Vom Anderland
Indien-Stories von Erik S.
Schiffsreise nach Indien (1956)
Die ersten Kindheitserinnerungen von Indien sind Bilder wie ein
Traum, Bilder von einer Schiffsreise, einer Passage nach Indien, Bilder
von einer Familie und Bilder von einer Großstadt
Bombay/Mumbai. Ganz
selbstverständlich wurde bei uns in der Familie von unseren Reisen (wie bei
anderen Herrschaften des letzten Jahrhunderts) von den letzten anheimelndem
Kolonialreisen und der Inbesitznahme eines fremden Landes wie Indien erzählt.
Im Dezember sechsundfünfzig sind wir von der Insel Föhr nach zwei Jahren
Missionarsurlaub zurück ins entfernte Indien gefahren. In vier langen Wochen
ging es per Schiff von Hamburg durch die stürmische spanische See der
Biskaya und dann um Afrika herum ums Kap der Guten Hoffnung
durch den Indischen Ozean nach Bombay, ohne dass ich mit vier Jahren die
tiefe Bedeutung meiner langen Indienreise mitbekommen hätte.
Eines Tages kam der Brief. Der Vater öffnete strahlenden Auges den
Brief von der indischen Behörde. Im Telegrammstil stand da auf dem Papier vom
Immigration Office am indischen Konsulat, was schon in seinem Herzen
gestanden hatte: No objection to return! Können nach Indien wieder
zurückkommen! Sein erneutes Arbeitsvisum für Indien, Indien das dritte Mal,
verdrehte der Mutter die Augen. Ihr Herz wurde zerrissen, weil der
siebzehnjährige älteste Sohn allein zu Haus in Deutschland im Internat auf der
Insel Föhr gelassen werden musste. Während der Vater wie die indische Sonne
strahlte, verschloss sich das Gesicht der Mutter wie ein zugefrorener
Marschengraben der Insel. Während sie gerade erst vor zwei Jahren freudiger als
ihr Mann nach Deutschland zurückgefahren war und nicht wieder zurück nach
Indien wollte, blickte er von hier immer gebannt in die andere Richtung nach
Indien. Ihre Reisen konkurrierten. Sie trat die Reise nach Innen an. Er brach
nach Außen in die indische Freiheit auf.
Auf der Insel Föhr, einem platten Pfannekuchen, der zwei
Weltenmeere von der großen Gandhiji-Nasengurke der indischen Peninsula entfernt
j.w.d. hinter Norddeutschland verborgen und verschlafen lag, wurden für die
Missionsreise wieder die Koffer gepackt.
Die treue Ehefrau packte wieder stillschweigend für Indien die Koffer, was meine
Mutter schon das erste Mal nur mit großem Abschiedsschmerz leisten konnte und
jetzt routiniert wiederholte. Der Vater kaufte fünf grüngraue Ölfässer über
einen Hamburger Hafenspediteur und verpackte das Nötigste der kleinen großen
Missionarsfamilie vom Kinderroller bis zum neuen grünen Grundig-Koffer mit
dem eingebauten Plattenspieler in fünf kleine Blechtonnen, in unsere neuen
märchenhaft anmutenden ersten Container für Übersee. Aber der ganze deutsche
Hausrat, die von der lieben Großmutter vor dem Krieg geerbten deutschen
Ehebetten, die Esszimmerstühle und der große eichene Esszimmertisch und einiges
mehr, wurde in Deutschland wieder bei der Verwandtschaft und in Breklum auf dem
Dachboden der Missionsgesellschaft gestellt.
Meine ersten Kindheitserinnerungen von Indien sind die Bilder im Familienalbum
von einer Schiffsreise nach Indien.
Die Missionarsfamilie reiste als Drittklass-Passagiere auf einem
Passagierschiff. Sie erlebten einen Luxus einer Seefahrt auf einem
Passagierfrachter fast im großen Stil, wie sie damals in der ausklingenden
Kolonialzeit noch üblich waren, mit Speisesaal, Swimmingpool und Äquatortaufe.
Nach Antwerpen und dem englischen Kanal jedoch erwischte die Familie schon der
orkanartige Seesturm in der Biskaya mit schwerer See und Seelentiefgang. Alle
lagen seekrank wie der Rest der Passagiere in den Kojen der Kabinen. Am Bullauge
tobte das schwarze tosende Meer und führte allen das Schauspiel zwischen Leben
und Tod vor. Das Schiff kränkte alle Familienmitglieder mit Seekrankheit in die
Pritschen, nur der Kleine mit der jüngsten unbefleckten indischen Vergangenheit
war wohl auf und (reise-)hungrig. Und meine Mutter opferte sich und saß kreidebleich bei mir im leergefegten Speisesaal und versorgte den quietschmunteren
Jüngsten mit köstlichsten Speisen aus der Kombüse. Der Koch hatte für den
kleinsten Passagier zu kochen, während alle Matrosen an und unter Decks nach den
sich übergebenden seekranken Schiffsreisenden aufwischen mussten.
Die Mutter, im Gesicht grün wie ein Chamäleon, war mehr krank von dem Übel der
Trennung von ihrem großen Sohn und dem abermaligen Abschied von ihrer geliebten
Heimat als seekrank von dem rollenden Seegang, und begleitete ihre Kröte im
Speisesaal und pflegte ihren seekranken Mann und ihre seekranken vier weiteren
Kinder in den beiden engen Dreibett-Kabinen mit den Bullaugen genau an der
schwappenden Wasserlinie auf ihrer letzten, so hoffte sie, Pilgerfahrt nach
Osten. Gegen das zähe Gummiband, was die Mutter in Deutschland hielt und den
Vater nach Indien zog, musste der Dampfer vier lange Wochen dem Osten entgegen
stampfen. Denn, was die Familienkrise im Kleinen, war die Suezkrise im Großen.
Das Nadelöhr nach Indien, der Suez-Kanal, war geschlossen, und die Familie musste
mit dem Frachter um Afrika fahren. Der Weltkonflikt machte die Reise noch
länger, während der Schmerz der Mutter ihr die Passage nach Indien noch endloser
erscheinen ließ. Das dauernde Stampfen der Schiffsmaschinen zog sich über vier
Wochen hin, bis sie wieder in Indien an Land gespuckt wurden, obwohl die Mutter
am liebsten mit einem Knall in Hamburg an der Elbe gelandet wäre.
Und schon beginnen diese merkwürdig schillernd erzählten Lebensberichte, obwohl
ich als erste eigenen Bilder von Indien nur diese Spots habe.
In Bombay verliessen wir nach dieser schönen Familien-Kreuzfahrt der besonderen
Art ein wenig mit gemischten Gefühlen die "Victoria", den postkartenschönen
weißen italienischen Passagierfrachter des Lloyd Trestino, als wäre es "unser"
Schiff und ein bisschen "unsere" neue Heimat, wie man es später im Familienalbum
bestaunen wird. Der herzlich italienische Steward aus Napoli winkte uns auf der
Gangway zum traurigen Abschied und rief „Familia Nummer-Rosa“.
Bombay/Mumbai
Wieder als billige Missionarsfamilie in Indien
zurück, landeten wir natürlich in Bombay beim Hotel der Salvation Army, bei
der Heilsarmee. In den schäbigen Duschräumen des Salvation Army Hotels
soll ich laut meine Vorfreude auf Indien, alle ermunternd zu den
indischen Duschgelegenheiten, gesagt haben: "Da sieht die Wand die Po-s!"...
Aber draußen in dem alten Centrum von Bombay „in der ganz anderen Welt mit den
vielen braunen Menschen und viel Lärm und viel Gestank und den vielen Rikshas"
im Linksverkehr brach Indien wie eine Flutwelle über mich zusammen.
Die erste Großstadt in meinem Leben ist in Indien, ist und bleibt
wie ganz Indien. Ich riss mich von der Hand meines großen 13-jährigen Bruders
und von der sicheren Familien-Kinderkette los und rannte zwischen den Autos
hindurch über die große breite Gandhi Avenue oder Kingscross an der
Verkehrsstraße Victoria Station in der City von Bombay. Ein indisches
gelbschwarzes Taxi bremste mit quietschenden Reifen. Ich stürzte und fiel direkt
vor den quietschenden Reifen des gelbschwarzen indischen Taxi Auto auf den
indischen Asphalt. Meine Geschwister eilten mit Fassungslosigkeit in ihren
bleichen Gesichtern her, während ich, erst vier Jahre alt und doch schon zum
zweiten Mal in Indien, mir in die Hose pinkelte.
Als zum Glück dem Kleinen nichts weiter passiert war, und alle in Indien mit dem
Schrecken davon gekommen waren, verletzte sich am gleichen Tag meine damals
sieben Jahre alte Schwester beim hektischen Aussteigen aus dem Doppeldeckerbus
von British Leyland an einer Blechdose in der Gosse am Straßenrand, wie um ein
weiteres schweres Omen auf Indien zu legen.
Von der zwei Tage und Nächte dauernden Bahnfahrt von Bombay nach Rayagada, eintausendsiebenhundertunddreiundzwanzig
Kilometer, fast eintausend indische Meilen, nach Rayagada, nicht die erste und
auch nicht die letzte Reise auf der indischen Bahn, erinnere
ich nichts mehr.
Obwohl es schon auf dem D-Zug von Husum nach Hamburg fragte „Wann sind wir
endlich in Indien?", war das Kind erst im richtigen Indien bei der Ankunft in
Laxmipur. Aber die Erinnerungen sind wie einzelne
Bilder einer Familiengeschichte.
Meine Missionsstation Laxmipur
Mein indisches Bewusstsein wacht erst auf und beginnt langsam erst so richtig
bei der Ankunft in Laxmipur, in meinem indischen Dorf. Bei stockdunkler Nacht
kommen wir in Onkel Rudolfs großem Ford-Stationwagon, mit den alten
Holzaufbauten und den Teak-Armaturen, am urigen Missionsbungalow in Laxmipur an.
In einem dunklen Haus scheint Licht. ... Meine Mutter erzählt mir dreißig Jahre
später, dass der gesamte Bungalow zum Empfang unserer Familie mit einer Reihe
Kerzen und Petroleumlampen auf der Veranda zwischen den großen weißen Säulen im
Kolonialstil hell und festlich erleuchtet war. Eine deutsche Missionarin, für
uns Kinder seitdem immer Tante B., und unsere treue Aiya und Kinderfrau
Amphilli, hatten das alte leerstehende Haus notdürftig hergerichtet und
Petroleumlampen in allen Räumen aufgestellt. Ich erinnere große weiße Säle mit
ge-whitewash-ten Kalkwänden und tiefschwarzen Dachbalken hoch
oben unterm silbernen Wellblechdach.
Eines Tages, so schien es für mich Fünfjährigen, in Wirklichkeit waren es
vielleicht zwei Wochen, da kommt der UNIMOG mit dem Überseegepäck, Theo sitzt
hinten auf den großen blauen Ölfässern. Unser Umzugsgut aus Germany ist
angekommen (die Fässer mit der alten Adressenbeschriftung in schwarzen
Großbuchstaben "SPECK LAXMIPUR VIA RAYAGADA KORAPUT DISTRICT ORISSA INDIA"
kommen später, am Ende unserer Indienzeit, unversehrt und mit dieser alten
Aufschrift wieder mit zurück nach Germany, wo sie heute noch bei meinen Eltern
auf dem Dachboden stehen. So konservieren sie diese knapp gehaltene einfache
Adresse auf dem Rücken ihrer nunmehr gähnend leeren dunklen Innenräume „for
good!"für immer..)
Vom Entladen und aus Auspacken weiß ein Kind dann nichts mehr. Denn
es kam ein nächster Einschnitt in Indien.
Sahib Pilla Missionarskind in Indien
Plötzlich bin ich allein irgendwo in Indien.
Ich bin ein Jahr allein mit meinen Eltern in Laxmipur. Die Geschwister sind zum
Internat in die Schule nach Kodaikanal in Südindien gefahren. In der Erinnerung
ist es so, als langweile ich mich, während ich meiner Mutter an vielen langen
tropischen Nachmittagen zuschaue, die im düsteren Durchgang zum bathroom an
ihrer deutschen Singer-Tretnähmaschine am Fenster sitzt und für die indischen
Missionskinder Kleider und Hosen flickt.
Bei einem Spaziergang mit ihr allein zum Gartentor und aus dem Compound
hinaus treffen wir die nepalesische Flüchtlingsfamilie der neugebauten Häuser
des Elektrifizierungs-Offices unter den merkwürdig surrenden, neuen
Hochspannungsmasten der Überlandkabel, die zweihundert Meter vor dem Bungalow
mit den Petroleumlampen vorbei laufen. In deren Garten wird mir ein großer,
schwarzweiß getupfter Käfer in einer Wasserzisterne gezeigt, solch ein
Märcheninsekt aus der Kindheit, das man sonst nie wieder zu sehen bekommt - wenn
ich heute nicht wüsste und gelernt hätte, dass es diese Goliath-Käfer
tatsächlich in der Welt gibt.
Als kleiner Junge von sechs Jahren darf ich auf dem „Bilo", auf dem
Missionsland, der so genannten Farm meines Vaters, allein den UNIMOG fahren.
Beim Strohaufladen und beim Mistverteilen darf ich den Unimog selber fahren, nur
geradeaus steuern und, ohne überhaupt mit den Beinen an die Bremspedale reichen
zu können, rechtzeitig anhalten. Ich ließ nach väterlicher Anweisung den Wagen
per Handgas immer weiter tuckern, während ich an den Halt heran fahren mußte.
In Indien ein Leben beginnen, ohne jemals die deutsche Bremse ziehen zu müssen.
Oder mein erstes Ostern mit duftenden blühenden Mango-Bäumen zur heißen Zeit..
Drei Erwachsene und ein Kind feiern alleine deutsche Kinder-Ostern auf dem
braunverbrannten spärlichen Rasen unterm großen Tamarindenbaum im großen
mission
compound, meine Mutter, mein Vater und Tante Elisabeth, die neue junge deutsche
Missionsärztin, und ich. Die größeren Geschwister sind alle im Internat in der
amerikanischen Missionsschule in Südindien. Ich glaube, ich ahnte damals nur, wo
sie eigentlich waren, so wenig wie ich wusste, wo ich eigentlich war in
Laxmipur. Der älteste Bruder mit 17 Jahren zurückgelassen auf der Insel Föhr im
Internat in Germany, die anderen vier Geschwister im Penryn-Boarding in
Kodaikanal. Ich suche zum ersten Mal "Ostereier", das erste Mal versteckt in
Indien, und finde in den großen Murgas, in den stacheligen graublauen Agaven der
wuchtigen ausladenden Gartenhecke billige klebrige Bonbons in kitschigen Farben
und voller Ameisen.
Indien sticht, klebt und hat schrille, leuchtend rote Farben.
Als wir bei einem Missionsbesuch meiner Eltern in einem indischen Hüttendorf zum
Welcome begrüßt, empfangen und angestarrt werden, gaffen mir die
Dorfkinder in die kurzen Hosen. Ob das Kind vom weißen Sahib, der Sahib-Pilla,
einen Pillermann hat? Vor Schreck verschütte ich den Tschai. Ich kippe den
auch mir würdevoll im gereichten Glas heißem süßen indischen Welcome-Tea über
meine Shorts. Meine nackten weißen Oberschenkel kleben vor Schweiß auf dem Blech
des grüngrauen Klappstuhls. Die Welcome-Blumenkette um meinen Hals, mit den
fetten gelb-orangefarbenen Blüten der traditionellen Menda-Pul, der indischen
Schafsgarbe, stinkt unerträglich.
Ich lerne ein weiteres der Gefühle in Indien kennen; ausgestellt und nackt, ich
werde ständig angestarrt und angegafft. Unterdessen konnte es passieren, dass
meine Mutter mich schon öfters stolz vorzeigte und mich wegen meiner
„rotgoldenen" Haare manchmal scherzeshalber an die neugierigen indischen Frauen
verkaufen mochte, ohne eine leiseste Ahnung von meinen fürchterlichen Ängsten zu
haben.
Ein andermal hagelt es zu Beginn der indischen Regenzeit dicke weiße Hagelkörner
... und ich renne in meinem Regen-Cape, das noch aus dem
schweren Kanvas-Stoff vom indischen Internierungslager während des Krieges in
Purandhar genäht ist, durch den Monsun-Regen und sammele Uru-Poddorro, die Hagelkörner, mein erstes
indisches Himmels-Eis, auf wie einzelne kleine Brocken von ersten indischen
Erfahrungen vom großen indischen Puzzle.
Regenzeit... Ich fahre stolz neben meinem Vater im Unimog zum Mist-Fahren ins
Laxmipurer Dorf... Ich schmelze vor Freude wie Butter dahin, als ich auf seinem
Schoß sitzen und selber steuern darf... Doch der Monsun-Regenguss hat die rote
staubige Lehmpiste vollkommen aufgeweicht, und der Vater steuert lieber wieder
selber, als die Räder im Morast Schlupf bekommen und der rotgrüne deutsche
Acker- und Geländewagen von Mercedes Benz von dem schlammigen Strassendamm
herunter zu rutschen droht.
Nach einem anderen solchen kleinen Ausflug stellt mein Vater den Unimog in der
Garage am Bungalow ab. Plötzlich rollt der Wagen rückwärts heraus und die
Böschung über den Hofplatz zum großen Garten hinunter. Mein Vater brüllt und
zerrt an der Stoßstange und versucht vergebens den schweren Geländewagen
anzuhalten, während er hinten, die Hacken in den Dreck gestemmt, vom
ausscherenden Fahrzeug mitgeschleift wird, bis dieses zwanzig Meter
weiter unten im Garten in der Dornenhecke zum Stehen kommt. Bleich im Gesicht,
erkennt der Vater, dass ich die ganze Zeit während seiner Sysiphus-Schufterei
brav an Mutters Seite sicher an der Garagenwand oben am Haus gestanden und
zugeguckt habe.
Er hatte väterliche Angst, ich sei unter die Räder gekommen.
Diesel und andere Gerüche.
Seither bin ich dieselsüchtig, süchtig nach Indien, nach meinem Vaterland, wie
süchtig nach einem Stammesland. Das Dieselmotorengeräusch ist eng verwoben mit
warmen Gedanken der Erinnerung an diese glücklichen Kindheitsjahre ganz nahe bei
dem Vater in Indien. Noch heute erinnert mich jeder Stadtbus mit Turbodiesel,
jeder Pkw-Diesel oder der Trecker auf der Straße immer wieder an das sanfte
Tuckern des Dieselmotors von unserm UNIMOG, den die Inder deshalb liebevoll den
„Dag-Dag!" nannten. (e.s.)
(e.s.)