sehen; aber von anderen hat man den Eindruck, dass sie erst nach
langer Besinnung aufwachen und inne werden, dass ihnen etwas Besonderes
entgegengetreten ist.
Beim Aufbruch macht der Träger erst „Pudja“, d.h. Anbetung vor seinem
Kaudy, dem Tragholz, an dem er seine Last auf der Schulter trägt. Fragt man
ihn, was das zu bedeuten habe, so antwortet er: „Es ist Gewohnheit.“ Fragt man
weiter: „Welchen Zweck hat denn diese Gewohnheit?“ so lautet die Antwort: „Werde
uns nicht zu schwer!“ Es ist also Anrede, Anbetung. Dann geht es ungewaschen und
ungegessen, zuweilen mit Malariafieber im Körper, durch den kalten Morgennebel.
Wohl fühlen sich diese Tropenkinder erst, wenn die Sonne ihnen auf die Haut
brennt und diese von Schweiß glänzt.
Die Träger gehen immer in einem halben Laufschritt, und zwar im Gänsemarsch. Ist
die Last an sich auch nicht schwer, so wird sie doch schließlich drückend.
Bei der Ankunft versorgen die Fuhr- oder Bandyleute erst ihre Ochsen. Das nimmt
Zeit, weil das Futter erst gekocht werden muß. Erst dann besorgen sie sich ihre
eigene Mahlzeit. Der „Grasschneider“ muß, wenn das Reiseziel erreicht ist, erst
Gras für die Pferde holen. Dazu muß er bisweilen Stunden weit laufen. Das Gras
ist draußen nicht so reichlich wie hier zu Hause; nur an feuchten Stellen im
Walde ist etwas zu finden. Erst dann, wenn das Pferd sein Futter erhalten hat,
besorgt der Grasschneider seine eigene Mahlzeit. Glücklich preist er sich, wenn
er während des Marsches etwas Gras findet. Auch der Pferdeknecht muß erst
„Graham“ fürs Pferd kochen und das Pferd füttern, ehe er selbst etwas genießt.
Die Träger bauen nach der Ankunft das Zelt auf oder richten im Reisehaus alles
für uns Europäer her. Der Koch kocht flink unser Essen. erst dann sorgen alle
für sich selbst.
Der L o h n für diese schwere Arbeit ist gering. Ein Träger bekommt als Tagelohn
20 bis 30 Pfennige und muß sich dabei selbst beköstigen, wofür er wohl täglich
10 Pfennige anwendet. Leuckfeld schickte einen Boten von Gunipur
nach Bissemkattak; hin und zurück waren es mindestens 140 km, also beinahe 20
deutsche Meilen. Der Botenlohn betrug 1 Rupee, d.h. 1 Mk. 37 Pf. ein Bandy
kostet für eine 24stündige Fahrt etwa 5 Mk..
Doch vorwärts! Der Nimgiri soll ja gestürmt werden! Erst ging es durch
eine fruchtbare Reisebene bis zum großen Dorfe B a r i g u d a , wo die Leute
eben aufgestanden waren und bei einander sitzend plauderten oder vor sich
hinstierten. Dann hinein in den Dschungel! Lange konnte der treue Ajax mich
tragen, obwohl der Aufstieg schwer war. Dann aber musste ich absitzen. Die Sonne
glühte. Der Berg ward immer steiler. Einmal musste ich erschöpft Halt machen und
ein wenig Nahrung zu mir nehmen. Ich fragte meine Begleiter, unter ihnen
Jesudas – denn ich war wieder vorausgeeilt – wie weit wir noch zum Kamm
hätten; sie meinten, eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde! Aber bereits nach 5 –
10 Minuten war ich droben. In Zahlenangaben sind die Eingeborenen ganz
unzuverlässig, es fehlt ihnen noch der rechte Masstab dafür. Mancher alte Mann
meint, wenn man ihn nach seinem Alter fragt, er könne wohl 20 Jahre alt sein.
Droben angekommen, genoß ich in vollen Zügen den Urwald. Er war wenig berührt
und enthielt kräftige Baumriesen. Bisweilen lag ein solcher Riese quer über den
Pfad. Während ich wohlgemut mit meinen braunen Begleitern vorauspilgerte, wurde
ich einen Kond gewahr, der mit Pfeil und Bogen mir entgegen kam. Zunächst sah er
mich nicht. Als er mich aber gewahrte, schrie er laut auf und warf sich auf die
Erde, das Haupt zur Erde geneigt. Er ergab sich wohl ganz in sein Schicksal. Als
er dann jedoch merkte, dass ich ihm nichts antun würde, ward er glücklich und
bot mir von seinem Branntwein, den er in einem Gefäß über der Schulter trug, zu
trinken an. Ich bedankte mich natürlich.
Die meisten Konds, die uns auf dieser Tour begegneten, hielten uns stand.
Nur einer schlug sich seitwärts in die Büsche. Die Frauen aber wichen uns alle
ängstlich aus dem Wege. Meist waren die Männer mit Speeren und Aexten bewaffnet.
Der Abstieg war wieder sehr schwierig und steinig und musste zu Fuß gemacht
werden. Ein herrlicher Lohn war der Ausblick nach Westen auf die S i n g a p u r
– E b e n e. Sie ist zwar bei Weitem nicht so groß wie die Rayaguda-Ebene,
erinnert aber doch an sie durch ihre Weite und durch die vielen schönen
Reisfelder.
½ 12 Uhr, d. h. nach sechsstündigem Marsch und Ritt, kam ich in Singapur (nicht
das S.) an und
ward von Bruder Hübner , der von nun an mein Führer durch Kalahandi sein
sollte, mit offenen Armen und mit einer guten Mahlzeit, die sehr not tat,
empfangen. Leuckfeld kam erst um 5 Uhr mit dem Troß nach; er hatte
unterwegs gerastet." ... (e.s.)
1911. Bracker.
Reise in Jeypur / Indien. S. 473
(Reinschrift/Abschrift e.a.)
... "Auf Otalguda hatte ich mich besonders
gefreut, und meine Erwartungen wurden nicht getäuscht.
Nach einem Ritt von 1½ Meilen erreichten wir unser Ziel. Die Gemeinde stand zu
unserm Empfang bereit. Rechts ausserhalb des Ortes auf einer kleinen Anhöhe lag
unter hohen Bäumen unmittelbar am schmalen Bongwasifluss die Kapelle.
Unmittelbar vor ihr war ein prachtvolles Laubhaus aus Bambusstangen mit
Palmenlaub und davor in einiger Entfernung eine hohe Ehrenpforte errichtet. An
dieser hatte die Gemeinde Aufstellung genommen, alle in weissen
Feiertagskleidern. Das war ein liebliches Bild. Missionar
Hinrich Speck war ebenfalls zur Stelle. Sein
Wesen war von Freude getragen. Gott hatte ihm ausserordentlich reichen Segen in
seiner Arbeit geschenkt. Der festliche Empfang war aber nicht von ihm
arrangiert, sondern von dem jungen Kirchenältesten Pitoro. Bei meiner
Ankunft sang die Gemeinde ein Loblied. Darauf trat Pitoro vor und hielt eine
Begrüssungsansprache. In dieser sprach er namens der Gemeinde gleich den Wunsch
und die flehentliche Bitte aus, es möchte sich doch bald ein Missionar in ihrer
Nähe niederlassen. So fern von der Mutterstation und ohne die Pflege und den
Beistand eines Missionars würde es ihnen schwer, im Glauben frisch zu bleiben.
Die Christen machten mir gleich einen sehr guten Eindruck. Ausser Pitoro fiel
mir besonders Titus auf, ein Ghassi; Pitoro ist
Bhumia.
Die Geschichte dieser entlegenen Aussenstation weist ergreifende Züge auf. 1887
war die Station Jeypur gegründet. Nach Fertigstellung des Missionshauses
zogen Wilh(elm)
Ahrens und von Frieling Land auf, Land
ab als Prediger des Evangeliums. Die Heiden hörten sich die Predigt an, aber
niemand regte sich. So verging ein Jahr nach dem anderen. In der Heimat wollte
man schon die Geduld verlieren. Im Jahresbericht vom 1.April 1892 schrieb
(Karte)
Inspektor Fiensch:"Jeypur treibt uns den Seufzer aus tiefstem
Herzen: "O dass doch bald die Toten auferstehen möchten durch den Posaunenschall
des Wortes Gottes!" Aber schon um dieselbe Zeit hatte Wilhelm Ahrens auf einer
seiner Predigtreisen im Süden einen Mann gefunden, der als erster die Frage
stellte: "Was muss ich tun, dass ich selig werde?" Der Mann hiess Ramsing
und stammte aus Otalguda. Er war etwa 20 Jahre alt. Dem Ramsing war vorher in
Ramgiri ein christlicher Traktat über die Kaste in die Hände gefallen. Den
hatte er seinen Eltern und Geschwistern in Otalguda vorgelesen. Als er dann
gehört, dass in Kotapad viele getauft würden, war er dorthin gegangen.
Hier hatte er den Timmkeschen Traktat über den Himmelsweg erhalten. Auch
diesen hatte er den seinen vorgelesen. Dann war er Wilhelm Ahrens begegnet, und
dieser war in sein Dorf gekommebn und hatte gepredigt. Ramsing und seine
Angehörigen hatten ruhig alles angehört, hatten sich aber gestellt, als ob sie
mit der Sache nichts zu tun haben wollten; über einiges von dem Gehörten hatten
sie sogar gelächelt. Ahrens hatte ...... "
(e.a.) wird fortgesetzt
1911. Bracker. Reise in Jeypur / Indien. S. 156 - 165 (e.s.)
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| Kap.19, 156-157 | Kap.19, 158-159 | Kap.19, 160-161 | Kap.19, 162-163 | Kap.19-20, 164-165 |
1911. Bracker. Reise in Jeypur / Indien. S. 508 (Reinschrift/Abschrift e.s.)
" ... 23. Meine Audienz beim Maharajah (von Jeypur; zusammen mit H. Speck und Piening)
Der Erzieher und Berater des Kronprinzen oder Kumar Maharajahs, wie sein Titel lautet, war ein Herr Winkler. Er fühlte sich ganz als Engländer, obwohl sein nach Indien eingewanderter Großvater aus Friedrichstadt in Schleswig stammte. (Schleswig-Holstein sagt man heute und zur Zeit wohl auch. Bracker stammte aus dem damaligen Herzogtum Schleswig, dem heute dänischen Nordteil... Friedrichsstadt muss aber hart a.d. Grenze zu Holstein liegen. e.a.) Ich machte Herrn Winkler und seiner Gemahlin im Europäer-Viertel meinen Besuch und erhielt bei dieser Gelegenheit von ihm das Versprechen, dass er durch den Divan, d.h. ersten Minister, mir eine Audienz beim Maharaja erwirken wolle.
Am Sonntag Vormittag lief die Einladung des Maharajahs ein. Erst sollte ich den neuen Palast besichtigen, dann den Maharajah im alten Palast besuchen und zuletzt mit einem Gegenbesuch des Maharajahs im Missionshaus beehrt werden.
Das Gefährt des Maharajahs sollte mich und die beiden Missionare Speck und Piening, auf die sich die Einladung ebenfalls erstreckte, abholen.
So fuhren wir denn gegen 5 Uhr ab. Im neuen Palast sahen wir eine große Waffensammlung in mehreren Zimmern. Darauf besichtigten wir die Senanas, die um einen quadratförmigen Hofplatz herum angelegt waren, 14 an der Zahl. Jede Senana hatte hoch oben, dicht unter der Decke, zwei kleine Fenster. Die englische Regierung hatte darauf bestanden, dass 14 Senanas gebaut würden, obwohl der Maharajah erklärt hatte, er brauche nur eine, weil er seiner Gemahlin an ihrem Hochzeitstage das Verspechen gegeben habe, sie solle seine einzige Frau sein. Von den Senanas wanderten wir in den Thronsaal. Hier stand ein großer goldener Thron und ein kleinerer derselben Art daneben. Ausserdem befanden sich im Thronsaal ein großer goldener Stuhl, vier silberne Stühle und ein silberner Palankin für die Rani, die Fürstin. Der Thronsaal wird nur bei feierlichen Gelegenheiten benutzt.
Im Marstall des Maharajahs standen 56 Pferde, 24 Elefanten und 4 Kamele. Wir sahen 7 feine Wagen für den Maharajah und 2 für seine Gemahlin.
Hier im neuen Palast war also Pracht und Reichtum in Hülle und Fülle. Aber der Maharajah wagte nicht, ihn zu beziehen, weil in der Nähe deselben etwas Unheimliches geschehen war. Der Aberglaube ist ja bei den Heiden sehr gross. Der Maharajah wohnt noch immer im alten Palast, ja nicht einmal im alten Palast selber, sondern in einem kleinen Hause daneben, innerhalb der hohen Mauer.
Nach Besichtigung des neuen fuhren wir zum alten Palast hinüber. Der Maharajah erschien selbst, europäisch gekleidet, am Portal und führte uns in die Empfangshalle. Vier Stühle standen bereit. Mich lud er ein, rechts neben ihm Platz zu nehmen, während er Speck und Piening die beiden Stühle links von sich anwies (die Audienz in H.S. Brief). So saßen wir etwas unbequem in einer Reihe.
Die Unterhaltung ging auf Englisch. Der Maharajah sprach es recht fließend. Er erkundigte sich nach meiner Reise. Als ich Kalahandi erwähnte, fragte er, ob wir auch dort Missionare hätten. Er war zunächst recht verwundert, als ich ihm mitteilte, dass der Political Agent uns den Eingang in das Land verwehrt habe. Als wir ihm dann aber erklärten, dass der Political Agent dem Entschluss des noch unmündigen Rajahs nicht vorgreifen wolle, verstand er das. Ich erzählte von der Begegnung des jungen Rajahs mit unserm Katecheten Matthias, wobei der Rajah gesagt hatte: „Mein Onkel sagt, das Christentum sei eine gute Sache, und die Christen seien gute Leute.“ Das interessierte den Maharajah sehr. Er bat mich, die Geschichte zu wiederholen. Leider konnte ich ihm auf seine Frage nicht antworten, wer der Onkel sei.
Später kam das Gespräch auf den deutschen Kronprinzen, der ja eben Indien besucht hatte. Ich erzählte, der deutsche Kronprinz habe einen guten Freund, einen Leutnant von Wedel, und eine Schwester dieses Herrn stehe im Dienst unserer Mission als Senana-Missionarin in Salur. Das interessierte ihn weniger. Dagegen erzählte er selbst allerlei von den Ordensverteilungen durch den Kronprinzen; wahrscheinlich hätte er selbst auch gern einen Orden genommen. ...... " (e.s.)
Es folgt der Gegenbesuch bei der Mission und die Erwähnung einer Photographie vom Kaiser als Geschenk von Speck an den Maharajah. (e.s.)
(e.a./e.s.)
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P. Bracker bereiste 1910 -11 zusammen mit Missionar Jensen, einem Nordschleswiger wie er selbst, ganz Indien. Etwa zur selben Zeit wie Hinrich S. Es scheinen aber getrennte Reisen gewesen zu sein, trotz der zeitlichen Nähe und denselben besuichten Orten (Benares etc). Diese Indienreise ausserhalb des Missionsgebietes beschrieben in seinem Büchlein "Burgen der Finsternis in Indien von Pastor Bracker, Missionsinspektor". Auszug: (Madura) ".. mit der Missionar Bexell und Frau, sowie Frl. Karlmark .. uns aufnahmen .. sie sind Schweden ... Da Jensens und meine Muttersprache Dänisch ist, wurde hüben Dänisch, drüben Schwedisch, dazwischen auch Deutsch gesprochen .." 64 Seiten. Inhalt: Der Riesentempel in Madura. Riesentempel in Srirangam und Tritschinopoli. Tirupatis heiliger Weg. Puris Pilgermassen. Kalighats blutige Opfer. Benares mit seinem Priesterbetrug. (e.a.) |
(Zum 100-jährigen Jubiläum der Kirche in Jeypur 1911-2011)
Die Kircheneinweihung in Tumarelli im gleichen Jahr (1911)
Wir stellen hier eine Abschrift von einer Kircheinweihung in Tumarelli bei Salur im Telegugebiet während Brackers Missions-Inspektions-Reise 1911, weil solche Berichte und Erzählungen von Stationsgründungen uns fehlen im Jubiläumsjahr 2011 der Jeypur Kirche, die unser Hinrich Speck 1911 gebaut hat. Bracker kam nach der Jeypurer Kircheinweihung 1911 erst Ende Dezember dort an und hat die Einweihung dort nicht erlebt.
Wenn wir im Jubiläumsjahr der Kircheinweihung der Jeypur Kirche 2011 keine Quellen finden zu dem Kirchfest unseres Hinrich Speck, dann lesen wir hier einen ausführliche Bericht über eine „paradiesisch“ beschriebene Kirche und über diese Einweihung einer neuen Kirche damals in Indien. Die kleine Station in Tumarelli ging nach dem Ersten Weltkrieg verloren. Der spätere Missionar Reimer Speck, mein Vater, erwähnt in seinen „Notizzetteln“, man müsse Tumarelli wieder erkunden und bedenken. Die Missionsstation in Salur war damals das erste und weiterhin wichtige Zentrum im Teleguland und blieb nach dem ersten Weltkrieg bei der amerikanischen Mission. Die damals junge Station in Jeypur wurde das spätere Zentrum der indischen Kirche im Jeypurgebiet. Und es mussten in den selben Jahren in der Mühe dieser Gründerjahre drei weitere Kirchen gebaut und eingeweiht werden, so dass der Missionsleiter nur bei einer Einweihung, von Tumarelli, dabei sein konnte und den anderen Kircheneinweihungen nicht beiwohnte.
Für uns aus der Enkelgeneration erscheint hier in der Erzählung des Missionsleiters Brackers dann auch „unsere“ Luise Tiemann, die ein halbes Jahr spätere Frau Missionar Hinrich Speck wird in Jeypur 1912. Als neue Frauenmissionarin reist „unsere“ Großmutter Luise aus Salur mit im Damen-Bandy zu diesem hier beschriebenen Ausflug nach Tumarelli. Wir können sie im Bild mit Herrn Bracker und im Foto der Kirche in Tumarelli auf den Kirchstufen vermuten. (e.s.)
(aus „Die Breklumer Mission in Indien. Ein Reisebericht. “ Bracker. 1912. 650 Seiten)
11. Die Kirchweih in Pniel
Während meines Aufenthaltes in Salur (Nov 1911) schrieb ich folgenden Bericht, der wohl am lebhaftesten meine damaligen Eindrücke wiedergibt:
Es galt ein Kirchlein für den heiligen Gebrauch einzuweihen. Hat denn das eine besondere Bedeutung? Zu Haus ist man geneigt, von dem „Haus aus Steinen“ etwas geringschätzig zu urteilen und zwar nicht ganz ohne Grund, weil mache denken, sie müssten doch rechte Glieder des Reiches Gottes sein, da sie sich zur Kirche hielten. Es kann ein Gebäude, das im heiligen Dienst steht, überschätzt werden, und für letzteres sind mir in Indien die Augen aufgegangen. Ich war in dem Tempel zu Madura (Madurai, Südindien), von dessen Ausmessungen man sich trotz genauester Schilderung daheim keine Vorstellung macht. Ich pilgerte von Tirupati aus den 10 km langen, unsagbar beschwerlichen, heiligen Pfad nach der heiligen Stadt Tirumalai, die in über 30 Jahren von keinem Missionar betreten war. (siehe: „Burgen der Finsternis in Indien“. Bracker. Breklum. 1922) Da ist es mir klar geworden, welche Bedeutung Tempel, Hallen, heilige Teiche usw. haben. Ich habe mir gesagt: Wären sie nicht da, würden sie etwa zerstört, dann wäre dem Heidentum eine große Wunde geschlagen; nun wird gerade durch diese Gebäude und Einrichtungen das Heidentum beständig belebt und gestärkt.
Wir dürfen nun zwar nicht sagen, dass die Kirchengebäude für die Christenheit dieselbe weitgehende Bedeutung haben wie die Tempel für das Heidentum, aber man unterschätze sie dennoch nicht. In der Heimat habe ich mich über jede Kirche gefreut, weil sie von dem Netz des reiches Gottes zeugt, das ausgeworfen ist. Angesichts der heidnischen Tempel habe ich mich über jedes Gotteshaus noch viel mehr freuen gelernt. Daher war ich auch ein froher Gast bei der Kirchweih in Pniel.
Wo liegt Pniel? Ich bin in Salur, der von Bergen umgebenen Stadt. Ich hätte nie geglaubt, dass die Berge Salur so nahe treten. Wohl wusste ich, dass man von Salur aus die nach Jeypur führenden Berge sehen könne, doch ich hatte sie mir nach den angegebenen Entfernungen in weit größerer Ferne gedacht. Aber es ist nun einmal so, dass die Berge viel näher erscheinen, als sie tatsächlich sind. Ist´s auch 1 ½ bis 2 deutsche Meilen bis zum Fuß der Berge, so kommen sie einem doch viel näher vor. In südwestlicher Richtung sieht man, in Salur stehend, hoch oben eben unter dem Kamm, sehr deutlich etwas Weißes schimmern; das ist Bruder Schulzes Kirchlein in Pniel, das also galt es seinen heiligen Zweck zu weihen.
Bruder Schulze's Kirchlein nannte ich es. Er ist der Erbauer desselben, und es liegt auch in seinem Königreich. Es war im Jahre 1894; da kamen Abgesandte des Rajahs, der die dortigen Ländereien besaß, zu Missionar Schulze, um eine gewisse Summe gegen Pfand zu leihen. Schulze sagte nein, er habe dafür kein Geld. Im selben Augenblick trat aber der Postbote ein, um ihm genau die gewünschte Summe auszuzahlen; es war sein Privatgeld. Da glaubte er Gottes Finger zu sehen und griff zu. Zunächst hatte er jenes Gebiet – es ist 20 englische Quadratmeilen groß und hat jetzt ca. 1000 Einwohner – nur als Pfand, aber jetzt ist es sein unbestrittenes Eigentum, und daher ist Missionar Schulze sozusagen ein Rajah. Er begann sofort die geistliche Arbeit dort oben, wie er auch Teile des Landes unter Kultur zu bringen gesucht hat. Die geistliche Arbeit war eine ungeheuer mühsame, wie sie das überhaupt hier in Indien ist. Unter großen Beschwerden sind droben ein Missionshaus und eine Kirche nebst andern kleineren Gebäuden errichtet. Doch lasst uns nun zum Ziele eilen!
Eilen! Ja, wenn das in Indien möglich wäre. Dr. Schulze fuhr abends – es war ein Sonntag, den 12. November – im Bandy mit den Kostknaben ab, es war 9 Uhr. Um 2 oder 3 Uhr nachts hoffte er am Fuß des Gebirges in Pudi ankommen zu können; dann wollte er dort etwas Schlaf suchen. Nachts 1 Uhr fuhren unsere 4 Frauenmissionarinnen ebenfalls im Bandy ab mit ihren Kostmädchen. Die Kinder freuten sich unsagbar, dass sie mit durften. Solche Bandyfahrt und ihre Zurichtung will erlebt sein; das ist fast wie ein kleiner Umzug; was muß nicht alles mitgenommen werden! So fuhren sie ab, Asmussen-Amagaru, Sibbers-Amagaru, Tiemann-Amagaru (unsere Grossmutter), Pon-Amagaru; unter dem letzten Namen verbirgt sich Frl. von Wedel. Das „Wedel“ haben die Eingeborenen noch nicht heraus, nur das „von“ haben sie festgehalten, und das sprechen sie wie „Pon“ aus, da das „v“ ihnen ein unmöglicher Laut ist. Für die Pon=Amagaru war es die erste Bandynacht. Es ist kurios, was die eingeborenen aus den Namen machen. Schulze heißt Surja=Dorra, d.h. der Sonnenherr; Stäcker heißt Chendra=Dorra, d.h. Mond=Herr. Die beiden, der Sonnenherr und der Mondherr, haben jahrelang in Salur zusammen gearbeitet.
Gimm=Dorra und ich brauchten erst um 3 Uhr aufzustehen, da wir den weg bis zum Fuß des Gebirges zu Pferd zurücklegen wollten. Es war eine schöne, für Indien kühle, mondhelle Nacht, in die wir hinausritten. Wohl nur ein Viertel unseres Weges ist Fahrstraße, meist folgen wir einem Fußsteig. Dort geht es bald auf und ab, über mächtige, unebene Steinklötze, auch zuweilen durch ein Gewässer, oft auch auf schmalem Pfad zwischen den Reisfeldern entlang. Auf solchem Wege musste ich meine ersten Reitübungen machen! Das Resultat war trotzdem ein Erfolg. Hin und wieder kamen wir auf die Fahrstraße, die unsere Bandys gefahren waren. Ich musste häufiger ausrufen: „Und hier sind sie wirklich gefahren! Hier muß ja das eine Rad hoch oben und das andere tief unten gewesen sein! Auch durch das Gewässer haben sie wirklich hindurchfahren müssen und es gab für sie keinen Umweg? Ja, das ist kein Spaß!“ Als wir Reiter am frühen Morgen die Damenbandys erreichten, fragten wir angelegentlich: „Haben Sie geschlafen?“ - „Vorzüglich,“ antwortete die eine, und während sie so sprach, wurde sie mit den kleinen Kostmädchen, die bei ihr saßen, fast von der einen Seite des Bandys zur andern geworfen! Es war kein Galgenhumor, nein, sie hatte wirklich gut geschlafen, da musste ich staunen. Von den andern antwortete eine: „Einen Moment habe ich geschlafen,“ die andere: „Ich habe zwei Momente geschlafen.“ Man sieht, unsere Schwestern verlieren nicht so leicht den Mut.
Vor Sonnenaufgang waren wir alle in Pudi. Bruder Schulze war zwar um zwei Uhr angekommen, hatte aber nur eine halbe Stunde geschlafen; er sah recht angegriffen aus.
Nach einer kurzen Teluguandacht und einem Morgenimbiß, eingenommen auf den großen Steinen eines ausgetrockneten Flussbetts, begann der Aufstieg. Es ging beständig aufwärts, zunächst immer auf Steinen. Für die Knaben und Mädchen, die barfuß liefen, war es nicht so leicht. „O, ich habe 4 Annas bekommen,“ - ,Und ich eine halbe Rupie“ – „Aber ich habe eine Rupie bekommen,“ so redeten die Knaben und so taxierten sie die Heftigkeit der Stöße, die sie an den Steinen bekommen hatten, ein. Es ist lustig, den Jungens zuzusehen und zuzuhören. Eben haben ein Paar zu Bruder Schulze gesagt: „Als wir gestern Abend die Dienerin nach Hause begleiteten, sangen heidnische Knaben drinnen in der Stadt: Weil ich Jesu Schäflein bin.“ Mir macht der kleine Abel Freude, ein hübscher Junge, der gestern getauft wurde; er hat richtig seine gestrickte Zipfelmütze auf dem Kopf – und sie kann in der Morgenkälte nötig tun; einem andern Jungen lugt sie aus der Tasche heraus. Was wir durchwandern, ist rechter Urwald, viel Unterholz, aber auch hier und dort mächtige Bäume. Hin und wieder finden wir die Spuren eines mächtigen Orkans, der hier auf den Bergen raste. Als die Leute damals Bruder Schulze von den Verwüstungen des Orkans erzählten, sagten sie: „Es sind droben keine Bäume mehr; der Sturm hat sie alle umgeweht.“ Wir sind im Land der Uebertreibung. Uebertreibung und Lüge ist hier nicht ganz dasselbe; oft weiß der Missionar nicht, was er auf die Rechnung des einen oder des andern zu setzen hat. Während wir steigen, haben wir oft die herrlichen Ausblicke, rückwärts in die Ebene und seitwärts die Abhänge der Nebenwege hinauf. Wir genießen in vollen Zügen die in der Natur geoffenbarte Herrlichkeit Gottes.
Wir nähern uns der Grenze, wo Missionar Schulzes Königreich anfängt. Eine der Schwestern erzählte mir, dass Missionar Schulze einmal, als sie ihn begleitete, von seinen Leuten mit 10-20 Ehrenschüssen empfangen worden sei. An dem Tage hätten sie nämlich die Pachtgelder zu zahlen gehabt vermittelst ihrer Dorfvorsteher. Aber merkwürdig, jeder Dorfvorsteher bedauerte, er habe nur erst die Hälfte oder einen Teil des Summe eingetrieben, doch der kluge Lehrer Lazarus fand bei jedem auch noch das Fehlende heraus. Ja, man merkt es leider auf Schritt und Tritt in Indien, dass man sich nicht nur im Lande der Uebertreibung, sondern auch der lüge befindet. Wie tief ist dies arme Volk gefallen! Wir durften also, da wir uns in der Begleitung des Rajahs befanden, Ehrenschüsse erwarten; aber wir überschritten die Grenze ganz in Frieden. Dort stand eine kleine Ehrenpforte mit der Inschrift Willkommen!
Das Reich Bruder Schulzes zeichnete sich sofort durch bessere Wege aus. Es war derselbe Urwald rechts und links, aber der Weg war schön geebnet und war meist schattig, überhangen von Bambus= und andern Baumzweigen. Einmal geht es in eine Schlucht hinein, wo der Gießbach über mächtiges Gestein rauscht. Hier wieder erquickt sich das Auge am Anblick lieblicher Blumen; im Gedächtnis haftet mir besonders eine wunderschöne lilafarbene Blume. Doch horch, in der Ferne Trommelklang! Und der andere Ton? Sind´s Schellen zur Begleitung? Nein, wahrhaftig es sind die Vögel, die ihr Morgenlob noch nicht beendigt haben. Aber horch, da kracht wirklich ein Schuß! Und gleich darauf vernehmen wir, kräftig von der Höhe herab von Posaunen geblasen, die Melodie: Nun danket alle Gott! Und nach etwa fünf Minuten sehen wir links etwa 6 Trommler der Konds, der Bergbewohner, stehen. Da ordnet sich ein merkwürdiger Zug. Voran gehen wir Europäer und die Kostkinder, dann folgen die Trommler, eine einförmige Melodie – trommelnd, dann die Träger mit unsern vielen Sachen, zwei und zwei eine Last zwischen sich an einer Bambusstange tragend; wir alle im sog. Gänsemarsch, ein malerischer Aufzug. Uns war das Getrommel etwas zuwider, aber unseren Kondträgern ist es wie ein elektrischer Strom durch die Glieder gefahren.
(Die Kirchweih in Tumarelli /"Pniel" )
(Dazu:
1911. "Ausflug nach Tumarelli". "The Senana-Missionary Miss Luise Tiemann
travels from Salur on a bandy bullock-cart to Tumarelli together with
the Woman-Missionaries (Frauenmissionarin) along with the Mission-Inspector
Pastor Bracker on horse-back. We can assume her in the picture "Trip to
Tumarelli" with Mr. Bracker and on the church steps in the other photo "the
church in Tumarelli". She married Missionary Hinrich Speck half year later in
1912 in Jeypore." e.s.)
Endlich kommen wir an eine Lichtung und sehen droben noch recht hoch vor uns, wie auf einem Postament, das Kirchlein liegen mit seinem schönen zackigen Turm, ganz wie getüncht, still und schön wie ein Traum. O, diese gewaltige Natur und mitten drin das Kirchlein wie ein Kunstwerk aus Elfenbein! Ein wunderlieblicher Anblick; ich übertreibe nicht. Wir steigen weiter. Da kracht wieder ein Schuß und noch einer! Links steht eine Schar Männer; der eine hat das Gewehr noch in der Hand. Nun blasen wieder die Posaunen, noch immer über uns: „Wenn Christus, der Herr.“ Aber jetzt sind wir wirklich oben.
Wir befinden uns in einer Tallichtung. Vor uns liegt ein Teich, wundervoll bedeckt mit roten und weißen Lotusblumen; in der Mitte ein Inselchen; links vom Ufer zwei Lehrerhäuser. Nun geht er rechts ins Missionsgehöft durch eine Ehrenpforte mit der hebräischen Inschrift: Pniel. Bruder Schulze hat sicher nicht umsonst dem Missionsgehöft diesen Namen gegeben; er hat hier oft einsam wie Jakob am Jabokfluß mit Gott um Segen gerungen, um Segen für das arme Volk der Berge. Wir gehen durch den Garten. Rechts eine Ananas-Pflanzung. Zwei Schüsse krachen noch, wir sind am Missionshaus; vor ihm und rechts von ihm Apfelsinen- und Guaven(obst)-Pflanzungen. Wir gehen ins Haus; jeder sucht seine Stube. Ein merkwürdiges, gemütliches Haus. Da sind so viele Gänge und Zimmer und Winkel, es ist ein wahres Labyrinth. Bruder Schulze fing klein an mit den 150 Rupies, den einzigen, die die Missionsgesellschaft für dies Haus bewilligt hat; dann baute er bald links, bald rechts, bald oben und unten etwas dran; so entstand dies Labyrinth, dies traute Häuschen. Ich werde nach oben geführt, wo ich im „historischen Bett“ schlafen soll – in dem hat auch mein lieber Vorgänger (Missionsleiter B.sen) geschlafen - und wie ich nun ans Fenster trete und rechts und links die Anpflanzungen sehe und links den lieblichen Teich mit den Lehrerhäusern und hinter mir in nicht weiter Ferne die Bergs, da muß ich freilich einer meiner Begleiterinnen zustimmen: „Es ist ein kleines Paradies!“ Ehe Missionar Schulze das Land übernahm, war alles dichter Urwald. Und alles ist unternommen im Dienst der Mission, was später zu beweisen mir eine große Freude sein wird.
Um 2 Uhr ordneten wir uns zu einer Prozession. Voran gingen Schulze, Gimm und ich im Ornat; es hatte leider keiner der anderen Brüder kommen können. Es folgten die Schwestern, die Christen, die 47 Taufbewerber, die heute die heilige Taufe empfangen sollten, und eine große Schar Heiden. Wir freuten uns ganz besonders, dass so viele Heiden erschienen waren; manche hatten sich das Haar mit gelben Blumen geschmückt. Bruder Gimm vollzieht die heilige Handlung der Weihe. Schulze übergibt ihm mit einem Spruch den Schlüssel, den Gimm ebenfalls mit Spruch und kurzer Ansprache übernimmt. Dann wird die Tür geöffnet, und hinein schreiten wir. Es ist heute das erste Mal, dass diese Kirche benutzt wird. Sie ist inwendig einfach, hinten am Altar bunte Fenster, der Altaraufsatz daher sehr einfach; in der Mitte über dem Altar ein buntes Fenster in Form des Kreuzes. Rechts die Kanzel, links eine Art Lettner für den Lehrer, gleich über dem Eingang eine Empore; hier stehen heute die 9 Posaunenbläser. Die Kirche ist ganz im gotischen Stil gebaut. Die Feier in der Kirche hebt an mit dem Lied: „Nun danket alle Gott!“ Dann tritt Gimm in Tätigkeit. Seine Ansprache lautete (auf Telegu, für den Besucher ins Deutsche gedolmetscht):
„Euch ist das Wort „Einweihung“ allen geläufig. Wenn wir aber heute in diesem neuen Hause uns versammelt haben, um es einzuweihen, halte ich es für notwendig, euch kurz zu erklären, was wir Christen unter Einweihung verstehen. Die Hindus weihen, wie ihr wisst, ihre Götterbilder und sind der festen Ueberzeugung, dass durch die bei diesem Akte über das Götzenbild vom Priester gesprochenen Zauberformeln das Bild gleichsam zu einem Gott verwandelt wird. Immer wieder hören wir von den Hindus, dass, wer das Götzbild anbetet, betet Gott an, wer davor niederfällt, fällt vor Gott nieder, wer es mit Füßen tritt, tritt auf Gott, weil es eingeweiht ist.
"Tumarelli=Jäger"
Ganz anders ist und soll sein unsere Vorstellung von einer Einweihung. wenn wir nun dies eben fertig gewordene haus einweihen, so bleibt das Haus an sich, was es ist, ein Gebäude von Kalk und Steinen. Was wir Christen unter Einweihung verstehen, ist, dass wir durch ein kniendes Gebet dies Gebäude unserm Heilande, in dessen Namen und für den es gebaut ist, übergeben, Ihn bitten, dass Er dasselbe fernerhin zu Seiner Verherrlichung, zum Bau Seines Reiches hier in Tumarelli, zu eurem und noch vieler Menschen Heile gebrauchen wolle. Gott ist ja, wie wir eben Joh. 4, 24 gelesen haben, Geist, Er ist als Geist überall und ihr könnt und sollt Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. Dennoch sollen wir Christen nach unsers Heilandes Willen uns versammeln zum gemeinsamen Gebet, zur Betrachtung des teuren Gotteswortes, zur heiligen Taufe, zum Nachtmahle. Dazu gehört, wie ihr wisst, ein Haus, eine Kirche. In einem solchen Haus sind wir heute zum erstenmal versammelt und wollen es jetzt mit dem Gebete einweihen, dass Gott in Zukunft alles, was hier in Seinem Hause geschieht, reichlich segnen möge. Wenn ich nun das Gebet spreche, sollt ihr nicht meinen, dass das Beten nut meine Aufgabe ist, nein, ihr alle sollt mit mir beten von Grund eures Herzens, so dass nicht ich allein, sondern die ganze hier versammelte Gemeinde dies neue, schöne Gebäude betend dem Heiland gibt. Wenn dies geschieht, weihen wir er christlich, d. h. nach dem Sinne unsers Heilandes Jesus Christus ein.
"Ausflug nach Tumarelli"
Das Weihegebet lautete: Dreieiniger, gnädiger Gott, wir danken Dir, dass Du uns gegeben hast, dies Haus zu bauen, wo Deine Ehre wohnen, Dein heiliger Name verkündigt und von Menschenzungen gepriesen werden soll. Wir bitten Dich von ganzem Herzen: Mache Dich nun auf zu Deiner Wohnung mit den Mitteln Deiner Gnade. Laß Deiner heiligen Taufe Werk an diesem Taufstein kräftig walten, laß Dein seligmachendes Wort von dieser Kanzel schallen, decke diesen Altar mit den gnadenreichen Gaben Deines Tisches, dass also dies Haus Dein Haus werde. Erhalte Dein Wort und Sakrament lauter und rein an diesem Ort, und alles Volk, welches Du jetzt und künftig hier versammelst, erleuchte und heilige durch dasselbe Dein Wort und Skarment, dass es Deine Behausung werde im Heiligen Geiste. Gedenke nach Deiner Güte des Bauherrn dieses Hauses und wie er Dir ein Haus gebaut hat, so baue Du ihm sein Haus und fülle es mit Gnaden und Frieden. Segne auch die Maurer dieses Hauses sowie die Kulis und gib ihnen zum Lohne, dass sie sich von der Finsternis des Heidentums zu Dir bekehren und selig werden. Uns alle, die wir als Deine Gemeinde an das Haus gewiesen sind, weide hier mit Deinem Worte treulich bis auf Kind und Kindeskind; sende allezeit treue Hirten und Lehrer an diese Stätte und erwecke unsere Herzen, dass wir dem Ruf, zu Deinem Hause zu kommen, gern folgen und das Evangelium Deiner Gnade hören. Speise uns mit dem Leibe und Blute Deines Sohnes, wenn wir hungrig und durstig kommen. Höre, erhöre unser gebet um Deines Namens Ehre willen durch Jesum Christum, Deinen Sohn, unsern Herren. Amen.
Hiermit war die Kirche ihrem heiligen Gebrauch übergeben.
Die erste heilige Handlung, die in der Kirche vollzogen wurde, war die Taufe von 47 Heiden, Männern, Frauen und Kindern. Gimm hielt die Taufrede und taufte alle Erwachsenen, Schulze taufte sämtliche Kinder. Die Taufrede lautete folgendermaßen: …“
(weiter folgt S. 85 – 93.)
Abschrift, Hervorhebungen, Ergänzungen von e.s.
(e.s)
(e.a./e.s)