
Vor einigen Jahren fand ich in einer Ausstellung eine Bronze-Plastik der Erdkugel mit dick gefurchtem Gürtel des Äquators und kecken Spitzen an den Polen. Gespickt war der Planet mit markanten Tieren. Ganz oben also standen die Eisbären, schräg darunter Tiere unserer Wälder. Am Äquator räkelten sich Krokodile in der Waagerechten, auch Affen schien die missliche Lage nicht zu stören. Die Pinguine nahe dem Südpol hatten es dagegen schwer, weil sie am Erdball mit dem Kopf nach unten hingen. Ein Wunder nur, dass ihnen die Frackschöße nicht die Sicht versperrten. Am Südlichen Wendekreis, dem des Steinbocks, klebten Giraffen, Nashörner, ganze Herden von Springböcken, Zebras. Auch den Löwen und Elefanten merkte man den Stress der Schräghängung nicht an. Die Erde – ein Massageball mit Tieren. Ja, ja, die Schwerkraft…
Zur Beruhigung sei versichert, dass Gisela und ich Namibia aufrechten Ganges erkundet haben, dass unser Bus während der 15-tägigen Rundreise nur beim Durchfahren von Flüssen und bei heftigen Lenkmanövern wegen tiefer Bodenwellen in die Schieflage kommt. Kurven gibt es so gut wie keine, die Straßen scheinen in dem fast drei mal so großen Land im Vergleich zu unserem wie mit dem Lineal gezogen, müssen keine Ortschaft umfahren. Interessante Straßenschilder: Warnung vor Springböcken, Nashörnern, Stachelschweinen oder dass die Asphaltstraße endet und in Schotter/Sandpiste übergeht.
Platz ist für alle der 2 Millionen Einwohner und für uns Touristen auch.
So mag vor rund 120 Jahren Kaufmann Adolf Lüderitz aus Bremen auch gedacht haben, als er die Bucht am Meer und einen 150 km breiten Landstreifen für 100 Pfund in Gold und 200 Gewehre mit Zubehör erhandelt. Der Grundstein für die Kolonie Deutsch-Südwest ist gelegt, die windige Stadt am Atlantik nach ihm benannt. Der kalte Benguela-Strom macht das Ganze nicht gemütlicher. Trotzdem: Lüderitz lebt und ist auch heute noch eine ziemlich deutsche Stadt. Farbenfrohe Häuser, Jugendstil, Banken, Deutsch sprechende Händler, Cafes mit Quark- und Prasselkuchen und anderen Köstlichkeiten aus der Heimat der weißen Vorfahren. Es soll auch Bratwurst mit Sauerkraut geben. „Bismarckstraße“ - ein Muss. In der Deutsch-Lutherischen Kirche, Neogotik, fehlen weder Luther im Bleiglasfenster, es wurde von Wilhelm II. gestiftet, noch die Gedenktafel für die für Kaiser und Reich gefallenen Soldaten der Schutztruppe.
Unweit von Lüderitz befand sich eine Quelle des Reichtums von Süd-West in Form von Diamanten. Kolmanskop, Diamantenstädtchen von Format, das für etwa 300 Bewohner eine fast luxuriöse Heimstatt war. Was es da nicht alles gegeben hat: Häuser, ausgestattet nach dem damaligen Standard soliden Bürgertums in Deutschland, eigene Schule, Krankenhaus, Geschäfte, Eisfabrik mit angeschlossener Schlachterei, Casino, Turnhalle, Kegelbahn. Man verdient gut und hat sich eingerichtet für die Ewigkeit. Die endet vorzeitig – keine Diamanten mehr. Vom Winde verweht… Eine Geisterstadt. Heute museal erweckt, so dass meine Fantasie über das gesellschaftliche Leben und die Diamantensuche Impulse erhält. Wenn ich durch die Sandverwehungen im Wartezimmer oder in den Krankenzimmern steige, den Theatersaal, mit Bühne, Klavier und Harmonium ausgestattet, bewundere, dann fehlen nur noch Operettenmelodien, und die Damen in langen Gewändern mit schmaler Taille und die Herren im Gehrock erscheinen. Sollte es noch keinen Spielfilm darüber geben, mit entsprechenden Verwicklungen – es könnte doch auch einmal ein attraktiver Schwarzafrikaner die heile deutsche Welt durcheinanderbringen – dann müsste das Drehbuch noch geschrieben werden…Ich kann’s leider nicht… Dieses Kolmanskop hat mich stark beeindruckt. Von sicherlich abenteuerlich-tatkräftigen Menschen unter schwierigsten Bedingungen geschaffen und gepflegt und doch vergänglich. Aus. Vorbei…
Bleiben wir vorerst bei den Städten und ihren Bewohnern. Hauptstadt Windhoek.
ZUM EHRENDEN ANGEDENKEN AN DIE TAPFEREN DEUTSCHEN KRIEGER; WELCHE FUER KAISER UND REICH ZUR ERRETTUNG UND ERHALTUNG DIESES LANDES WAEHREND DES HERERO- UND HOTTENTOTTENAUFSTANDES 1903 - 1907 UND WAEHREND DER KALAHARI-EXPEDITION 1908 IHR LEBEN LIESSEN….
Also steht geschrieben am berühmten „Südwester-Reiter-Denkmal“ oberhalb der deutschen Evangelisch-Lutherischen Friedenskirche, in der wir den Karfreitagsgottesdienst mitfeiern nach altem Brauch und mit allen 10 Strophen von „O Haupt voll Blut und Wunden“.
W. liegt über 1 000 m über dem Meeresspiegel, sehr angenehmes Klima, Parks, gepflegte Anlagen und einer Zeile mit Fachwerkhäusern, Deutschland lässt grüßen. Wir wollen es niemand verdenken.
Am deutschesten aber erscheint mir Swakopmund. Am Atlantik gelegen, ist sie die bevorzugte Stadt der weißen Namibier – eine Perle. Edle Fischgerichte mit Barbe und Seezunge verwöhnen unsere Gaumen. Zur Hafenstadt hat es mangels einer Bucht nicht gereicht. Auch „Jetty“, die Seebrücke, kann S. nicht zu einem Hochseehafen verhelfen. Wir übernachten im Hotel Europa Hof, noch ein Haus mit Fachwerkelementen, das Hohenzollernhaus - Jugendstil pur. Es soll betuchte Europäer, vorwiegend sicherlich Deutsche, geben, die sich in S. mit einer Immobilie steuer-erleichtern.
1990 erlangte Namibia seine Unabhängigkeit. Bisher habe ich die schwarzen und farbigen Namibier unerwähnt gelassen. Derer sind wohl 1,8 Millionen. Schulbildung für alle ist gewährleistet, ein Aufstieg ins mittlere Management wohl inzwischen möglich. Die Herero-Frauen, die am Straßenrand Püppchen in der historischen Tracht verkaufen, gehören gewiss nicht dazu. General Heinrich von Trotha ist es 1904 nicht vollständig gelungen, dieses Volk auszurotten, was sein erklärtes Ziel war. „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss oder, wenn dies aus taktischen Gründen unmöglich ist, aus dem Land vertrieben werden muss…“ Ob sich über längere Zeit die strikte Trennung Weiß – Farbig –Schwarz bei der Familiengründung in Zukunft aufrecht erhalten lässt, vermag ich nicht zu sagen. Bei Schwarz soll es darüber hinaus eine Trennung der Stämme geben. Herero, Nama, Baster und andere. Unser Reiseleiter Viktor, dessen Urgroßmutter Deutsche aus St. Petersburg war, findet das normal. Sein Slogan: “Da kann man nichts machen, das ist halt so.“
Namibia ist natürlich nicht nur wegen seiner wechselvollen Geschichte ein interessantes Reiseland, besonders auch seiner Wüsten und Halbwüsten halber, die zu den schönsten gehören, die ich kenne. Da ist die Kalahari mit ihrer rostroten Färbung. Weil es während unseres Aufenthaltes häufig gewittert hat, ist sie mit reichlich Grün besetzt, den Springböcken, Straußen, Zebras und uns zur Lust. Namib, die Vollwüste, besteht aus riesigen Sicheldünen. Hunderte Meter hoch. Das Spiel von Licht und Schatten, die schwungvollen oberen Kanten. Aus der Ferne betrachtet ist zu befürchten, die Grate nicht unfallfrei besteigen zu können. Und es geht doch! Feiner, weicher Sand, kleinkörniger als an der Ostsee, da sackt man ein, kann gar nicht stürzen. Alpin trainiert, gelingt der Aufstieg, und dann die Steile hinunterzurennen, ein fröhliches Kinderspiel. Nein, die Düne wird dadurch nicht zerstört. In wenigen Stunden richtet der Wind alles.
Und ein zweites: Nein. In den Zoo gehe ich zukünftig nur auf eindringlichen Wunsch meiner Enkel. Im Etosha-Nationalpark dürfen wir Tiere, wenn auch nur vom Bus aus, sehen in majestätischer Ruhe und Gelassenheit, in eiliger Flucht oder aggressiv ihre Jungen verteidigend. So geschehen, als Viktor junge Vögel an den Straßenrand scheucht, und Vogelmutter, -vater und –tanten ihn, Böses vermutend, versuchen anzugreifen. Giraffen ziehen ruhig ihre Bahn, Futter ist in Maulhöhe heuer reichlich vorhanden, nur zum Trinken müssen sie kräftige Turnübungen machen. Das haben all die flinken Herdentiere nicht nötig. Gras ist für alle da, für das urzeitlichen Gnu wie auch den Oryx, Springbock, Impala und die Zebras. Sie sind die besonders Schönen im Revier. Die vielfältige Musterung kann sich der beste Stoffdesigner nicht ausdenken. Die Löwinnen machen wenig Gewese, sie ruhen und schauen, schauen und ruhen. Und dann ist eine doch mal so nett aufzustehen, hinterm Busch vorzukommen und sich beim Überqueren unserer Straße in voller Schönheit zu zeigen. Bei aller Vielfalt und Menge - nur ein Elefant, dafür ein uralter Einzelgänger, der so freundlich ist, mit seinen riesigen Ohren zu wedeln, kurz den Rüssel zu heben und sich dann zu trollen. Später dann, im Wildpark der Oropoko Lodge kommen wir Nashörnern ganz nahe oder sie uns. Riesen der Vorzeit. Sollte ich ein Tier vergessen haben, so bitte ich um Nachsicht. Das Chamäleon, eine Vielzahl von Spinnen, farbenfrohen Eidechsen, dekorative Nester der Webervögel seien am Rande erwähnt. Und die Robben. Ich mag gar nicht daran denken, wie bestialisch sie getötet werden, weil sie überhand nehmen. Das wird in Namibia nicht anders sein als vor Neufundland.
Nein, freiwillig gehe ich nicht in einen Zoo. Schade nur, dass die Hinweise eifriger Mitreisender auf Fotomotive: „Guck mal, eine Giraffe! Da hinten Löwen!“, so gar nicht zur Größe der Augenblicke passen.
Vorgefertigte Rundreise ist zwar nicht jedermanns Sache, aber für uns ist es die richtige Entscheidung. 42 Personen, wir kommen gut miteinander aus, Rücksichtnahme, Toleranz. Ost und West, Nord und Süd, Schweiz und Österreich sind vertreten. Das Ost-West-West-Ost-Getue scheint endlich überwunden. Natürlich fallen die Sympathien nicht auf jede und jeden gleichermaßen. Ein gutes Miteinander ergibt sich für uns mit einer Gruppe von Bayern mittleren Alters, mit den jungen Leuten aus der Schweiz, die Genaueres über unser Leben im Osten wissen wollen, und mit Arzu und Michael aus Hamburg. Letzterer verkörpert die feine hanseatische Art in Reinkultur. Täglich ein feines Kompliment und sonntags auch mal zwei.
Gisela und ich ließen es uns gut gehen. Wir nehmen nach Europa mit die Weite eines vielgestaltigen Landes, endlose Wege und Straßen, kilometerlange Zäune um Farmland und Nationalparks, Wüstensand, Erinnerung an Tiere, große und kleine, und letztendlich an Menschen, freundliche, hilfsbereite.
(c.h.)
(Der Onkel Siem Thiessen "unserer" Missionare Siem und Hinrich sollte 1873 nach "Südafrika" gesandt werden, starb jedoch kurz nach der Ordination. Mit "Südafrika" war damals das heutige Gebiet Südwestafrika / Namibia gemeint) (e.a.)