Briefe
E.S.
1995 schrieb ich einen unabgeschickten Geburtstags-Brief an meinen Vater. Darin stehen außer natürlich einem lieblichen Vaterproblem auch eine indische Missions-Unimog-Geschichte. 30 Jahre nach „Indien“ zeigt sich darin noch so Einbisschen die Daten-Not, als ich gern die Ankunft des UNIMOG's von 1954 meiner Geburt 1952 zugedichtet habe. (e.s.)
An Vaters 85-sten Geburtstag 1995
"Vater, Du bist doppelt so alt wie ich geworden. Wir beide kommen nun an unsere
Schallgrenzen heran. Als du 43 warst, so alt wie ich jetzt bin, bist du bei
meiner Geburt das sechste und das letzte Mal Vater geworden. Du bist jetzt
doppelt so alt und ich habe damit mein halbes Leben auch erreicht.
Damals bei meiner Geburt herum warst du beruflich am
umsteigen. Du hattest den neuen Unimog als deutsche Nachkriegswunderwaffe und
als indischen ersten Combine-Harvester, als Taxi, Trecker, Dienstauto und
Vorzeige-Mercedes, und mich zugleich bekommen. Und der Unimog war sozusagen
meine Konkurrenz. Beides waren die absoluten Neuerscheinungen in Indien, aber
der eine war ein Erstling und der andere war der Letztling von Sechsen. Ich war
das Schlusslicht und der Unimog sollte das Startsignal für ach so vieles und für
deine Missionsumwälzung Evangelium mit technischer Hilfe werden. Das neue
Universalmotorengerät von Mercedes, einer der ersten Nachkriegsproduktionen zum
Aufbau des deutschen gewollten Bauernstaates, sollte neue Zeichen setzen für
deine missionarische Landwirtschaft. Später hast du ihn dann wieder aus der
Agrar-Arbeit gezogen und der Unimog blieb dein Dienstauto und wurde bei uns der
„alte Bock“ oder „Unibock“ von uns Kindern genannt.
Während Mutter mich im alten Missionsbungalow geboren hat,
hast du, an die Arbeit gebunden, vielleicht gerade mit dem Digdag, wie die Inder
den fremden grünen ungestümen Diesel-Jeep nannten, auf dem Nowrangpurer
Missionsacker das erste Mal Pflügen geübt. Mit dem deutschen
Universal-Motoren-Gerät wolltest du den Indern etwas vormachen. Mit mir hast du
den Indern etwas nachgemacht.
Aber es kam dann alles anders. Du hast die technisierte
Landarbeit mit dem Diesel in Nowrangapur abgesagt und wolltest den Unimog nicht
mehr in Konkurrenz zu dem weitaus einsatzfähigeren ausdauernden indischen
Ochsengespann einsetzen. Außerdem haben dir die Hindus das Ackern vorgemacht. Du
hast den Unimog aus der Landwirtschaft herausgenommen und mehr in den
Missions-Taxi-Dienst hineinfahren lassen. Aber Erik und der Unimog sind
irgendwie zusammen aufgewachsen und großgeworden in Indien. So hat der Unimog
doch noch in Laxmipur Reisstroh oder Kuhdung für deine Missionsfarm fahren
müssen und Erik hat als kleiner Knirps steuern und mithelfen dürfen. Irgendwann
aber trennten sich ihre Wege. Du hast den einen in Indien zurückgelassen und den
anderen hast du wieder nach Deutschland mitgenommen. Stell dir vor, das wäre
anders herum passiert. Jetzt stünde der Unimog bei dir in Molfsee noch im
Garten, zwar als Ruine, und Erik wäre in Indien. Können wir uns irgendwie nicht
vorstellen. Erik ist nicht richtig Bauer geworden und der Unimog ist nie wieder
in Germany gewesen.
Heute interessierst du dich mehr für meinen VW-Bus, über den
du z.B. sagst, du hättest gern damals solch einen Bus in Indien gehabt statt den
Unimog. Was ich sagen will, dir soll ja nicht der Unimog ewig bleiben, aber
Indien wird dir ewig bleiben. So wie ich halb so alt bin wie du, wird mir die
eine Hälfte von deinem Indien auch bleiben, die Hälfte.
Meine Erinnerungen an Indien haben mich auch zu meiner
Landwirtschaft geführt. Es ist auch der Dieselgeruch vom damals, und das Erdige,
dem ich nachhänge. Ich habe sogar auf meiner Reise in Indien einmal in Bodisil
mit einem Ochsengespann gepflügt. Vielleicht habe ich geflucht, weil ich mehr
Power und PS eines deutschen Fendt-Schleppers gewünscht hätte, aber nicht weil
ich die Ossen nicht durch mein „Jonma Buhmi“, nicht durch den Acker meines
Geburtslandes, führen konnte. Die liefen von ganz alleine im Joch vor dem
holzgeschnitzten Spitzpflug. Und ich, ich kann heute sagen, ich habe einmal in
Indien gepflügt.
Nach dem Pflügen etc. kommt eigentlich irgendwann immer die
Ernte. Ich wünsche dir eine volle indische Ernte, und die musst du nun langsam
auch hereinbringen. Ich habe hier noch nie richtig Indien geerntet und habe aber
noch das halbe Leben vor mir."
(e.s.)
Erklärungen zur Speckseite von Erik
(e.s.)