Vom Untergang Kiels am 4./5. Januar 1944
"Onkel" Reimer Hinrich Speck (Brief an die Eltern und Geschwister zu Hause in Lyck/Ostpreussen)
Seegaard (Søgaard, DK), 6.1.1944 -
Ihr Lieben daheim ! - Heute mittag bin ich wohlbehalten wieder hier
eingetroffen. Ich kann wohl mit Recht sagen, dass es eine sehr
abwechslungsreiche Fahrt war, die ich anderen nicht wünsche. In
Königsberg
war ich noch mit Marieliesel
(M.L.S./M.L.A.) zusammen. Gegen 20 Uhr fuhr ich ab und traf gegen 7.00 mit 1½
stündiger Verspätung in Berlin ein, erwischte aber noch am
Lehrter Bahnhof
den Zug nach Hamburg. Der Lehrter Bahnhof war völlig ausgebrannt. In
Hamburg trafen wir mit 3 stündiger Verspätung ein, weil wir auf der Strecke
wegen Fliegeralarm nicht weiter kamen. In Hamburg erledigte ich meine Sachen und
fuhr um 16.29 von
Altona
nach Kiel, dem der
Tagesangriff am 4. (Januar) gegolten hatte. Dort
besuchte ich abends Körtjes, die herzlich grüssen lassen, und mein altes
Kameradschaftshaus, wo ich von einem kurzen Luftalarm überrascht wurde.
Anschliessend ging ich in mein Hotel
"Berliner Hof" am
Bahnhof, wo ich abgesehen von einem kurzen Luftvoralarm ruhig schlief. Am
nächsten Morgen ging ich zum
Oberlandesgericht, wurde aber auf dem Wege vom Fliegeralarm überrascht. Nun
ging es zu einem festen Luftschutzbunker dicht bei der Post
(wahrscheinlich heutige Post/DHL Andreas-Gayk-Strasse / Stresemannplatz, Bunker
dann am Schwedenkai/Stena-Line ?) auf einem freien
Platz am Hafen. Der Beton war stark, etwa 3m Erdaufschüttung. Der Alarm begann
etwa 10.45. Als bis 11.25 noch kein Flugzeug zu sehen war, beruhigte sich schon
mancher. Ich stand noch mit anderen Soldaten draussen vor. Die Flak schoss mal
kurz auf ein einzelnes Flugzeug, das von Südwesten her Kiel überflog. Gegen
11.30 schoss die Flak dann heftiger, und als wir aufblickten sahen wir in etwa
8000m Höhe einen grossen Verband amerikanische Bomber gerade auf uns zufliegen.
Wir standen noch draussen, als die 1. Welle über uns hinwegbrauste. Aber da
heulte auch schon der Segen heran. Kaum waren wir drin, als es ringsherum
niederprasselte und eine
Sprengbombe in der Nähe etwa 50m einschlug auf einen anderen Bunker, ohne
ihn jedoch zu zerschlagen. Einige
Brandbomben lagen vor dem
Eingang und der unangenehme Rauch störte uns. Wir schafften sie schnell weg.
Draussen war alles in Rauch gehüllt. Aber da rauschte auch schon die Ladung der
zweiten Welle heran. Die Häuser ringsherum brannten, auch die Autos auf den
Strassen. Einige Autos wurden schnell aus den brennenden Häusern geschoben. An
Löschen war natürlich nicht zu denken. Dann kurz darauf rauschte die dritte
Welle heran, bald auch die vierte. Erst als es ruhiger wurde, gingen wir in die
Häuser, um Möbel zu bergen. Nach Entwarnung strömte alles heraus aus den Bunkern
und nun setzte ein ziemliches Gewimmel an. Ûberall wurde geschleppt. Die Häuser
brannten schon lichterloh, die üblichen Flächenbrände, wo die Häuser nicht zu
retten sind. Auch der Bahnhof war schwer getroffen und brannte. Etwa alle 2m lag
eine Brandbombe, oft noch dichter. Vom Bahnhof zur
Holstenstrasse
dürfte wohl das meiste hinüber sein. Kiel hat durch die 3 letzten Angriffe am
13.12.43 und
4. und 5.1.44 ein
anderes Aussehen bekommen. Auch der "Berliner Hof" brannte. Meine Koffer habe
ich gerettet. Am Bahnhof setzte das grosse Löschen ein, aber auch die Kirche am
Bahnhof wurde ein Opfer der Flammen. Da der Zugverkehr ausfiel, ging ich gegen 2
Uhr mit einem anderen Leutnant Richtung Meinersdorf. Unterwegs liessen
wir uns von einem Auto mitnehmen nach
Neumünster. Von dort
ging es dann per Bahn nach
Flensburg und heute weiter nach hier. Das war mein erster
Fliegergrossangriff in einer Stadt. Es wurden 81 Maschinen abgeschossen
(Bericht
1) (Bericht
2), wie
heute der
Wehrmachtsbericht bekanntgab. Im ganzen waren es vielleicht 600. Das Bild
war grausig. Gleich nach der ersten Welle gab es nur noch ein Rauch- und
Flammenmeer. Soviel von meiner Reise. Mir selbst geht es ausgezeichnet. -
Nun seid alle recht herzlich gegrüsst - von Eurem
Reimer Hinrich (*
1914 in Indien, Sohn v. Missionar H.Speck)
(e.a.)
(Es ging ihm wahrscheinlich nicht so ausgezeichnet; im
nächsten Brief vom 21.1. steht ".. ich kam in der
letzten Zeit nicht zum Schreiben, hatte einfach keine Lust dazu, wenn ich so
sagen darf. Auf der Rückreise und besonders durch den Rauch in Kiel hatte ich
mir einen kleinen Stirnhöhlenkatarrh zugezogen so dass ich mich nach dem Dienst
gleich hinlegte. Dann kamen noch ...")
(e.a.)
"Das brennende Kiel am 5. Jan. 1944" (Dr. H. Voss)
(Bild hjv.dk/)
R.S. war nach mehreren schweren Verwundungen in Russland in Sögard/ Seegard/DK
in Nordschleswig als ROA/Reserveoffiziersanwärter-Ausbilder im II WK.
(e.a.)