Geschichte eines Missionarskindes

von Erik Speck-Rosenbaum 2008

Zu Weihnachten 2008 passt es ja, kurz ein Bild von unserem Weihnachten unterm Tamarindenbaum mit indischem Oriya-Gottesdienst in unserem Wohnzimmer des Missionsbungalows in Laxmipur 1959 voranzustellen, wenn ich von Indien vor fünfzig Jahren erzählen will.

   Um Indien zu verlassen, musst du erst Indien mit deiner ganzen Haut aufgesogen haben. So oder so ähnlich sollte die letzte der Lebensmaximen heißen, die uns unter die indischen Sommersprossen in die Seelen eingebrannt wurden. Mehr prosaisch könnte es auch heißen, wer einmal in Indien gelebt hat, kann es nie wieder vergessen. Wegen der scheinbaren engen Perspektive von meinen nur vierzehn Kindheitsjahren von 1952 bis 1966 in Indien muss ich am Anfang einwenig von der Mission erzählen.

   Im vorletzten Jahrhundert, "als wir noch Deutsch-Südwest in Afrika hatten" und der Kaiser-Wilhelm-Kanal noch nicht durch die preußische Provinz Schleswig gestochen war, begann die Breklumer Mission, als der erweckungsbewegte Wanderprediger Christian Jensen 1876 sein Prediger Seminarhaus im frommen Bauernland Nordfrieslands eröffnete. Bald nachdem Jensen seine ersten Prediger nach Amerika in die Neue Welt unter die deutschen Auswanderer geschickt hatte, segelten die ersten Heidenmissionare Pohl und Bothmann 1886 nach Indien. Nach ihrer abenteuerlichen Entdeckungsexpedition von Rajamundri auf dem Godaveri Fluss hinauf ins Heidenland der ostindischen Deccan Ebene waren sie beim feindlichen Maharadscha von Jagdalpur in Bastar im heutigen Staat von Madhjapradesh gescheitert. Nach der Flucht ins Nachbarland konnten sie von dem freundlich gesinnten Maharadscha Devi von Jeypur ihr erstes Missionsgrundstück in Kotpad keine fünfzig Meilen von Jagdalpur entfernt erwerben und gründeten die erste Missionsstation im Jeypurland von Orissa.

   Am Anfang unserer Indien Geschichte ist dann unser Großvater Siem Tiessen Speck am Anfang des letzten Jahrhunderts 1903 als junger Missionar nach Indien ausgezogen. Vier Jahre später hat er seine junge Verlobte, unsere Großmutter Marie Speck, mit dem indischen Ochsenkarren auf drei langen Wochen von Waltair nach Salur und hinauf ins Missionsfeld nach Jeypur mitten im unbekannten sogenannten Orissa Bergland gebracht. Hier wurde 1910 in Jeypur mein Vater Reimer geboren. Der Großvater begann mit dem Bau des Missionsbungalows auf der neuen Missionsstation in Bissamcuttack in Ost-Jeypur, als er dann 1912 wegen Herzkrankheit und Tropenuntauglichkeit nach Deutschland zurückgerufen wurde. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, konnte mein Großvater, der schon die Fahrkarten für die Schiffspassage erhalten hatte, nicht wieder nach Indien ausreisen, und in Indien wurden dann 80 deutsche Missionare in Ahmednagar und ihre Familien teilweise in Kodaikanal interniert, bevor sie alle 1916 nach Deutschland repatriiert wurden.

   Erst letztes Jahr auf einem Vettern und Kusinen Treffen 2007 realisierte ich, dass es eine weitere Missionarsfamilie in unserer Verwandtschaft in Indien vor nun 100 Jahren gab, als ich das erste mal meine Kusine zweiten Grades kennen lernte. Ihr Großvater nämlich, Hinrich Speck, der Bruder von meinem Großvater, und ihre Großmutter Luise, geborene Tiemann, lebten und missionierten zusammen mit meinen Großeltern in Jeypur. Ich erfuhr sozusagen das erste Mal von einem zweiten indischen Großvater. Ich hörte das erste Mal davon, dass der Großonkel die Kirche in Jeypur 1913 erbaut hatte und dass er in Ahmednagar wie später mein Vater und seine Familie in Kodaikanal interniert waren, wo ich später acht Jahre zur Schule gegangen bin.

Die Missionars-Terms der Missionarsfamilie Speck in Indien

   Mein Vater Reimer Speck wuchs in Dithmarschen und in Breklum auf und machte in Husum Abitur und nach seinen Studienjahren in Bethel, Zürich und Königsberg sein theologisches Examen in Kiel und Vikariat in Altona. Er wurde 1935 nach Indien als Missionar der zweiten Generation ins Jeypurland ausgesandt zum ersten Missions-Term. Meine Mutter Ille Speck fuhr ihm 1936 nach und unsere jungen Eltern heirateten 1936 in Jeypur, Orissa. Dort wurde mein ältester Bruder Siem geboren. Sie gingen auf die Missions-Station Kotpad. Während der Internierung von 1939 bis 1946, wurden dann Theo und Hans in Purandhar geboren. Nach der Internierung lebte meine Missionarsfamilie 1946 bis 1951 im Nachkriegs-Deutschland in Aumühle bei Hamburg, wo meine Schwester Karen und mein vierter Bruder Michael geboren wurden.

   Im zweiten Missions-Törn 1951 bis 1954 zog die Familie Speck nach dem Krieg mit schon fünf Kindern wieder nach Indien auf eine neue Missionsstation nach Nowrangapur. Hier wurde ich 1952 geboren, im selben Jahr, als der Vater das Nowrangapur Christian Mission Hospital baute und auch der deutsche neue Mercedes-UNIMOG als neues Landwirtschafts-Versuchsgerät und späterem langjährigen Dienstwagen des Missionars ankam. Die drei Geschwister kamen in die amerikanische High Clerc School in Kodaikanal und dort in das neu gegründete deutsche Penryn Boarding, Siem mit 13, Theo mit 7 und Hans mit 6 Jahren.

   Im Missionarsurlaub von 1954 bis 1956 war die Familie für zwei Jahre in der Heimat in Deutschland achtern Diek mitten auf der Nordsee-Insel Föhr. Der Vater war in Nowrangapur erkrankt und es wurde für seine Kur ein altes Landhaus in Alkersum ausgesucht. Nach kurzem Aufenthalt noch in der Einklassigen Dorfschule Alkersum kamen die vier älteren Geschwister nach Midlum in die Schule. Die Bushaltestelle heißt nach der "indischen Missionarsfamilie" seitdem heute noch "Klein Indien". Der Älteste, Siem, wurde in Wyk auf Föhr als Siebzehnjähriger ins deutsche Inselinternat gegeben, als die Familie 1956 zum dritten Mal nach Indien fuhr.

   Zu Beginn des dritten Missions-Terms von 1956 bis 1962 nach einer langen vierwöchigen Schiffsreise diesmal rund um Afrika und nach nur vier kurzen Tagen in der neuen alten Missionsstation von Laxmipur kamen Theo, Hans, Karen und Michael 1956 und ich dann 1958 in die Kodai School ins Penryn Boarding. Theo wurde 1961 nach seiner Graduation in Kodai School mit Siebzehn nach Hamburg Germany zu einer Pflegefamilie geschickt, um sein deutsches Abitur zu machen. Nach Hans´ Graduation in Kodi 1962 kam die Familie ein Jahr auf Missionarsurlaub ins Missionshaus Othmarschen nach Hamburg. Hier blieb Hans in Deutschland in einer Pflegefamilie, um in Hamburg sein Abitur zu machen.

   Die Familie ging zum vierten Missions-Term von 1963 bis 1966 nach Indien, nach Laxmipur und Kodi. Meine Eltern, meine Schwester Karen, 17 Jahre alt, mein Bruder Michael, 16 Jahre und ich, 14, fuhren im März 1966 endgültig von Indien fort.

Missionarsfamilie in Germany

   Nach einem halben Jahr im Hamburger Missionshaus und an der Schlee-Schule in Groß Flottbek kamen wir im Herbst in ein Bauernhaus in Molfsee bei Kiel. Der Vater flog wieder nach Indien und hat halbjährlich bis zur Pensionierung 1975 als Missionar gependelt. Drei Geschwister gingen in Kiel in das Gymnasium und ich machte 1972 an der Max Planck Schule in Kiel mein Abitur. Ich machte Lehrerexamen und arbeitete unter anderem in der biologischen Landwirtschaft und in der Waldorfpädagogik. Ich habe 1976, 1984 und 1994 Indien wieder besuchen können.

Mein erster Schultag

   In meiner indischen Kindheit waren meine Eltern mit uns Kindern alle Jahre mal auf Urlaub in Germany, mal nach zehn, mal nach fünf und zu letzt nach drei Jahren. Wie andere Mitteleuropäer nach Mallorca in Urlaub fahren, so waren wir ab und zu in Deutschland. Mein Eltern waren vor meiner Zeit nach dem indischen Internierungslager dreieinhalb Jahre im Nachkriegs-Hamburg. Dann war die Familie das nächste Mal schon mit mir für zwei Jahre Heimaturöaub zur Erholungskur meines TB-verdächtigten kranken Vaters auf der Nordseeinsel Föhr und das andere Mal ein Jahr Missionsurlaub wiedermal in Hamburg, um dann in Molfsee bei Kiel in Norddeutschland endgültig auf Urlaub in Deutschland zu bleiben, im Exil, wie es die amerikanischen Ausländer und meine indischen amerikanischen Schulfreunde zu sagen pflegen. Es gab daher für mich viele Erste-Schultage.

   Als ich zwei war, kamen die älteren Brüder in Wyk auf Föhr an die deutsche Schule. Mit sechs Jahren und ohne ein Wort Englisch kam ich in Indien in die amerikanische Missions-Schule und ins deutsche Internat in Kodaikanal. Mit Zehn kam ich in die Quint am deutschen Jungengymnasium in Hamburg und ein Jahr später wieder zurück in meine alte Klasse in Indien. Dann nach dem letzten Missions-Törn der Eltern wieder drei Jahre später In Hamburg in eine neue deutsche Klasse, die ich dann im Sommer verließ, um in Kiel nochmals in eine weitere Schule und in eine neue Klasse eingeschult zu werden. Die ersten deutschen Schultage waren immer wieder wie der Erste hart und unangenehm für mich in einem mir fremden Land, wie es Schule für deutsche Kinder im Urlaub auf Mallorca plötzlich auch sein würde.

   Ich war in Kodaikanal glücklich und ganz normal vier Jahre in eine English Media School gegangen. Dann waren wir von Indien "nach Hause" gefahren, wie andere auf eine exquisite Weltreise in den Urlaub, mit dem Schiff auf einer zwei Wochen langen Seefahrt von Bombay/Mumbai über den indischen Ozean, durch das arabische Meer und den Suez Kanal über das Mittelmeer nach Italien geschippert, und von Neapel mit dem Zug über die Alpen nach Hamburg. Der erste deutsche Schultag war schrecklich, und ich erinnere nur noch die langen Glasflure des typisch deutschen Nachkriegs-Schulhauses im Pavillon-Baustil mit den schwarzen Vogelsilhouetten und dem Geruch von Schulmuff und Bohnerwachs. Vielleicht meinte der Deutschlehrer Dr. Grundel es gut mit mir und meiner ganzen Angst vor den zweiundvierzig glotzenden Quintanern, als er mich, den neuen Schüler aus dem ganz besonderen Ausland, als Mogli das Dschungelbaby vorstellte.

   Die erste Woche war wie ein Spießrutenlaufen und hat den Schrecken des ersten Tages nur verlängert. Der junge Musiklehrer hatte gerade nur mitbekommen, dass ich frisch aus einer amerikanischen Schule kam, und ließ mich zu meinem ganzen Elend vor der Meute der grausamen Quintaner ein englisches Lied allein vorsingen. Ich stammelte unwillig und sterbend vor Angst die Strophen zu My Bonny lies over the ocean, My Bonny lies over the sea! die ich natürlich auswendig konnte, während der deutsche eitle Musiklehrer mit kräftigen Schlägen seine Lieblingsmelodie auf dem Klavier herunterhämmerte. Ich starrte durch die Schülerreihen der Klasse und durch die dicken Schulgefängnismauern hindurch und ließ mich hinter einem Tränenschleier zu meiner Bonny hinterm großen Meer nach Kodaikanal in Indien forttragen.

   Zu meiner Rettung traf ich zum Glück meine Brüder in den Pausen auf dem Schulhof, aber dort setzte mir die chaotische Massenveranstaltung eines deutschen Schulhofes weiter zu. Die fremden, rüpeligen, deutschen Gymnasiasten hab ich alle auf einmal und alle samt nicht ertragen können. Auf dem schotterigen Innenhof rannten und brüllten alle durcheinander, Fußbälle und Kickersteinchen schlugen an meine Beine, und wehe, wenn ich die "Steinchen" angefasst oder gar zurückgegeben hätte. Die Initiierung zum deutschen Pennäler bekam ich dann ein ganzes schreckliches Pimpfenjahr über der während lang gezogenen zwölf Monaten zu spüren, als sei es ein echtes deutsches Weckgummi. Irgendwann mittendrin in dieser Horrorshow wurde ich zum echten kleinen Gymnasiasten mit vorläufigem Anfängerstatus gemacht, indem sie mir auf dem Pausenhof so richtig in die Eier getreten haben.

   Mein erstes deutsches Schuljahr war voller Tücken, und ich lernte es, mich nach Indien zurückzusehnen, wie jeder Schüler sich am meisten nach den Ferien sehnte. Ich lernte die deutschen Unarten von Schulbrot bis Nachhilfestunden kennen und merkte erst zum Schluss, dass es gar keine Mädchen auf der Schule gab. Der blöde Religionslehrer pries mich vor den Mitschülern als Missionars- und Pastorensohn und ließ mich gleich in den Sommerferien einen Hausaufsatz über die Geschichte von Saulus zu Paulus schreiben, denn ich wüsste ja in der Religion über alles von Haus aus Bescheid. Er wusste nicht, dass der Direktor und der Klassenlehrer zusammen mit meinem Vater einen Notenstopp und eine bestimmte Vertraulichkeit mit sogenannter "pädagogischer Versetzung", einen privaten Numerus Clausus für mich, für das aus allen deutschen Schulkriterien herausfallende Dschungelkind verordnet hatten. Sie trieben mir mein Amerikanisch aus und ihr humanistisches Deutsch ein, während ich Indien wie ein zartes Lieblings Kuscheltier immer tiefer in mich hinein verheimlichte und in Erdkunde bei Asien die schönsten Indienlandkarten malte.

   Nach diesem "Urlaub in Germany" und Besuch in einer deutschen Sechsten Klasse war ich happy, endlich wieder in Indien in meiner alten Klassengemeinschaft und neben meiner Schulfreundin Susan Slater auf meinen Platz zu rutschen. In Kodai erlebte ich weitere drei normale indische Schuljahre und wurde zum stolzen Junior-High-student und Achtklässler. Die kleinen sichtbaren Veränderungen wie die deutsche lederne Schulaktentasche oder der typische Kapuzen-Annorak von Karstadt in Hamburg konnten mir nichts anhaben, und die schleichende Verlängerung des deutschen Schulalltages bis nach Indien hinein durch besondere Deutsch-Nachhilfestunden konnte ich mit einer Arschbacke absitzen und mit Schmetterlinge-Sammeln oder anderen indischen Jungenstreichen wettmachen. Aus meinen glücklichen indischen Schülertagen haben sie mich dann plötzlich bei unserem Abschied von Indien herausgerissen, und ich fiel benommen in eine deutsche normale Schulkarriere, wie in einen langen dunklen Tunnel ohne Ende. Ich hing noch am indischen Traum wie in einer Seifenblase, die ständig zu zerplatzen drohte. 

   Nach einer vierwöchigen Autofahrt zur Verlängerung unseres Abschiedes von Indien über Persien und die Türkei war Indien zu Ende, alles Ländernamen wie exotische Käfer, die die anderen deutschen Schüler nie gesehen hatten. In Deutschland wartete wieder eine erneute Einschulung auf mich mit pädagogischer Rückversetzung von der achten Klasse in Indien in die sechste Klasse in Kiel wegen dem bisschen Latein und dem vielen Deutsch, das mir fehlte, und dem Indisch, das ich zuviel hatte. Dieser deutsche Schulalltag hat sich dann bis über meinem Abitur hinaus verlängert.

   Kaum ein halbes Jahr in Germany gab es wieder Abschied und Unruhe in der Familie. Hektisch wurden wiedermal Entscheidungen getroffen und alte Lösungen revidiert, doch Indien sollte uns derweil immer erhalten bleiben. Diesmal gab es wieder einen Ortswechsel und Trennungstränen für Indien, aber neu war, dass es keine Familienauflösung geben sollte. Die Familie sollte zu Hause in Deutschland bleiben, aber einer sollte stellvertretend für alle wieder nach Indien reisen. Der Vater und Geldverdiener durfte wieder "raus". Dafür blieb die Familie zu Haus und die drei jüngsten Geschwister brachen Indien ein vieltes Mal ab. Sie sollten die indische amerikanische Schule nie zu Ende machen. Noch nicht indisch aufgewachsen und vollendet, wurde für sie entschieden, jetzt sollten sie ganz deutsch werden und bleiben und genug deutsche Schule erhalten. Ich blieb ungefragt mit vierzehn Jahren endgültig in Deutschland. 

   Hektisch wurde ein Haus und eine Heimstatt in der neuen Heimat gesucht, damit wir den Gästestatus und die Urlauberwohnung aufgeben konnten. Die alte deutsche Heimat wurde von den Noch-Indern nach billigen Häusern mit dem Wüstenkäfer durchkämmt. Der utländischen Familie sollte ein kuscheliges Nest "zu Hause" bereitet werden und fast wären wir jottwehdeh aufs Land in die Einöde auf eine einsame Scholle, wie der Großvater, ins neuerliche deutsche Exil gekommen, als die emsigen Eltern den Märchenkindern Angebote von Knusperhäuschen in Kuckuckswäldern wie Ohe oder Oha in der Geest oder Negenharrie in Holstein oder sogar Blanken-Moors in der flachen Marsch von Dithmarschen mitbrachten und anpriesen. Dann nach vier langen Wochen von fleißigem Wohnungssuchen und Bettelgängen für die Finanzierungshilfe war die neue deutsche Heimathütte entdeckt. J.w.d. und zehn Minuten von der Chaussee abgelegen und doch nur zehn Meilen von der Landeshauptstadt entdeckten sie eine Reetkate in Kattholt (Molfsee geändert). Das Streitobjekt hatte die rührige Adresse Am Haubarg (am Streitberg geändert).

   Der Studienkollege, Internierungsnachbar und Missionarsfreund, mein Patenonkel, hatte seine Hilfe angeboten. Als nun mehr Kirchenfürst suchte er auch ein Grundstück und finanzierte die Hälfte und nahm den Löwenanteil des Geländes unter der Bedingung, dass er auf der Hofkoppel an der Hütte nebenan seine Residenz und seinen Alterssitz bauen konnte. Die Kate war dadurch fast umsonst. Und der arme Missionar hatte für den halben Preis einen großen Garten nebst Bauernhäuschen erworben, einen Zwölftel der Wiese für den Preis der Hälfte. Ich war damals nicht durch die Rechnung gestiegen und begriff nicht, was Germany uns kosten sollte.

   Der Tag der ersten Begutachtung und Besichtigung kam heran und wir sahen eine niedliche Strohdachkate mit Kohleöfen, Tier- und Arbeitsschuppen voller Unrat, mit Hühnerstall samt sechs alter Bauernhühner, sowie den grauen Hauskater Piet, den wir behalten durften und die alte Frau, die wir hinauskaufen sollten. Kurzgesagt, wir waren mit der baufälligen Bauernkate einverstanden. Es war Liebe auf den ersten, indischen, unbedarften Blick, und Kleinindien hatte in einem neuen Laxmipur mitten in Schleswig Holstein eine neue deutsche Bleibe gefunden.

   Es war ein verkommenes, altes Bauernhaus, eine kleine Försterkate, mit riesengroßer Tenne und ebensolchem Dachboden aber viel zu kleiner Stubenwohnung. Hastig wurde von oben bis unten ausgeplündert und reingemacht, zwei Wochen bevor der Vater seinen weiteren Turn nach Indien antrat. Mit einem abermaligen Schulwechsel diesmal innerhalb deutscher Grenzen bezahlten wir Vaters Indien. Die Überseekisten tauchten auf und indische Tropenmöbel kamen in der cosy kuscheligen Bauernstube zum Vorschein. Am nächsten Montag wurden wir in die Schulen in Kiel eingeschult, die Schwester aufs Mädchen- und die Jungen aufs Max Plank Jungengymnasium, und die abermaligen Ersten-Schultage-Geschichten nahmen ihren Lauf.

   Am abermals neuen ersten Schultag in Kiel empfing mich ausgerechnet der Religionslehrer und Schulpastor Herr Jensen, der von der kleinen deutschen Mission wusste und von dem Missionar, meinem Vater schwärmte. - Wie klein die Welt doch ist! - Er erzählte prompt der Klasse meine ganze Geschichte ein für alle Male und stellte mich vor allen Schülern der Sexta 6a des Max Plank Jungen Gymnasiums als das Missionarskind aus Indien vor. Und wieder einmal bloßgestellt wie Mogli, das hilflose, nackte Dschungel-Baby, war ich bei den deutschen Schülern unterdurch, die solch ein Lehrerliebling und solch einen Streber gar nicht haben wollten. Außer in den ersten Wochen, als die Schüler noch hemmungslos mich neckten, ob ich denn in Indien auf einem Elefanten geritten und ob der Urlaub dort schön gewesen wäre, fragte mich bald schon keiner mehr. Nur peripher, sozusagen an meiner deutschen Außenhaut, entwickelte ich mich dann zum normalen braven Schüler, während ich innerlich den Insider im Outsider erlebte.

   Mein Vater flog alle halbe Jahre zur Arbeit ins Urlaubsland nach Indien, machte sich hier einen deutschen Sommer und dort einen schönen indischen Sommer, während wir den kalten, deutschen Winter überstehen mussten. Und mein älterer Bruder spielte für mich auf den Elternabenden der Schule den Vater. Der Englischlehrer trieb mir mein komisches Amerikanisch mit dem harten Marlboro-Akzent und der schrägen Schreibweise aus. Der neue Klassenlehrer glaubte jahrelang, ich käme nur aus dem kleinen Dorf "Innien" bei Neumünster in Schleswig Holstein, das die Amis vielleicht New Minister aussprechen würden. In der 10. Klasse, als ich schon dank verordneter harter Nachhilfestunden zu den vier Besten der Klasse zählte, stufte mich der neue Deutschlehrer noch als Legastheniker ein, weil ich in den Deutschaufsätzen und Interpretationen immer noch das "ihn" ohne "h" oder das "sich" mit "g" schrieb. Verdammt noch mal, dann haben sie mich mit Zwanzig durchs Abitur geboxt, und ich war nicht ein einziges Mal sitzengeblieben.

   Beim letzten Schultag bin ich nicht zur Verabschiedung gegangen, sondern habe mir mein Abiturszeugnis nach Hause schicken lassen. Meine Brüder machten sogar zweimal Abitur, einmal in Indien und einmal in Germany. Die deutsche Schule war endlich zu Ende. Sie hatten mich einmal nach London gebracht, und in Erdkunde, Kunst und Biologie gaben sie mir eine Note "1". Was ich werden wollte, hatte nie jemand gefragt, und wo ich herkam, hatten die wenigsten mitbekommen. God shaved the Queen and forgot the rest! , so kommentierten wir solche Schnitzer gern in der indischen Schule.

[Lösewort für Bilder]


(e.s.)


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