Vom Anderland
Indien-Stories von Erik S.
Missionary or Machinery
Hier nun fühle ich mich erinnert an eine interessante Begebenheit, die ich als
Kind in Indien erlebte, und mit der ich dann allmählich zu unserer Diskussion
über den Kulturschock zurückkommen möchte. Der rote Faden mit den brown specks
muss nun einige Kapitel ruhen, wie der Farbtopf beim Maler mit der
frischangerührten Mischung erstmal eine Nacht stehen sollte. Lasst uns im
Zeitensprung direkt in ein Bild des indischen Lebens, in meine Vergangenheit und
in die Zukunft des damaligen jungen deutschen Pioniers hüpfen.
Wir fuhren in der geschichtenträchtigen, von der Dampflok mit
Kohlenruß geschwärzten, indischen Eisenbahn mit den ganz anderen braunen
Kotflecken im Abteil und den Kotzspuren an den Gitterstäben der Fenster drei
Tage und zwei Nächte lang nach "Hause" durch die unsägliche Weiten der indischen
Ebenen, the plains, die ein Synonym der Einsamkeit der Kodi-Schulkinder und
deren weitverstreuten und weit entfernten Elternhäuser waren. Wir waren auf der
ganzen Länge des dutzende Waggons voller brauner Menschen führenden Madras Mail
die weit sichtbar einzigen Weißen. Im Zug wurde ich wiedermal von einem mutigen
Inder angesprochen, der mit seinem gebrochenen Straßenenglisch, Indian pidgin
inglish, angeben und die Foreigners, the Angressy, beim Smalltalk und mit einer
Cup-of-tea kennen lernen wollte.
Der Leser sollte bitte die folgenden Fragen zuhören, wie sie auch
unserem Großvater seinerzeits gestellt worden waren, der auch in der englischen
Sprache ein Bloody-Beginner war, und sie gleichzeitig in Pidgin Englisch zu
lesen versuchen, indem wir dabei mit dem Mund ein spitzes Pfläumchen machen oder
eine saure indische Lichi lutschen. "What is the profession of your padder,
please?" Ich antwortete wie eben ein schüchternes Schulkind kurz und knapp:
"Missionary!" Worauf der Inder staunte: "Oh, machinery! Does he import or export
tractors?" Mein guter Mann hatte statt Missionar was anderes verstanden, und was
sonst als Maschinen sollte Indien von der Intelligencia aus Europa zu erwarten
haben.
Ich weigerte mich genauere Erklärungen abzugeben, weil ich selber
nicht genau beschreiben konnte, was der Vadda für eine Arbeit machte, und der
kleine deutsch-indische Dialog brach ab. Indhira Gandhi hatte ja auch "danach",
soll heißen nach unserer Zeitrechung, nach unserem Abschied von Indien, alle
Missionare aus Indien ausgewiesen wie machinery of God, und die Regierung
erlaubte nur noch machinery, technische Berufe und Western Know-How aus dem
Ausland ins Land. Mit diesem kleinen Sprachfehler blieben dann auch die
Missionskinder der Kodaikanal School und solche kleinen Reisebegebenheiten aus.
Aber, Oh! ich sollte nicht so in diese späteren Kapitel voreilen, denn noch weiß
keiner wovon gesprochen wird. Und um zum Thema ernsthaft zurückzukommen,
schraube ich die Bildschärfe wieder auf unseren Großvater herunter und sehe
schon meine Eltern im Hintergrund auch in jenem Familienbild erscheinen. Während
ich den Kulturschock der Missionarskinder bespreche, habe ich also meinen
Großvater nach Indien losgeschickt und wir suchen weiter nach den merkwürdigen
braunen Stellen in meiner indischen deutschen Biographie.
Nach dem kurzen Filmklipp mit einer Vorschau auf die indische
Reise, der nur in knappen Zügen den Schmutz und Dreck einer solchen
abenteuerlichen Eisenbahnfahrt zeigen konnte, frage ich mich, ob die Question
nicht anders herum gestellt werden musste. Nicht: Was bedeuteten die braunen
Flecken auf dem Popo von Adam und Evas erstem Kind? Sondern: Warum hatte ich
keine weißen Flecken auf einem braunen Hintern, wenn ich doch in Indien geboren
und vierzehn Jahre dort aufgewachsen, viele Zugreisen und indisches Leben
aufgenommen habe? Braune Urgroßmutter-Sommersprossen haben sich leider auf
meinem Arsch weder durch Indien noch durch Deutschland je entwickelt. Shit oder
Potluck!?
Um den Leser richtig durch meine Ahnenreihe weiter zu führen, muss
ich bald zu meinen Eltern kommen. Aber wir haben schon einmal einen glimpse von
der "Machinery", vorwärts und rückwärts, erhalten, die unsere Eltern nach Indien
gebracht haben und nach der meine Erzählung suchen soll.
Der Großvater, unser erster aus der Familie der in Indien war -
good luck for you! - hat seine "unsere" ersten einsamen Jahre auf dem neuen
Missionsfeld in Indien in langen Briefen an seine Verlobte zu Hause in Germany
geschickt und vermittelt. Darüber soll er später in meiner Geschichtensammlung
mehr Zeilen als hier möglich erhalten. Wir erfahren an dieser Stelle in kurzen
Stichworten, dass der Großvater Missionar in Indien wurde und dort sich mit
unserer Großmutter in Jeypur, links neben dem märchenumwobenen Eschnapur,
verheiratete. Sie bekamen ein eingeborenes Kind und nach schwerer
Malariakrankheit musste unser herzkranker Granddaddy nach langen zehn
Missionarsjahren einwenig unverrichteter Dinge sein Indien aufgeben und nach
Europa zurückkehren. Mein Vater war das kleine "indische" Baby, was aus dieser
ersten Familienlinie schon in Indien entsprungen war. Mit zwei Jahren kam unser
erster Mogli nach Dithmarschen und als er zehn Jahre zählte, ist sein Vater auf
seiner einsamen Bauernscholle an Herzversagen gestorben.
Puh, soweit hab ich es geschafft, und mein Vater ist auf den Plan
gekommen, während die indischen Flecken verloren zugehen scheinen, da mein Vater
erst einmal siebenundzwanzig Jahre in Deutschland groß werden, zur Schule gehen,
eine Ausbildung machen und ein theologisches Examen zum Pastor bestehen muss.
Dann nämlich, vor dem zweiten Weltkrieg, ist er in der ähnlichen Lage wie der
Großvater gekommen und suchte eine Arbeit, um ein Leben, eine Existenz und
vielleicht eine Familie gründen zu können, damit die ganze lange Flöte meiner
Geschwister und ganz zum Schluss meine kleine Wertigkeit auch ins Spiel kommen
können.
Weltwirtschaftskrise 1935, Reichsmarkzeit, Hitlers Machtübernahme,
Reichs-Expansionsgerede, Armut, größte deutsche Arbeitslosigkeit seit dem
Dreißigjährigen Krieg. Der junge Vikar muss sich entschließen zwischen zwei
letzten Möglichkeiten und damals einzigen Angeboten, ob er als Wandervogel im
Osten eine Farm für Hitlers Ostraum-Siedlungsprogramm gründen oder ob er in die
große weite Welt für die Mission nach Indien gehen sollte. Wir bedenken, dass er
aus dem Nichts der damaligen Zeit handeln und ohne jegliche Vorkenntnis über
irgendwelche Muttermale an irgendjemandes Peripherie entscheiden musste. Wenn
ich heute nicht wäre, hätte er sich damals anders entschieden gehabt. So
bestimmt manchmal ein kleines Detail aus der Zukunft die großen Schritte der
Vergangenheit. Mein Vater entschied sich Missionar zu werden und ging nach
Indien.
Die Eltern der Kodai-kids, der Forschungsobjekte, der lieben Susan,
hatten schon von Anfang an zusammen mit ihren Zahnbürsten und ihrem
Missionsgepäck, VIP luggage and bedding, die Grundlagen zum Culture-Shock aus
Uromas Nährboden und Verwünschungen nach Indien mit hineingebracht. Die
britischen Immigration-Officers am Kai von Waltair am bengalischen Meer haben
peinlich genau das ärmliche Gepäck der ersten deutschen Missionare untersucht,
aber außer dem deutschen Gesangbuch und der deutschen Bibel haben sie nichts
auffälliges beanstanden können und die unsichtbaren Sommersprossen auf deren
inwendigen Hosenböden nie kontrolliert. Im fremden Land packten "unsere" Eltern
der amerikanischen, deutschen und multikulti Missionsgesellschaften aus ihren
Tropenkoffern und kolonisierten Köpfen für alle sichtbar ihre
christlich-europäischen Ideale und Traditionen und vor allem ihren
expansionistischen Missionsauftrag und die "Frohe Botschaft" des Evangeliums
aus. Dies war und blieb ihr gemeinsamer Ausgangspunkt, unter dessen Banner sie
bis zum jähen Ende jeder Diskussion über unsere indische Herkunft und weitere
Zukunft kämpfen.
Meine Eltern hatten mich dann 1966 wieder in die Heimat, in das
sogenannte Vaterland, in den heimatlichen kulturellen Hintergrund oder Ursprung
in Germany zurück verfrachtet. Dieses hatte ich erst zweimal in meinem Leben
"besucht" und schon zweimal wieder verlassen. Es war nicht leicht, mich wieder zu
dekolonialisieren, zu ent-Indien-ifizieren! Ich war zu sehr mit braunen
Pünktchen und indischen Sommersprossen durch Missionarskinderleben während 14
Jahre Indien übersät worden.
Ich kannte die schweren Ausdrücke von diesen Lebensvorder- und Hintergründen gar
nicht oder nur aus amerikanischen GI-Movies, die in der sonst pietistischen
Mission-School gezeigt wurden. So liefen die Amis, die Kodai-Kids, oft
wochenlang herum und riefen uns deutschen Internatskindern Worte zu, von denen
sie meinten, es wären die ersten deutschen Vokabeln, die man wissen müsste als
des Deutschen Lieblingswörter, obwohl sie die Brocken gerade in den
amerikanischen Kriegsfilmen gehört hatten. Wir wurden in den Schulgängen
plötzlich mit geräuschvollem Halswürgen von fremden Lauten wie Achtung,
Vaterland! angemacht, gehänselt und immer wieder liebevoll in unsere
Outsiderrolle zu the Germans gewiesen.
So lebte ich in meiner Kindheit in Kodaikanal in 2000 Meter Höhe,
6723 feet above sealevel am Kodai Lake, in den südindischen Bergen der
Palni
Hills ohne Bewusstsein von der großen weiten Welt dort unter mir. Im Basar blieb
ich unfähig, auch nur die häufigste aller Fragen der Tamilen auf der Straße zu
beantworten. "What is yar native place?" (Bitte in Pidgin Englisch lesen und auf
der Zunge zergehen lassen!) Wo kommst du her? Wie heißt dein Geburtsland? Wenn
sie versuchten, meinen Ausländerstatus zu missbrauchen und mich mit ihrem
ulkigen indischen Schul-Inglies zu ihrer Belustigung zu einer kleinen
Sprachprobe anzustiften, konnte ich ihren Standpunkt noch gar nicht begreifen,
und sie verstanden meinen nicht. Dass mein Geburtsland komischerweise ihres war,
das konnten sie mir nicht ansehen. Und meine mir von ihnen unterstellten
Geburtsorte wie Chicago, Paris, Landan oder Hamburg kamen mir genauso fremd und
exotisch vor wie ihnen.
Heute kann ich verstehen, was die Tambis und Mapales, die
tamilischen Freunde, in den Straßen zu uns gemeint haben. In Kodai School waren
wir Kids angehalten, uns als Gäste in einem fremden Land zu benehmen, wie
Besucher gegenüber den Eingeborenen. Wir sollten immer höflich und
verständnisvoll sein, und vor allem uns nie richtig mit denen anfreunden. Merkte
denn keiner, was es für die Kodai-kids bedeutete, nicht angenommene angestammte
Bürger im Land ihrer Geburt, ihrer Kindheit, Jugend und Schulzeit zu sein.
In Germany oder irgendeinem anderen Geburtsland wurde ich nie
wieder so entnervend ausgefragt über mein Herkunftsland, obwohl hier in diesem
Fall nach meiner sogenannten Rückkehr oder Niederkunft, to settle for good, es
mir sicherlich gut getan hätte, wenn man mich mehr und öfters gefragt hätte über
Indien, mein Geburtsland, mein Märchenland. Während der ersten Jahre back in
Germany kam ich fast um vor Erwartung, dass jemand sich endlich interessieren
würde für mein Wo-kommst-du-her. Aber keiner kümmerte sich. Meine Umwelt, meine
Kultur in meinem eigentlichen Mutterland Deutschland blieben verschlossen und
ignorant für meine persönlichen Juwelen und bunten Epidermisflecken aus meinem
Vaterland, genannt Indien. Es war hier in Germany, wo ich einen Kulturschock
erlebte mit meinen eigenen Leuten, meinen Eltern, meinen Verwandten, meinen
Lehrern und Mitschülern und mit mir selbst.
So hege ich größten Respekt, Liebe und Solidarität für meine
braun-ärschigen indischen Freunde von Orissa und Kodaikanal. Wir beide waren
kolonisierte Menschen, aber sozusagen von zwei verschiedenen Seiten aus in einem
fotonegativen Sinne betrachtet. Alles hat ein Ende, nur die Wurscht hat zwei.
Wir spielten unschuldig weiß und braun Versteckspielen und bauten originelle
Mausefallen und sophisticated matters in einmaliger trauter Eintracht
miteinander, aber wir indischen Kinder und deutschen Sahibs hätten niemals
unseren Klassengegensatz überspringen und befrieden können. Sie hatten
Schwierigkeiten, weiße Punkte auf ihre schmutzigen Dothis und Lendenschurze und
auf ihre Ärsche zu kriegen, während ich alle Welt damit zu tun hatte, meinen
Arsch zu retten und meinen Hintern sauber zu halten von ihrem indischen Dreck
und Schmutz, und mir dennoch eine tiefe seelische Tropenbräune zuzulegen. Heute
bescheinigt mir mein Hautarzt, dass ich gealterte Haut mit empfindlich gestörtem
Pigmentmosaik habe aufgrund von langjähriger Exponierung an Tropen- oder
Gebirgssonne. Halleluja, soag ie!
(e.s. 1985)
(e.s.)