Erlebnisse mit dem Unimog, dem "Dagg-Dagg" des Sahibs.

 

Zum 100-j. Jubileum der Missionare Siem und Hinrich Speck, im Todesjahr Reimer Specks, Missionar in Laxmipur/Indien.
von Erik Speck, Kiel.

    Mit Medienarbeit waren die Missionsleute immer schon recht scheu, dann nämlich wenn sie nicht mehr ganz zu kontrollieren waren tief im "Dschöngel" auf dem "Missionsfeld" in Indien oder zu Hause an der Heimatfront in der inneren Mission. Für ihre Evangelisationsarbeit haben sie massenweise Medien und Schriften eingesetzt, aber es ist uns wenig autobiographisches und missionshistorisches überliefert worden. So begannen wir im Jahr 2007 in E-Mails und im neuen virtuellen Maschinen mehr über unsere indische Geschichte zu sammeln.
    Den Anfang des Magnetbandzeitalters in Indien habe ich ja noch selber miterlebt, als der Missionsdoktor Dr. Mollat uns Kindern 1964 in Nowrangapur die Gelegenheit gab, auf dem ersten Tonband einen Brief an unsere Brüder an die Heimat nach Hamburg zu sprechen. Wir waren genauso medienscheu, so dass der Onkel einen kleinen Trick anwenden musste, um uns zum Quatschen zu bringen. Er setzte sich einfach mit uns auf den offenen Mercedes-Benz-Unimog, Vaters Missions-Truck und Dienstfahrzeug, und fuhr eine improvisierte Familientour mit Tonband-Telefunken-Gerät auf dem Schoß und Mikrophon in der Hand. Mein Vater, der Missionar, fuhr den Unimog immer im Kreis herum um den Brunnen am Nowrangapurer Missionshaus, während der Missionsdoktor uns Missionarskindern zum Mitspielen an einer unechten Hasenjagd bei Nacht ermunterte.
    Die deutschen verbannten Brüder kriegten diesen Tonbandbrief per Luftpost als  Weihnachtsgeschenk 63 in Hamburg aus Indien zugesandt. "Liebe Brüder! ... Wir fahren jetzt mit dem Unimog auf eine Spazierfahrt ... Wir wollen mal sehen, ob Erich einen Hasen sehen kann? ... Erich? ... Nö! ... Na ja! … müssen wir noch ein Bisschen weiterfahren! ..." Dieses Missions-Magnetband gibt es noch mit authentischen Stimmaufzeichnungen aus Nowrangapur und dem Brunnen des Unimogs und ist in sicheren Händen bei meinem Bruder verwahrt worden.
    Dagg-Dagg! sagten die Inder, die Kuwi Konds auf der Missionsstation in Laxmipur und in den Adivasi Kond Dörfern zu dem deutschen Missionars-Jeep, dem Unimog, um hier mal in der Tragweite aus der kleinen Perspektive eines deutschen Missionarskindes zu berichten, und gaben darin ihre fachmännische Kenntnis wieder über die very Speed!, der großen Höchstgeschwiindigkeit von 45 kmh und den Diesel-Sound von einem echten Mercedes UNIMOG mit nur 25 PS, mit optimaler Wassergrenze durch seinen Motor-Luft-Ansaugstutzen oberhalb der hohen Achsenhöhe von mehr als einem halben Meter und dem Baujahr 1952 wie ich. Der UNIMOG und die ganze Indien Geschichte sind unverwüstlich. Der Unibock, wie ich als kleiner Sahib Pilla und meine Mutter ihn nannten, die später vom ollen Missionarsfahrzeug ziemlich entrüstet war, und ich sind in demselben Jahr in Indien geboren.
    Die ersten originalen Unimog-Acker-Reifen mit den dicken Noppen des schweren Trekker-Profils waren dann bald abgefahren und für die indischen Landstraßen als Dienstfahrzeug ungeeignet. Wir Kinder spielten mit den Acker-Reifen noch lange herum, aber der Unimog selber hatte nun schon gängige indische Truck-Reifen, die natürlich indisch heruntergefahren waren wie ein alter Tanzschuh, wie auf einigen Bildern zu sehen.
    Probleme? Mein Vater, der Missionar und Handwerker für alles, hat auf der einsamen Missionsstation, da die Indian-SHELL Tankstelle in Koraput und ein Workshop 50 Meilen weitweg waren, alles selber gemacht und sich lange keinen Driver oder Mecanique gehalten, wie die anderen Weißen Missionsleute. Er hatte einen Öl-Barrel mit 150 Liter Diesel in der mit Tinsheet ans weiße Laxmipurer Missions-Bungalow angebaute Unimog-Garage und ließ selber Altöl ab. Dieses schwarzes Zeug wurde beim Bau zum Imprägnieren der Hölzer benutzt. Also unsere sichtbaren Decken-Dachbalken unterm dem weiß gekalktem Tin-Sheet-Wellblech-Dach waren schwarz gestrichen. 
    Oft mußten einer von uns Missionarskindern vorne hocken und die Diesel-Zufuhr-Pumpe während der Fahrt bedienen, wenn die kaputt war. Versucht es selber mal euch vorzustellen, vorne am Motorkasten des Unimogs zwischen den kleinen grünen Notsitzen in der Kleinen mit Kanvasdach bezogenen Unimog-Kabine hinter der Unimog typischen klappbaren zweiteiligen Frontscheibe bei röhrendem Motor und 45 Stundenkilometer Holperpfad durch die indischen Bandi-Wege sich hinzuknien und den Pump-Handhebel an der Maschine für eine Stunde zu bedienen! 
    Tausendmal haben die Musas, die indischen Ratten oder anderes Getier, die Schläuche im Motorraum weg gefressen für Wasser in der Heißen-Zeit oder im Monsun als Bakshis und Leckerbissen. So ist mein Vater oft über längere Perioden ohne Bremsen gefahren, weil die Ersatzteile nicht ankamen. Also mit Ackergang und Motorbremse wurde dann in den steilen Bergen gebremst, im Stand wurde mit ausgestelltem Motor ein Gang eingelegt, um die Kiste zu parken, aber das Wort gibt es in Indien gar nicht.
    So kam mein Vater einmal zu spät an die verschlafene Eisenbahnstation von Rayagada, um uns Internatskinder nachts um 3 Uhr vom Zug aus Kodaikanal abzuholen. Er stand nicht schon auf der dunklen Plattform sondern wir mussten durch die „indischen Leichen“, an den in weisen Tüchern eingewickelten schlafenden Indern der Bahnhofshalle vorbei und draußen auf dem Rondel der Railway Station im Moskito umschwirrten Straßenlicht auf ihn warten. Als er kam hatte er seine Khaki-Shorts über den Pyjama gezogen. Auf unserer herrlichen abenteuerlichen Unimog-Fahrt dann „nach Hause“ nach Laxmipur in dunkler indischer Tropen-Tiger-Nacht erzählte er dann, er habe unterwegs, als er den Wecker schon verschlafen hatte und sowieso schon zu spät war, auch noch angehalten um zu pinkeln. Als er dann im Graben gestanden sei, wäre ihm der Unimog selber in den Graben hinterher gerollt, weil er eben wieder mal ohne Bremsen fuhr. Aber mit einem deutschen Universal-Motoren-Gerät kommt man in Indien aus jedem Graben und aus jeder Schlucht immer wieder heraus. 
    Mehr Unimog Geschichten. Ein anderes Mal fiel bei voller Fahrt in dunkler Nacht an einer Brücke ein Hinterrad ab. Da war wohl bei der Montage nach einer der eweigen Reifenpannen das Schrauben-Anziehen vergessen worden. Der Sahib war so geistesgegenwärtig nicht zu bremsen sondern den Wagen hundert Meter vor einer alten Holzbrücke bei Toyaput auf der Chausee bergrunter auslaufen zu lassen, wegen der Eisen schleifenden, Funken sprühenden Bremstrommeln auf dem Teerasphalt. Ich war leider bei dieser schönen Geschichte nicht dabei. Aber mein Bruder Hans erzählt, dass er auf dem Unimog gesessen hat, als er plötzlich das Unimog-Rad an der Seite vom Wagen vorbei rollen sah. Der Vater hat dann in eine Senke der Straße den Wagen bergauf doch zum Stehen bekommen, und es sei damals  gar nicht vor der Lorry-Wood-Bridge passiert, sondern diese hatten sie gerade noch mit Rad wohlbehalten  passiert. 
    Die Verwandtschaft kennt die Geschichten von Inimog. Die gemischten Gefühle meiner Mutter Ille zu des Vaters Dienst-Fahrzeug in der Mission waren sehr ambivalent. In den letzten Jahren in Laxmipur hat die Mutter sogar noch einmal Autofahren lernen sollen, natürlich auf dem unimog. Aber der Cersuch ist im Sande oder fast im graben verlaufen. Wir Kinder waren ja in der Schule weitweg in Kodai und haben es nicht gesehen.Viel Autoverkehr gab es damals in indien ja noch nicht und die indischen Straßen waren frei. Es gab nur eine gerade Teerchaussee durch den Ort Laxmipur, durch den Mutter es gerade noch geschafft hatte, mit dem Missionar an ihrer Seite als Fahrschullehrer hindurch zu steuern. Aber es war ihr dann nicht gelungen, durch die Serpentinen des nächsten Gebirges des Toyaput Ghats zu steuern, da sie beim indischen Linksverkehr im Unimog mit dem Left-Hand-Drive auf der linken falschen Fahrerseite saß und immer am Graben entlang fahren musste. Oder der Vater hatte es nicht geschafft, den guten Fahrlehrer zu spielen.
    Die Mutter hat alle Unimog-Fahrten in den „Distrikt“ oder zur Eisenbahnstation oder zu den Missionarskonferenzen in Nowrangapur mitgemacht, auch die gefährlichen, wenn der Sahib alle seine Passagiere bat auszusteigen, damit er als mutiger Held den Geländewagen im Kriechgang mal eben allein durch den Straßenbruch nach einem Erdrutsch oder durch den Monsun-Reißbach steuern konnte. Aber Mutter, warst du dabei, als Vater das Unimog-Rad nicht richtig wieder dran geschraubt hatte und ihm bei stockdunkler Nacht im fahrenden Unimog plötzlich ein eigenes Hinterrad vorbei sauste?
    Die Mutter saß jedenfalls als Sahibani Ma immer vorne auf dem Bock, auf dem einzigen „gemütlichen“ Sessel des Unimogs, ein kleiner Notsitz wie in den letzten Militärfahrzeugen mit kaum Knie- und Sitzfreiheit und wenig Polsterung direkt neben dem lärmenden Dieselmotor. Die Mutter ist dann oft geträmpt in Indien, wenn im Monsun nicht im offenen Unimog gefahren wurde sondern ein komfortabler mit Kanvasdach geschlossener Jeep. Als der Jeep dann einmal auf der Fahrt stecken geblieben ist oder kaputt gegangen war, wurde die Mutter als weiße Missionarsfrau mitten in der Nacht im Monsunregen in einen voll von anderen reisenden indern besetzten Jeep gesetzt und nach haus geschickt. Darafuhin musste sie bei höllischer Fahrt auf halber Po-Backe am offenen türlosen Jeep-Gelandewagen bei strömendem Regen sich nicht nur festhalten sondern auch noch mit der freien Hand an der strippe synchrom mit dem fremden Fahrer an der anderen Seite ziehen, um die kaputtgegangenen Scheibenwischer zu bedienen. Aber die übeldrein schauenden paankauenden Kasteninder haben unsere zarte Mutter immer korrekt um Mitternacht am Bungalow auf ihrer Missionsstation abgeliefert, während der Vater im Jeep übernachtete, bis die Mutter anderntags einen Kuli mit Flickzeug oder Werkzeugen an die Straße ihm zur Hilfe schickte.
    Am Ende hat der Unimog hat lange Jahre nach uns bis in die 80-er gefahren. Dann war was am Getriebe und der Chef Driver "Prokash" vom Krankenhaus hat angefangen das deutsche komplizierte UNIMOG-Getriebe für den Austausch mit den dann verfügbaren deutschen Ersatzteilen auseinander zunehmen. Aber  Prokash hat die Gearbox, das Getriebe nie wieder zusammen gekriegt. Der Unimog war damit hin. Dann wurde in den 90-zigern der Motor heraus gebaut und für Prokash für seine Wasserpumpe auf seinen Reis-Feldern erbeten. Das letzte Bild vom Dagg-Dagg ist dann sein Friedhof hinten im Godown, im Missions-Schuppen in Nowrangapur, wo er und ich geboren sind. 
Ein "MARSIEDES BERRY GOOD!“

Erik Speck

(e.s.)

             (e.s.)


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