Vom Anderland

Indien-Stories von Erik S.


Laxmipurer Tropennächte (1959)

  Wir saßen alle im Bungalow im großen Wohnzimmer unter dem Wellblechdach. Die grüngestrichenen Türen zur Veranda standen offen und ließen die absolute Stille der vielen Geräusche der tropischen Nacht über den kalten roten Zementfußboden hereinrollen. Auf dem runden Teaktisch stand lieblich die verträumte indische Petroleumlampe, deren gelbweiße Dochtflamme durch den frischgeputzten Glaszylinder das einzige Licht auf die Gesichter der ganzen Missionarsfamilie warf.
   Um sieben Uhr abends war es in Indien schon zappenduster. Die zwei Dackelhunde, Schnoppi und Pfiffi, der eine goldbraun und schlank wie der andere pechschwarz und fett, lagen mit ihren schlappen Ohren auf den Kissen des großen steifen Rosewood-Sofas. Über diesem an der Wand hing Jahre lang das gerahmte Bild von der Heimat, ein bunter gemalter Küsten- und Marschenstrand von der Nordsee. Ich hatte es oft lange betrachtet, und mir waren die heimischen Ufer in weitentrückten Schleswig Holstein Germany dadurch kein bisschen deutlicher oder näher gewesen.
   Meine Eltern waren leidenschaftliche Bridgespieler seit dem Lager, seit ihrer britischen Internierung in Satara und Purandar im Krieg, und spielten mit uns Kindern viel Karten, Elferaus, Passions, Bauernskat und Rommee in Indien. Es lag immer die gelb beige Plättdecke dafür auf dem Runden Tisch, dem Mittelpunkt der Familie, wie ein Casino-Tisch. Wir spielten Familien-Rommee. Dabei spielte oft das Grammophone die deutschen Klassiker Mozart, Bach und Beethoven. Ich kann heute noch die "Kleine Nachtmusik" pfeifen, die hier geboren wurde, und kriege beim Wiener Walzer oder bei der Unvollendeten dieses romantische augenfeuchte Gefühl von jenen Missionarsfamilienabenden im Dschungel.
Es stand ein neues grünes Grundig Kofferradiogerät mit Plattenkasten in der dunklen Wohnzimmerecke. Und eine verdächtige elektrische Litze führte unter der Holztür hindurch zur Garage, denn draußen hinter zwei dicken Bungalowwänden brummte der Unimog, der den Strom für den 12-Volt-Spieler liefern musste. Die tropische Missionsromantik war hiermit komplett.
   Beim Kartenspielen der Sahib-Family kamen am späteren Abend die Diener noch lautlos hereingeschlichen und haben sich nach ihrer letzen Küchenarbeit, unseren Abwasch, höflich für die Nacht zum Feierabend verabschiedet. Die Köchin Amphilli hatte mit dem Küchenjungen Kantu noch in der über dem Hinterhof gelegenen düsteren Küche abgewaschen. Wir sagten ihnen Salam und gute Nacht. Dann war ich auch bald dran und musste zu Bett, wenn wir nicht, wie an anderen langen Ferienabenden noch mit dem Vater und dem Unimog zum nächtlichen Jagen ausfahren wollten.
   Meine Mutter nahm die Kupi, eine bereitgestellte kleinere Nacht- und Stalllaterne, und führte mich durchs Schlafzimmer an dem mit weißem Tüll-Mosquitonetz behangenen hohen schweren schwarzen Stahlrahmen des großen Ehebettes der Eltern vorbei, das angeblich von einem Maharadsha-Palast stammen sollte, ins dunkle Badezimmer. Gespenstische Schatten warfen sich vom spärlichen Licht der Petroleumfunzel an die gekalkten Wände, während ich mir mit meinem Bruder über dem grauen rohen Betonwaschbecken die Zähne putzte.
   Mit der Petroleumfunzel schlich ich mich in mein Zimmer auf der Veranda. Da das Licht der Laterne in der stockdunklen indischen Nacht mich blendete, hielt ich beim Gehen die eine Hand gegen ihr Licht, so dass ich den nackten Zementboden unter meinen Barfüßen vor mir sehen konnte. Wahrscheinlich war dies eine der vielen unbewussten Vorsichtsmaßnahmen, die wir alle verinnerlicht hatten, denn es gab Skorpione und Schlangen, aber ich hatte vor den viel häufigeren großen Soldaten-Ameisen Angst, die mir heftig in die Füße beißen konnten.

  Rechts auf der Veranda mein "Freiluftzimmer"

   Mein Zimmer war die Veranda, die mit einfachem alten indischen Hühnerdraht gegen die wilden Tiere, für den Tiger, und gegen die klauenden Inder vergittert war. Ich kroch sehr gern unter mein anheimelndes altes weißes Mosquitonet, ein intimes Hauszelt und Baldachin über dem eigenen Bett, während die Mutter die letzten Mücken aus dem löcherigen Netz schlug und dessen Saum rundherum sanft unter die Matratzen stopfte, bevor sie mir vielleicht vorlas und gute Nacht sagte. Ich hatte zum Einschlafen die kleine Kupie-Öllampe und vor allem die Geräusche der offenen Tropennacht. Das beständige laute Konzert der Grillen wiegte mich in den Schlaf, nachdem die Mutter mein Gute-Nacht-Lied "Müde bin ich geh zur Ruh!" gesungen und mir mit Schmetterlingsküssen ihrer Augenwimpern auf die Wangen Gute Nacht gewünscht und sich verabschiedet hatte.
  Ich schlief ein wie jedes Kind mit dem leisen Geräusch meines eigenen Atems in den Nasenhaaren, das mich immer an das Gurgeln irgendwelcher Nachttäubchen oder anderer Monster erinnerte. Meine Ängste kamen erst in den Träumen von wilden Tieren oder später in der Nacht beim Bettnässen. Ich glaubte Vater, Gott, Shiva oder die Mutter und die Ayah beschützten mich.
  (e.s.)

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(e.s.)


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