1964.  Laxmipur. Indienreise von Tante Anna Speck aus Sarzbüttel / Breklum. (e.s.)

Tante Anna bringt Nalle und Pastor Sinko nach Indien  -  Verwandtschaftsbesuch in Laxmipur.

Es ist schon bezeichnendswert. Es gab einen einzigen Familienbesuch in Indien während der 100 Jahre. Alle anderen Besucher waren Missionsbesuche. Und so hat Tante Anna sozusagen die Speckseite in Indien vertreten und all die fehlenden Besuche wettgemacht. Jedoch der Heimatkontakt zur Sippe wurde wie in nachweislichen intensiven Briefbrücken und in ihrem täglichen Gedenken in Schleswig Holstein an die Mission draußen erhalten. Die Verwandtschaft, von Großmutter Marie S. bis zu den Vettern und Kusinen, hat unser Indien von Herzen begleitet, im Sonntagsspargeld dafür gesammelt und in manchen Wohnzimmern die Indiendias surren lassen. Andere Besucher in Laxmipur waren Missionsleute, Missionsinspektoren, auch mal mein Patenonkel als Weltkirchenratsbesucher, ein Laienprediger aus Breklum, beruflich ein Filmemacher, ein Waidmann zur Jagd auf den Menschenfressertiger, und privat tatsächlich auch einmal zwei deutsche Lufthansa-Stewardessen; eine war ehemaliges älteres Missionarskind aus dem Penryn-boarding.
    Tante Anna brachte Nalle und Paster Sinko nach Indien. Sie besuchte uns 1963/64 ein halbes Jahr lang. Wann genau die Patentante in Indien war, weiß ich nicht  - weißt du noch die Besuche deiner Tanten in der Kindheit? - aber einige Lichtblicke und Erzählungen haben wir darüber. Ich hatte meine deutsche Patentante, die bei meiner Taufe in Nowrangapur in Abwesenheit Wahlpatin wurde, nun richtig kennen gelernt. Und seitdem war sie nach unserer Rückkehr nach Deutschland mit allen Verwandten oft unser lieber Besuch. Ich habe sie noch am Anfang der 80er Jahre in Sarzbüttel getroffen. Nach ihrem damaligen tragischen Autounfall zusammen mit Tante Marie soll sie hier in ihren Diabildern und in diesen Beiträgen in Andenken bleiben.
    Nalle, ein Würfelspielspezial aus Sarzbüttel, das "in alle Welt ging", u.a. auch von Vetter Heiner bei einem Sarzbüttel-Besuch in den 1950ern erlernt und an seine spielbegeisterten Nichten in Schweden weitervererbt. Anna hatte gleich die 6 Würfel in der Tasche mitgebracht. 1 ist 100. 5 ist 50. Nun würfele mal! Ein Drilling zählt die Augenzahl mal 100. Dann los. Anschluss! Wenn alle Würfel zählen, noch mal alle aufnehmen und weiterwürfeln. Null! war nichts! - indisch Nill - und alles verloren. Nächster! Ein Würfel-Lotteriespiel für jede Gelegenheit und jedes Wohnzimmer und für jeden von 3 – 99 Jahren.
    Ich glaube - wenn ich Tante Annas Indienreise heute nicht vollständig berichten kann - dass sie mit unserer jungen neuen Hausmutter Ute zusammen im September 1963 nach Indien flog. Und wiedermal habe ich nur einige Bilder und Annas unsortierte unkommentierte Dias. Ich war 12 Jahre alt. Wir haben sie mit dem Kodi School JEEP Stationwagon und dem Kodi-School-driver im heißen Madurai vom Flughafen abgeholt. Anna war Wirtschafterin vom Seminar in Breklum und hatte Ute dort kennen gelernt. Anna erlebte Penryn-boarding und machte einige Hikes mit uns in Kodaikanal mit. Dann fuhr sie, als die Neue im Internat eingeführt war, mit meiner Mutter nach Laxmipur und in die Mission. Sie besuchte die Missionsstationen und im Oktober kamen wir in die Christmas Longholidays nach Laxmipur. Wie selbstverständlich war die Tante in Laxmipur bei der Missionarsfamilie dabei und hat die ganze indische Story miterlebt.
Anna war deutsch bäuerlich erstaunt wie der „Dud-Wala“, der Odiya-Milchmann, in der Vormittagshitze auf dem Zementfußboden vor der „kusni“, dem verräucherten Küchenhaus, seine verschüttete „Mäusi-Khirro“, die Büffelmilch, mit der Hand und mit einem Zeigefingerwisch zurück in den Krug aufnahm. Auf Annas Frage, ob das nicht schmutzig sei, sollen wir Specks alle gleichzeitig und unbekümmert geantwortet haben, „Wieso, wird doch gekocht!“ Der Dudwala kam zu Fuß 8 Meilen eine Stunde Weges aus Toyaput mit 3 Liter kostbarer Wasserbüffelmilch für die Sahebfamilie und hat seine Tagesrupien an unserer Küchentür verdient.
    So auch fragte Anna „typisch deutsch“, ob man denn nicht etwas, vielleicht war es die Reparatur von Schadstellen am Whitewash der Zimmerwand oder vom Wasserabflussloch in der Wand in der Zement-Duschecke ihres washrooms, „in Auftrag geben“ könne. Meine Mutter antwortete gelassen, so ginge es eben nicht in Indien. Man müsse es mehrmals sagen, und vielleicht wird es dann mal gemacht.
    Aber Tante Anna hat sich schnell eingelebt und bald in die indischen Verhältnisse eingewöhnt. Ihre großen Ängste vor dem fremden Indien und den anfänglichen Schrecken vor z.B. den vielen Leichen schon bei Ankunft in der Flughafenhalle und an den indischen Bahnhöfen hatte sie bald überwunden und die vielen in ihren Tüchern auf dem Boden schlafenden Inder akzeptiert. Sie fuhr mit uns Unimog und ging mit der Familie „in den Distrikt“ in die Lieblingsdörfer Gottiguda und Bodisil, und mit auf „Heidenpredigt“ in den neuen Dörfern wie Karli und Balangi. So kommt sie vor in meiner Story von der Safari mit dem Menschenfresser-Tiger und anderen.
    Tante Anna hat richtiges Indien mit nach Deutschland zurückgenommen. Und dafür hat sie vieles nach Laxmipur aus Deutschland mitgebracht wie das Lied von Pastor Sinko. Sie war in der Weihnachtszeit bei uns in Laxmipur und hat indische „Jonnma-Porrbo“ und deutsche Christmas mit uns erlebt. Beim Lagerfeuer unterm großen Mangobaum wurde dann auch nach den deutschen Weihnachtsliedern deutsche Volklore gesungen. Anna brachte uns „Kennt yi nich dat nee-e Lid von Harrn Pastor Sinko!?“ bei. Wir lernten Pastor Sinko kennen und sangen wochenlang die neuen deutschen Verse in den Ferien. Aber wir hatten nur das halbe Lied und die Pointe gar nicht verstanden, weil wir in Indien deutsch gelernt und nie Platt gehört hatten. „Wer is denn Herr Pastor Sinko?“ Da kam es mit schallendem Lachen heraus. Wir Kinder hatten gedacht, dass eben ein frommer spendabler Dorfpastor aus Herzensgüte all diese Dinge verschenkte. „Und die alte Ingel-Schmiss, Ingel-Schmiss, Ingel-Schmiss - kriegt ein neues "Tään"-Gebiss von Herrn Pastor sien Kauh! Jau, sing man tau! sing man tau! vun Herrn Pastor sien Kauh, jaujau ..“
(e.s.)

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Anna lernt Odiya


(e.s.)


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