"Auszüge von Briefen unserer Mutter an Vater im engl. Kriegsgefangenenlager Ahmednagar in Indien
aus den Jahren 1914-1916 (von Vater in Ahmednagar aufgeschieben)" (Marie Luise Arlt, geb. Speck)
Briefe von Luise Speck aus Waltair 1914/1915 und Kodaikanal 1915/1916 an ihren Mann Hinrich Speck während seiner 2 Jahre Gefangenschaft in Ahmednagar * (gesammelt von M.L.A., die den Text oben im Titel um 1980 auf den Umschlag der Briefsammlung schrieb). Hinrich hat die Originalbriefe wahrscheinlich aus Platzgründen in der Internierung nicht aufbewahrt, sondern auszugsweise in ein A5-Büchlein eingetragen, das er wahrscheinlich - dem zerfletterten Zustand nach zu urteilen - immer bei sich gehabt hat. Die meisten Briefe waren von L. S. in Englisch geschrieben, da sie so schneller durch die Zensur kamen (am 1.1.1915 schrieb L.S : "Heute muss unser Papa aber mal einen deutschen Brief haben").
(Für die Zeit vor diesen Aufzeichnungen siehe auch Tagebuch Luise Speck von Jeypore auf der Station)
* Anm.: Ahmednagar liegt bei Bombay (Kolonialenglisch; heute: Mumbai) an der Westküste Indiens. Allerdings kam der erste Brief Hinrichs nach der Trennung von Fort St. George in Madras (Ostküste); wahrscheinlich Verwechselung von M.L.A. die diesen Text um 1980 auf den Umschlag der Briefsammlung schrieb.
Abschrift der Brieftexte von Heiner (e.a.) - Erklärungen und Vervollständigungen in grün von Erik (e.s.).
12.12.1914. "Als Kriegsgefangene kamen wir am 5. Dezember hier an, nachdem wir am 1. XII. von Jeypore abgefahren waren ......" (aus Tagebuch Luise SPECK (Waltair) - [weiter im Tagebuch] (e.a.)
15.12.1914. (Da Papa Bandy polaila) "Mama ist krank und muss einige Tage im Bett bleiben. Marie Liesel ist sehr traurig, dass Mamma nicht aufstehen und mit ihr spielen kann. Wir beide vermissen den lieben Papa so sehr und hätten so gerne jede Woche einen Brief von ihm. Den ersten Tag nachdem Du fort warst, zeigte Marie Liesel immer den Weg entlang und sagte: "Da Papa Bandy polaila." (Da. Papa mit dem Wagen fortgelaufen) (e.a.)
18.12.1914. "Es geht mir wieder gut und seit heute kann ich etwas wieder auf sein. Frau Stäcker von Kotapad überliess mir ihre Kiraboti. Heute sagte sie zu ihr: "Tui polao, mu ekola jibi." (Geh Du, ich will allein gehen.) Mononita hatte es ihr vorgeredet. Als Marie Liesel heute nach Vater fragte, sagte sie: "Papa gola, ene tene." (Papa gegangen hin und her) Ich bekomme beinahe jeden Tag eine andere Antwort von ihr, aber sie spricht noch mehr Odiya als deutsch. Wenn Du zurückkommst, kannst Du vielleicht einen Puppenwagen für M.L. mitbringen von Madras, so einen, wie wir ihr zu Weihnachten schenken wollten. (Wunschgedanke am Anfang des Krieges: Die Männer wurden nur kurzzeitig in Fort (St.) George in Madras gesammelt, um dann für 2 Jahre, getrennt waren von ihren Familien, in dem Kriegsgefangenenlager Ahmednagar bei Bombay/Mumbai auf der anderen Seite des indischen Subkontinents eingesperrt zu werden). Es tut mir so leid, dass wir keinen in Calcutta bekommen konnten." (e.a.)
21.12.1914. "Heute erhielt ich Deine Karte, die Du auf dem Wege von Festung St. George, Madras nach Ahmednagar geschrieben hattest. Ich war so froh ein wenig mehr von Dir zu hören und hoffe, dass Du meinen Brief auch erhalten hast. Marie Liesel ist sehr intressiert, wenn ich ihr erzähle, dass Papa geschrieben hat. Gewöhnlich will sie auch die Karte etwas haben. Sie sendet dem Papa viele Küsse. Dann und wann will sie auch einen Brief an Papa schreiben. Da es in den letzten Tagen hier in Waltair recht stürmisch gewesen ist, hatten Frau Weber und ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten nicht auf der Veranda sondern in der Stube. Wenn Marie Liesel abends dann im Bett war, dachte sie natürlich nicht ans Schlafen, sondern wollte spielen. Sie zog das Moskitonetz heraus und ritt auf dem Gitter des Bettes, sich an den Moskitostangen festhaltend." (e.a.)
22.12.1914. "Ich packte gerade ein Weihnachtsgeschenk für unseren Papa. Marie Liesel singt den Tag über oft: "Alle Kinder, alle Kinder." Sie versucht auch zu singen: "Ihr Kinderlein kommet." Sie wird sich sehr freuen über den Weihnachtsbaum mit den brennnenden Kerzen." (e.a.)
24.12.1914. "Es ist fast 10 Uhr und ich bin sehr müde, muss aber, am Heiligen Abend, doch noch etwas an Papa schreiben. Marie Liesel hatte heute Fieber. Ich merkte es heutemorgen, als ich sie zum Baden fertigmachte. Sie war aber doch fröhlich und spielte und sprang, trotzdem sie, als ich sie mass, 40° hatte. Heutenachmittag 5½ Uhr nahm ich sie mit zur Feier nach dem grossen Bungalow. M.L. sang mit und war sehr froh als sie Geschenke und Süssigkeiten bekam. Nachher wurde der Weihnachtsbaum in unserer Stube angezündet. Da hättest Du Baby mal sehen sollen. Sie lief vor Freude von einem Zweige zum andern und zeigte all die verschiedenen Sachen. Dann holte sie Hedwig Sibbers, um auch ihr alles zu zeigen. Einen Engel nannte sie "Ninni". Immer wieder lief sie um den Baum herum. Heutemorgen fragte ich sie, ob sie Mama's Liebling sei. Sie antwortete: "Papata" (Vater´s Liebling; e.s.). (e.a.)
27.12.1914. "Marie Liesel und ich freuten uns sehr über den Brief
von Papa. Sie wollte auch den Brief haben und lesen. Gestern war sie mit Hedwig
zum Strande, das erste Mal, seit wir mit ihr hin waren. Baby geht nicht zum
Kindergarten
,
da sie noch zu klein ist.
Fräulein von Wedel hat nur Kinder über 2 Jahre." (e.a.)
28.12.1914. "Marie Liesel kann jetzt deutlich sagen, dass Papa in Ahmednagar ist. Sie ist jetzt ein grosser Freund von Dietrich Piening (Sohn von P.Piening). Sie mag zu gerne mit ihm zusammen essen. Beide sitzen dann auf einem Stuhl." (e.a.)
29.12.1914. "Die erste Photographie, die ich hier gemacht habe, ist die von Frau Weber's und unserm Weihnachtsbaum. Du musst denselben doch sehen. Baby war heute sehr vergnügt. Wenn ich sitze, holt sie oft ihren Schemel für mich. Sie meint, Mama muss auch die Füsse ausruhen, wie Frau Weber tut. Abends gehen die Kinder oft draussen und singen: "Laterne, Laterne." Wenn M.L. sie sieht, fängt sie auch an zu singen." (e.a.)
1.1.1915. Neujahr Waltair. "Heute muss unser Papa aber mal einen deutschen Brief haben. Heutemorgen war ich zum Heiligen Abendmahl. Schade, dass wir es nicht zusammen nehmen konnten. Gesternabend wollten wir noch mal den Baum anzünden, aber er fing Feuer, das des dürren Holzes wegen schnell um sich griff. Ein Teil des Baumes stand .... in Flammen. Es ging aber alles gut und ist wenig Schaden angerichtet. Der Baum wurde schnell hinausgeschafft und ist auch nur sehr wenig vom Baumschmuck verdorben. Wie dankbar wir waren, kannst Du Dir denken. Der Herr zeigt uns immer wieder, dass er uns nahe ist und wir in seinem Schutze leben und wohl geborgen sind. "In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über uns Flügel gebreitet." Gestern Nachmittag war ich zum ersten Mal wieder zum Strand. Wie freute sich unser Töchterlein! "Da, das grosse Wasser" rief sie, als sie es von weitem sah. Marie Liesel tut mir jetzt oft leid, dass ich nicht mehr mit ihr spielen kan, wo ihr Vater in Ahmednagar ist. Sie will nicht immer wissen, dass Du in Ahmednagar bist. Oft sagt sie: "Vater Hause gangen". Dass gestern abend der Baum brannte, war ihr sehr interessant. Sie wollte immer wieder Funken austreten und lief am liebsten mitten hinein. Noch heute beim Spazierengehen machte sie das Austreten nach und sagte: "Feuer. Feuer."" (e.a.)
3. Januar 1915 (Waltair) Aus Tagebuch Luise SPECK: "Weihnachten und Neujahr liegen hinter uns. Am 27.12. kam der erste Brief von Hinrich, geschrieben am 27. nachdem sie tags vorher in Ahmednagar angekommen waren. Einmal wöchentlich dürfen die Kriegsgefangenen einen englischen Brief schreiben und wie es heisst, einmal im Monat einen deutschen. Marie Liesel hat es gelernt, dass Vater in Ahmednagar ist, aber nicht immer ist sie damit einverstanden. Mitunter fragt sie: "Ahmednagar nein, Hause gangen!" Sie will jetzt gern das Lied: "Ihr Kinderlein kommet" singen. Aber weiter als: "Kinderlein, ihr Kinderlein, alle Kinder kommt", kommt sie noch nicht. Ein grosser Spass war es ihr, in den Weihnachtstagen mit den anderen Kindern zu gehen, die mit Lampions umhergingen und sangen: "Laterne, Laterne, Sonne Mond und Strene. Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht, aber meine Laterne nicht. Meine Laterne ist so schön, ich kann damit spazieren gehn, in den grünen Wald, wo das Echo schallt und die Büchse knallt." Davon sang Marie Liesel nur "Laterne, Laterne, Laterne." Am Heiligen Abend hatten wir eine gemeinsame Feier im grossen Zimmer im grossen Haus mit nachfolgender Geschenkverteilung für die Kinder von Missionar D. Prazer und Miss. Blackedear durch Herrn und Frau Timmcke, da die englischen Damen keine Erlaubnis bekamen zum Kommen. Nachdem unsere kleine Hausfeier beendet war, bei der Marie Liesel immer kräftig mitsang, lief sie immer wieder um unseren Baum, erst musste die Mutter verschiedentlich mit, der sie alle ein ........ Sachen zeigte und dann Tante Hewig Sibbers. Wieviel schöner wäre alles gewesen, wenn der Vater mit uns hätte feiern können. Am 1. Feiertag veranstalteten Fräulein (Anna) Asmussen, Ilse von Wedel eine gemeinsame Feier im "Fisch"-Bungalow zu der Miss. D. Prazer, Mr. und Mrs. Lazarus und Miss Sandford gekommen waren. Frl. (Anna) Asmussen, als Engel verkleidet, deklamierte ein Gedicht und teilte dann an Gross und Klein Geschenke mit passenden Versen aus. Zwischendurch sangen alle Weihnachtslieder und nachher machte Ilse von Wedel mit den Kindern Kreissspiele. Sylvester Abend wollten wir unsern Baum noch mal anzünden, aber während Marianne Weber damit beschäftigt war, fingen die Nadeln des Besuarinenbaumes Feuer und schnell stand ein Teil des trockenen Baumes in Flammen. Sogar die Reepers des Daches hatten schon Feuer gefangen und musste das mit einem nassen Lappen am langen Stock vom Koch wieder gelöscht werden (DAS war wohl keine Sekunde zu früh !). Der Baum wurde schnell herausgeschafft und sind sogar die meisten Weihnachtssachen verschont geblieben. Uns war es eine Ermahnung vom Herrn: "In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über uns Flügel gebreitet. In Deinem Schutze durften wir das Jahr beschliessen und das neue anfangen." Am Neujahrsmorgen feierten wir gemeinsam das Heilige Abendmahl. Am 3.1. wurde ein kleiner Rössing geboren: Victor." (e.a.)
Fisch-Bungalow: "alle lebten dort vorübergehend in Art Sammellager Waltair in englischen freiwerdenden Offiziers-Bungalows; so: das „Fisch“. (e.s.)
4.1.1915. "Marie Liesel war heute mit Schwester Hermine und Schwester Mathilde zum Strand." (e.a.)
7.1.1915. "Marie Liesel war heute zum Kindergarten mit Mononita. Sie ist schon einmal dort gewesen mit Schwester Elisabeth und auch schon einige Male mit Hiraboti." (e.a.)
10.1.1915. "Marie Liesel ging 3 Tage mit Mononita zum Kindergarten und Fräulein von Wedel sagt, dass sie sehr gern immer kommen kann, da sie durchaus nicht lästig ist. Als Fräulein von Wedel sie eines Morgens fragte, wo ihr Vater sei, antwortete sie : "Ahmednagar" (e.a.)
21.1.1915. "M. Liesel lernt immer mehr Worte. Sie liebt jetzt zu sagen:"Baby gern haben". Sie ist so glücklich mit Gustel Weber und Gustel sieht immer nach ihr, wenn sie in ihrer Nähe ist." (e.a.)
16.1.1915. "Unsere Tochter will mit dem puff puff Bandy nach Ahmednagar, um ihren Vater zu sehen. Sie kann schon jetzt mehr Sätze sagen. Sende Photographie: Cornelio, M. Liesel und D. Piening vor Schwester Hermine's Rikshaw." (e.a.)
(Bild taucht ein 2. Mal auf: ".. kam ein Originalfoto mit der kleinen Mutti im Geschirr eines Ochsenkarren, muss 2-3 Jahre als gewesen sein . Das hatte Tante Ha.S. offensichtlich aus dem Fundus von G.'s aus Bielefeld .. im Wagen sitzt 'Hermine KNUTH'... (m.e.a.a. 2007)
19.1.1915. "M. Liesel geht mitunter nach Ahmednagar zu Papa. Gestern morgen gingen Schwester Hermine (Knuth) und ich mit ihr nach dem Kindergarten, um die Kleinen spielen zu sehen. Marie Liesel war nicht so frei als wenn sie alleine geht. Sie wollte immer nahe bei ihrer Muttter bleiben. Gerade jetzt kam Marie Liesel hinein, um eine Puppe zu holen, die begraben werden sollte. Eine andere Puppe hatten die Kinder schon begraben. Wer zuerst auf den Gedanken gekommen ist, weiss ich nicht. Ich bestellte wieder ein paar neue Schuhe für M.L. Es ist schon das zweite Paar in Waltair." (e.a.)
1.2.1915. "Heute sende ich 2 Photographien, die am 27. Januar aufgenommen sind. Es war schwierig mit all den Kindern. Auf dem einen Bild sitzt M. Liesel im Vordergrund. Auf dem anderen tragen Martin Jörgensen und Marie Liesel einen Kaudi. Schwester Elisabeth hilft mir beim Bildermachen. Marie Liesel spielt jetzt viel mit Olga und Hans Stäcker. Hans nennt M. Liesel immer Kille, Kille. Er kann nicht vergessen, dass M.L. in den ersten Tagen hier immer kitzeln wollte, wobei sie lachend "Kille, kille" sagte. M. Liesel sagt, Papa schickt viele Küsse für Bäby." (e.a.)
2.2.1915. "Morgen wollen wir ein Packet für Papa schicken ( ..... - .... , 1 Flasche ..am, 1 ssChlipse und eine Schlipsnadel. Letztere hättest du schon zu Weihnachten haben sollen. Soeben klettert M.L. mir auf den Schoss, zeigt mir ein Bild und meint, dass sei Vater, deine Photographie bekam einige Küsse von ihr. Heutmorgen war ich mit ihr zum Kindergarten. Sie geht zu gerne hin." (e.a.)
6.2.1915. "Vor einigen Tagen sah ich, dass M. Liesel einen Fuss in die grosse Badewanne steckte, die voll Wasser war. Nachdem ich M.L. hineingenommen hatte, nahm sie ihren Schemel und setzte sich neben neben die kleine Badewanne, in der sich viele Photographien zum Auswässern befanden. Bald aber stieg sie hinein und besah sich ein Bild nach dem andern. Sie und Hans Stäcker stritten sich eines Tages um Mononita. eder sagte:"Meine Mononita". Das war natürlich ein Spass für Mononita. Oft umarmt die Kleine mich und sagt: "Meine Mama!" (Gerade so machte Papa es, als er klein war. Er kroch auf Mutters Schoss und fiel ihr mit beiden Händen um den Hals. Wenn Mutter ihn dann fragte, wohin er gehöre, sagte er sie fest an sich drückend:"Nach Dir") (hat H.S. eingetragen/zugefüigt?). Marie Liesel gebraucht jetzt oft das " ich und mein" und redet nicht mehr immer in der 3ten Person von sich." (e.a.)
10.2.1915. "Sende dem l. Papa wieder 4 neue Photographien. Hat Marie Liesel sich wohl verändert? Vielleicht kennst Du nicht ihren Gesichtsausdruck auf dem kleinsten Bilde. Sie macht jetzt oft ein solches Gesicht. Ich bin so froh, dass ich Dir dann und wann Bilder machen und senden kann. Hedwig nimmt M.L. mitunter mit zur See. Oft fragt die Kleine:"Sollen wir nach dem grossen Wasser gehen?" Sie freut sich, wenn sie es nur von ferne sieht." (e.a.)
11. Februar 1915 (Waltair)
(Aus Tagebuch L.S., nicht Brief) "Kaisers
Geburtstag, 27. Januar ein Leuchtpunkt des letzten Monats. Morgens hatten wir
Gebetsstunde. Darauf feierten wir mit Wein und Kuchen, gestiftet von
Schwester Elise von der Hermannsburger Mission
(gibt es heute noch; e.s.) zur Mitfeier von
Kaisers Geburtstag. Hedwig
Sibbers
trug als Germania ein von H.
Gloyer
(Missionar Gloyer war dann 1936 als Altmissionar noch etwa
ein Jahr einflussreicher Mentor für RHS - e.s.) verfasstes Gedicht vor. - In der Mittagsstunde wurde Siegrid Oppermann
geboren. Am 29. kam der 1. Brief von Hinrich
(Speck) im Januar geschrieben an.
Wir sind Gefangene, dass wir das nur nicht vergessen. An Herrn Timmcke
kam ein Brief vom Collector, dass Frauen und Kinder die Engländer beleidigt
haben sollten. Wenn das noch mal vorkäme, bliebe nur ein Weg offen, dass wir
nicht vom Compound dürften. - Was konnten sie für eine Veranlassung haben, sich
so beleidigt zu fühlen ? Der Hass kann schon allerlei erfinden und falsch
verstehen ! Nun sollen wir bald in ein grösseres Camp in die Berge. Wohin? -
Marie Liesel hat grosse Freude mit den anderen Kindern zu Tante Ilse in den
Kindergarten zu gehen. Sie behält allerlei vion dem dort Gehörten. Sie betet
mitunter allein:"Lieber Dott, mach mich promm, dass ich in den Himmel komm." -
Die Spiellieder fallen ihr auch eins nach dem andren ein: Wir (s)pielen, wir
pielen, wir fangen lu(s)tig an" "Murmeltier kann tanzen" Als ich einst
verreiste, reist ich nach Tyrolerland, da war ich der kleinste, von allen
wohlbekannt. Männer und Frauen standen all vor meiner Tür, wollten sich
beschauen das schöne Murmeltier. Murmeltier kann tanzen, eins und zwei und drei
und vier, o Du scharmantes, du schönes Murmeltier".
Wenn Marie Liesel unartig gewesen ist, kommt sie nachher: Baby lieb sein, nicht
wieder tun. Wie fehlt uns oft der Vater, sich mit an unserm Kinde zu freuen.
Marie Liesel weiss wohl, dass Vater in Ahmednagar ist und nur Vaters Bild
haben wir hier." (e.a.)
(+ mehrere Briefe)
15.2.1915. "... Gestern kam Schwester Hermine's Wassermann mit unserm Kinderwagen von Jeypore. Das war aber eine Freude für M.L. Heute wurden die Räder wieder angemacht und dann musste M.L. hineinsteigen. Jetzt fährt Mononita sie im Wagen zur See, begleitet von Hedwig. M.L. ist jetzt fast 2 Jahre ..." (e.a.)
(+ mehrere Briefe)
17. März 1915 (Waltair)
"... Der wichtigste Tag in
der ganzen Zwischenzeit der 1. März, an dem unser Reimer Hinrich geboren
wurde. Mit 3-maligem Niesen kam er zur Welt. Schwester
Hermine war zur
Pflege bei mir. Als die Mama vorher Schmerzen hatte und Marie Liesel das merkte,
fargte sie von ihrem Bett aus: "Mama, tut weh?" und nachher nochmal: "Mama, weh,
weh?" " Baby auch ...... weh", womit sie die Mama trösten wollte. Dass der
kleine Bruder zu uns gehörte, wollte ihr anfangs nicht einleuchten. Solange
Schwester Hermine hier war, meinte sie: Klein Bruder, Tante
Herminens Bruder. Sie
sorgte doch für ihn. 8 Pfund wog Reimer Hinrich und nahm in der ersten 2
Wochen 1 Pfund zu. Er ist viel ruhiger als Marie Liesel es war. Meistens kommt er
in der Nacht nur 1 Mal zum trinken. Am 14. III. wurde unser Söhnchen getauft von
Herrn Leuckfeld, am Sonntag Lätare. Während der Liturgie und Taufe war Marie
Liesel auch zugegen. Bei der Taufe fragte sie: "Was macht der, Mama, was
macht der ?" Sie beobachtete alles sehr genau. Reimer Hinrich war bis
nach der Taufe wach und die ganze Zeit sehr ruhig. Während der Predigt schlief er
auf Diddi Jörgensens Schoss. Herr Leuckfeld predigte über die
Epistel: Römer 5. Nach der Taufe sangen wir das Lied "Umschliess mich ganz mit
deinem Frieden, mein treu erkannter Selenfreund ..." Taufpaten sind:
Schwester
Hermine,
Ilse von Wedel,
Herr Jörgensen
(in Vertretung war Diddi und Herr
Andersen).
Schwester
Hermine, Ilse von Wedel und Diddi Jörgensen waren
nachmittags mit Hedwig
(Sibbers)
zum Kaffee hier, zur Taufe und Hinrichs
Geburtstagsfeier. Marie Liesel weiss jetzt aber, dass der kleine Bruder
zu uns gehört und will ihn nicht mehr fort lassen. Nur einmal meinte sie, ich
sollte ihn nur fortschicken, zum lieben Vater und Baby auch zu Vater. Wie würden
wir uns freuen, wieder mit dem Vater vereinigt zu werden, aber es scheinen
noch keine Aussichten zu sein fürs erste. Heute meinte Marie Liesel:
"Klein Bruder , immer schläft er." Sie möchte schon gern mal mit ihm spielen.
Eifersucht kennt sie nicht, es ist ihr selbstverständlich, dass Klein Bruder bei
der Mama sein muss. Sie kann schon allerlei helfen. Sehr treu holt sie den
.... und bringt ihn nach Gebrauch wieder ins Badezimmmer. Heute wollte sie den
Bruder ganz alleine spazierenfahren. Mama sollte den Wagen nicht anfassen. Wenn
er dann gar nicht weiter wollte, fasste sie ins Rad und sagte: "Klein Bruder,
komm!" An ihren Puppen übt sich Marie Liesel im Erziehen. Es kommt vor,
dass eine Puppe den ganzen Tag im Badezimmer liegt, weil sie "unartig gewesen
ist". Zwischendurch bekommt sie auch Schläge: "Puppe lieb sein? Nein hat er
gesagt" oder " sagt er". Sie kann jetzt das "Ich" und "Mein" und "Du" schon gut
gebrauchen. ..." (e.a.)
Für die Zeit nach diesen Aufzeichnungen (Speckseite) - Luises Tagebuch ist vorhanden in Hinrichs Abschriften bis 1. März 1916, Waltair und Kodaikanal. Reinschrift in Arbeit. Wer hilft mit ?!
Briefe von Hinrich Speck (nach Waltair und Kodaikanal - leider nichts erhalten ?)
1. WK. H.S. in Ahmednagar, L.S. und M.L.S. in Kodaikanal, Gefangenschaft
In Arbeit : Weitere überlieferte Briefe.
(e.a.)