Mit
Medienarbeit waren die Missionsleute immer schon recht scheu, dann nämlich wenn
sie nicht mehr ganz zu kontrollieren waren tief im "Dschöngel" auf dem
"Missionsfeld" in Indien oder zu Hause an der Heimatfront in der inneren
Mission. Für ihre Evangelisationsarbeit haben sie massenweise Medien und
Schriften eingesetzt, aber es ist uns wenig autobiographisches und
missionshistorisches überliefert worden. So begannen wir im Jahr 2007 in E-Mails
und im neuen virtuellen Maschinen mehr über unsere indische Geschichte zu
sammeln.
Den Anfang des Magnetbandzeitalters in Indien habe ich ja
noch selber miterlebt, als der Missionsdoktor Dr. Mollat uns Kindern 1964 in
Nowrangapur die Gelegenheit gab, auf dem ersten Tonband einen Brief an unsere
Brüder an die Heimat nach Hamburg zu sprechen. Wir waren genauso medienscheu, so
dass der Onkel einen kleinen Trick anwenden musste, um uns zum Quatschen zu
bringen. Er setzte sich einfach mit uns auf den offenen Mercedes-Benz-Unimog,
Vaters Missions-Truck und Dienstfahrzeug, und fuhr eine improvisierte
Familientour mit Tonband-Telefunken-Gerät auf dem Schoß und Mikrophon in der
Hand. Mein Vater, der Missionar, fuhr den Unimog immer im Kreis herum um den
Brunnen am Nowrangapurer Missionshaus, während der Missionsdoktor uns
Missionarskindern zum Mitspielen an einer unechten Hasenjagd bei Nacht
ermunterte.
Die deutschen verbannten Brüder kriegten diesen Tonbandbrief
per Luftpost als Weihnachtsgeschenk 63 in Hamburg aus Indien zugesandt. "Liebe
Brüder! ... Wir fahren jetzt mit dem Unimog auf eine Spazierfahrt ... Wir wollen
mal sehen, ob Erich einen Hasen sehen kann? ... Erich? ... Nö! ... Na ja! …
müssen wir noch ein Bisschen weiterfahren! ..." Dieses Missions-Magnetband gibt
es noch mit authentischen Stimmaufzeichnungen aus Nowrangapur und dem Brunnen
des Unimogs und ist in sicheren Händen bei meinem Bruder verwahrt worden.
Dagg-Dagg! sagten die Inder, die Kuwi Konds auf der
Missionsstation in Laxmipur und in den Adivasi Kond Dörfern zu dem deutschen
Missionars-Jeep, dem Unimog, um hier mal in der Tragweite aus der kleinen
Perspektive eines deutschen Missionarskindes zu berichten, und gaben darin ihre
fachmännische Kenntnis wieder über die very Speed!, der großen
Höchstgeschwiindigkeit von 45 kmh und den Diesel-Sound von einem echten Mercedes
UNIMOG mit nur 25 PS, mit optimaler Wassergrenze durch seinen
Motor-Luft-Ansaugstutzen oberhalb der hohen Achsenhöhe von mehr als einem halben
Meter und dem Baujahr 1952 wie ich. Der UNIMOG und die ganze Indien Geschichte
sind unverwüstlich. Der Unibock, wie ich als kleiner Sahib Pilla und meine
Mutter ihn nannten, die später vom ollen Missionarsfahrzeug ziemlich entrüstet
war, und ich sind in demselben Jahr in Indien geboren.
Die ersten originalen Unimog-Acker-Reifen mit den dicken
Noppen des schweren Trekker-Profils waren dann bald abgefahren und für die
indischen Landstraßen als Dienstfahrzeug ungeeignet. Wir Kinder spielten mit den
Acker-Reifen noch lange herum, aber der Unimog selber hatte nun schon gängige
indische Truck-Reifen, die natürlich indisch heruntergefahren waren wie ein
alter Tanzschuh, wie auf einigen Bildern zu sehen.
Probleme? Mein Vater, der Missionar und Handwerker für alles,
hat auf der einsamen Missionsstation, da die Indian-SHELL Tankstelle in Koraput
und ein Workshop 50 Meilen weitweg waren, alles selber gemacht und sich lange
keinen Driver oder Mecanique gehalten, wie die anderen Weißen Missionsleute. Er
hatte einen Öl-Barrel mit 150 Liter Diesel in der mit Tinsheet ans weiße
Laxmipurer Missions-Bungalow angebaute Unimog-Garage und ließ selber Altöl ab.
Dieses schwarzes Zeug wurde beim Bau zum Imprägnieren der Hölzer benutzt. Also
unsere sichtbaren Decken-Dachbalken unterm dem weiß gekalktem
Tin-Sheet-Wellblech-Dach waren schwarz gestrichen.
Oft mußten einer von uns Missionarskindern vorne hocken und
die Diesel-Zufuhr-Pumpe während der Fahrt bedienen, wenn die kaputt war.
Versucht es selber mal euch vorzustellen, vorne am Motorkasten des Unimogs
zwischen den kleinen grünen Notsitzen in der Kleinen mit Kanvasdach bezogenen
Unimog-Kabine hinter der Unimog typischen klappbaren zweiteiligen Frontscheibe
bei röhrendem Motor und 45 Stundenkilometer Holperpfad durch die indischen
Bandi-Wege sich hinzuknien und den Pump-Handhebel an der Maschine für eine
Stunde zu bedienen!
Tausendmal haben die Musas, die indischen Ratten oder anderes
Getier, die Schläuche im Motorraum weg gefressen für Wasser in der Heißen-Zeit
oder im Monsun als Bakshis und Leckerbissen. So ist mein Vater oft über längere
Perioden ohne Bremsen gefahren, weil die Ersatzteile nicht ankamen. Also mit
Ackergang und Motorbremse wurde dann in den steilen Bergen gebremst, im Stand
wurde mit ausgestelltem Motor ein Gang eingelegt, um die Kiste zu parken, aber
das Wort gibt es in Indien gar nicht.
So kam mein Vater einmal zu spät an die verschlafene
Eisenbahnstation von Rayagada, um uns Internatskinder nachts um 3 Uhr vom Zug
aus Kodaikanal abzuholen. Er stand nicht schon auf der dunklen Plattform sondern
wir mussten durch die „indischen Leichen“, an den in weisen Tüchern
eingewickelten schlafenden Indern der Bahnhofshalle vorbei und draußen auf dem
Rondel der Railway Station im Moskito umschwirrten Straßenlicht auf ihn warten.
Als er kam hatte er seine Khaki-Shorts über den Pyjama gezogen. Auf unserer
herrlichen abenteuerlichen Unimog-Fahrt dann „nach Hause“ nach Laxmipur in
dunkler indischer Tropen-Tiger-Nacht erzählte er dann, er habe unterwegs, als er
den Wecker schon verschlafen hatte und sowieso schon zu spät war, auch noch
angehalten um zu pinkeln. Als er dann im Graben gestanden sei, wäre ihm der
Unimog selber in den Graben hinterher gerollt, weil er eben wieder mal ohne
Bremsen fuhr. Aber mit einem deutschen Universal-Motoren-Gerät kommt man in
Indien aus jedem Graben und aus jeder Schlucht immer wieder heraus.
Mehr Unimog Geschichten. Ein anderes Mal fiel bei voller
Fahrt in dunkler Nacht an einer Brücke ein Hinterrad ab. Da war wohl bei der
Montage nach einer der eweigen Reifenpannen das Schrauben-Anziehen vergessen
worden. Der Sahib war so geistesgegenwärtig nicht zu bremsen sondern den Wagen
hundert Meter vor einer alten Holzbrücke bei Toyaput auf der Chausee bergrunter
auslaufen zu lassen, wegen der Eisen schleifenden, Funken sprühenden
Bremstrommeln auf dem Teerasphalt. Ich war leider bei dieser schönen Geschichte
nicht dabei. Aber mein Bruder Hans erzählt, dass er auf dem Unimog gesessen hat,
als er plötzlich das Unimog-Rad an der Seite vom Wagen vorbei rollen sah. Der
Vater hat dann in eine Senke der Straße den Wagen bergauf doch zum Stehen
bekommen, und es sei damals gar nicht vor der Lorry-Wood-Bridge passiert,
sondern diese hatten sie gerade noch mit Rad wohlbehalten passiert.
Die Verwandtschaft kennt die Geschichten von Inimog. Die
gemischten Gefühle meiner Mutter Ille zu des Vaters Dienst-Fahrzeug in der
Mission waren sehr ambivalent. In den letzten Jahren in Laxmipur hat die Mutter
sogar noch einmal Autofahren lernen sollen, natürlich auf dem unimog. Aber der
Cersuch ist im Sande oder fast im graben verlaufen. Wir Kinder waren ja in der
Schule weitweg in Kodai und haben es nicht gesehen.Viel Autoverkehr gab es
damals in indien ja noch nicht und die indischen Straßen waren frei. Es gab nur
eine gerade Teerchaussee durch den Ort Laxmipur, durch den Mutter es gerade noch
geschafft hatte, mit dem Missionar an ihrer Seite als Fahrschullehrer hindurch
zu steuern. Aber es war ihr dann nicht gelungen, durch die Serpentinen des
nächsten Gebirges des Toyaput Ghats zu steuern, da sie beim indischen
Linksverkehr im Unimog mit dem Left-Hand-Drive auf der linken falschen
Fahrerseite saß und immer am Graben entlang fahren musste. Oder der Vater hatte
es nicht geschafft, den guten Fahrlehrer zu spielen.
Die Mutter hat alle Unimog-Fahrten in den „Distrikt“ oder zur
Eisenbahnstation oder zu den Missionarskonferenzen in Nowrangapur mitgemacht,
auch die gefährlichen, wenn der Sahib alle seine Passagiere bat auszusteigen,
damit er als mutiger Held den Geländewagen im Kriechgang mal eben allein durch
den Straßenbruch nach einem Erdrutsch oder durch den Monsun-Reißbach steuern
konnte. Aber Mutter, warst du dabei, als Vater das Unimog-Rad nicht richtig
wieder dran geschraubt hatte und ihm bei stockdunkler Nacht im fahrenden Unimog
plötzlich ein eigenes Hinterrad vorbei sauste?
Die Mutter saß jedenfalls als Sahibani Ma immer vorne auf dem
Bock, auf dem einzigen „gemütlichen“ Sessel des Unimogs, ein kleiner Notsitz wie
in den letzten Militärfahrzeugen mit kaum Knie- und Sitzfreiheit und wenig
Polsterung direkt neben dem lärmenden Dieselmotor. Die Mutter ist dann oft
geträmpt in Indien, wenn im Monsun nicht im offenen Unimog gefahren wurde
sondern ein komfortabler mit Kanvasdach geschlossener Jeep. Als der Jeep dann
einmal auf der Fahrt stecken geblieben ist oder kaputt gegangen war, wurde die
Mutter als weiße Missionarsfrau mitten in der Nacht im Monsunregen in einen voll
von anderen reisenden indern besetzten Jeep gesetzt und nach haus geschickt.
Darafuhin musste sie bei höllischer Fahrt auf halber Po-Backe am offenen
türlosen Jeep-Gelandewagen bei strömendem Regen sich nicht nur festhalten
sondern auch noch mit der freien Hand an der strippe synchrom mit dem fremden
Fahrer an der anderen Seite ziehen, um die kaputtgegangenen Scheibenwischer zu
bedienen. Aber die übeldrein schauenden paankauenden Kasteninder haben unsere
zarte Mutter immer korrekt um Mitternacht am Bungalow auf ihrer Missionsstation
abgeliefert, während der Vater im Jeep übernachtete, bis die Mutter anderntags
einen Kuli mit Flickzeug oder Werkzeugen an die Straße ihm zur Hilfe schickte.
Am Ende hat der Unimog hat lange Jahre nach uns bis in die
80-er gefahren. Dann war was am Getriebe und der Chef Driver "Prokash" vom
Krankenhaus hat angefangen das deutsche komplizierte UNIMOG-Getriebe für den
Austausch mit den dann verfügbaren deutschen Ersatzteilen auseinander zunehmen.
Aber Prokash hat die Gearbox, das Getriebe nie wieder zusammen gekriegt. Der
Unimog war damit hin. Dann wurde in den 90-zigern der Motor heraus gebaut und
für Prokash für seine Wasserpumpe auf seinen Reis-Feldern erbeten. Das letzte
Bild vom Dagg-Dagg ist dann sein Friedhof hinten im Godown, im Missions-Schuppen
in Nowrangapur, wo er und ich geboren sind.
Ein "MARSIEDES BERRY GOOD!“
Erik Speck
(e.s.)
(e.s.)