Vom Anderland
Indien-Stories von Erik S.
Achtung, Vaterland!
Die indischen Freunde und
Spielkameraden und die ehemaligen Mitschüler meiner indischen amerikanischen
Schule in Kodaikanal meiner Kindheit 1953 bis 1966 als Missionarskind 14 Jahre
in Indien habe ich leider nie wieder gesehen. Es war damals nach unseren
Abschied von Laxmipur und von Kodi und von Indien in Germany kein Geld da und
gar nicht die Rede davon, dass wir eventuell unsere indischen Klassenkameraden
in den Staaten geschweige denn unsere indische Heimat besucht hätten. Und als an
der deutschen Oberschule die Austauschprogramme mit Schüleraufenthalten in
amerikanischen Familien begannen, haben meine Eltern nicht einmal daran gedacht,
dass ein Jahr in Amerika mir nach der Schule in Indien ganz gut getan hätte. No
way!
Wir haben uns noch einige Jahre mit Freunden aus der Kodai-School geschrieben,
uns mit ihnen über unsere Neuigkeiten aus den neuen Heimaten, the States und
Germany, ausgetauscht und weniger über unsere letzten Erlebnisse im nun abrupt
beendeten Indien. Dann ist mein Briefe-Schreiben an ferne vergessene
Jugendfreunde aus Indien während meiner immer weiter fortschreitenden
Integration in die deutsche Schule irgendwann in der Pubertät versiegt, wie
andere jugendliche Achtklässler eben auch ihren Kindergartenfreunden nicht mehr
schreiben. Ich brannte jedoch unmerklich seit ehedem, seit meiner
Indiengeschichte, auf jegliche Nachrichten aus Indien. Und dann habe ich meine
eigenen Indienreisen drei Mal gemacht, von denen ich auch noch in Deutschland
erzählen muss.
Aber ich interessierte mich noch passiv für die indische Schule, indem ich dann
und wann in der Ehemaligen-Schüler-Zeitschrift der amerikanischen Schule, die
Kodai-Alumni, gelesen habe. Sie waren merkwürdig stolz auf ihre Schule und ihre
Klassengemeinschaft hielt lange über ihr kurzes Leben in der indischen Schule
hinaus in Amerika an. Bei uns wenigen deutschen Missionarskindern und
Kodi-Schülern kam in Germany keine Gemeinschaft trotz viel
Zusammengehörigkeitsgefühl über Indien auf. Mein Internat, das Penryn German
Boarding in Kodaikanal, hatte noch vor meiner Zeit manchmal zwei Dutzend
deutsche Kinder und in der letzten Penryn Ära waren es mit mir nur noch ein
halbes Dutzend an einer mission school mit drei hundert mehrheitlich weißen
Kindern.
So las ich von Verheiratungen und Colleges, Weltreisen und Army-Berufen meiner
amerikanischen Schulfreunde, Tom, Steve, Ann und Susan, und mir grauste vor
deren muffiger amerikanischer Konformität, ihrem american-way-of-life. Aber die
Schülerzeitung enthielt außer deren Klassentreffen, den Kodai-Reunions, immer
wieder Nachrichten über die Kodai School. Da berichtete das School Magazine
plötzlich Ende der 70er Jahre von den neuen Plänen, aus der alten
Missionsschule eine Elite-Schule, die Kodaikanal International School zu machen,
als wären alle foreignerkids in Indien und in „unserer" beloved school nur
glücklich gewesen. Ich schrieb einen erbosten persönlichen Leserbrief, How
international am I, weil wir deutschen Kinder auf deren amerikanischen Schule in
Indien eine ganz eigene indische Geschichte geschrieben haben.
Ich setzte mich gegen die amerikanischen Freunde ab, indem ich mich voll in die
neue Anti-Autoritäre-Generation begab. Von meiner deutschen Herkunft wussten sie
nichts außer einigen Brocken Deutsch wie Achtung! Here come the huns! und
sauerkrauts! oder Vaterland! aus amerikanischen GI-Movies in Kodi. Ich kündigte
mein Dauerabonnement der Kodai-Alumni und ließ mich mit einem Abschiedsbrief aus
der Adressenliste der Veteranen streichen. Ich hatte einen Brocken der schweren
indischen Last damit erledigt, glaubte ich damals, und hatte es doch nur in das
innere Exil verbannt.
Immer wieder schmökerte ich dann heimlich in von meinen Brüdern ausgeliehenen
Kodai-Zeitschriften, um zu wissen, wie es mit der Kodi School denn
weitergegangen war. Da las ich von meiner Klassenkameradin Susan aus Kodi einen
Artikel über ihre Doktorarbeit mit dem Thema „How to cope with culture shock".
Meine Schulfreundin, neben der ich acht Jahre in Kodai in der Klasse gesessen
hatte, schrieb sich ihren Doctor PhD ausgerechnet mit den Schicksalen der
Kodi-Schüler zusammen und war darin zu dem himmelschreienden Ergebnis gekommen,
dass die Kodai-Kids keinen Kulturschock erlitten hätten, thesis prooved
negative!
Ich war empört und verzweifelt und schrieb ihr diesen nie abgeschickten Brief,
einen von vielen letters I never wrote, weil sie mich und viele andere Kodaiites
als Versuchskarnickel nicht richtig untersucht haben konnte.
(e.s. 1985)
(e.s.)