Vom Anderland
Indien-Stories von Erik S.
Tiger Safari Laxmipur (1965)
Während der Vater missionierte, wuchsen wir in einem Märchenland auf. Die
fünfziger Jahre erinnere ich zunächst nur aus der Kinderroller-Perspektive. Wirre, einzelne Bilder auf gleich großen Puzzleteilen, einige ausgestanzt mit
gleichförmigen deutschen Eichenblättern,einige in der schön geschwungenen
Nierenform der indischen Mangofrüchte, die ich hier mit der Besessenheit eines
verkniffenen Glückspielers herauspicke, um sie gelegentlich, durch Ausprobieren,
in die indische Geschichte meines Lebensmosaiks wieder einzubauen. Die runden
Tigerohren einiger schöner Puzzlestückchen müssen wie Nut und Feder irgendwo in
der indischen Schatzsucherkarte ineinander passen.
Mit meinem jetzigen verschmitzten Schmunzeln aus der Augenhöhe eines
norddeutschen Kleinkindes auf einem roten deutschen Ballonroller blickte ich
damals zum Vater und zu meinen großen Brüdern auf. Sie setzten Maßstäbe, als wir
durch das Missionsgebiet wanderten. Mein Vater betrieb Mission, wenn er im
District die verwegensten kleinen indischen Dörfer besuchte, als wäre es seine
eigene deutsche Probstei, während wir, die Missionarskinder, Schwindel erregende
Jagdabenteuer nach Haus brachten, wenn der Tiger wieder im Lande war, und der
Vater wahrscheinlich überhaupt indische Missionsgeschichte schrieb und ich mein
Indien und mein indisches Dharma eingehaucht bekam.
Die 60er Jahre ..
Als ich noch keine Ahnung von meiner eigenen Indiengeschichte hatte (von einem
schönen Tigerbild erst recht nicht), wanderten wir schon auf den Schleichwegen
des Missionstigers.
Denn ab und zu hatte der Tiger Saison, wie wir es einmal in den 60er Jahren
erlebt haben, als unser Distrikt und damit fast das gesamte aktuelle
Missionsgebiet des Vaters zur Menschenfresser-Gegend erklärt wurde. Die
Zeitungen des Indian Statesman berichteten wochenlang von tiger casualties, von
Tigerunglücken in Orissa, so wie es uns auch unsere Mutter in ihren
wöchentlichen Pflichtbriefen ins Internat nach Südindien berichtete, zwar etwas
gefiltert, aber doch als Punkt von erheblichen familiären Interesse. So schrieb
sie uns nur kurz, eher nebenbei, von einem Tiger in der Gegend, von einem
(womöglich!) Menschenfressertiger; denn wir sollten ja beruhigt in unseren
Ferien nach Laxmipur nach Hause kommen. Genaues erzählt hat sie nie davon, dass
der Missionar auf Haaresbreite mit dem Schreckenstiger doch in Berührung
gekommen wäre; denn er wurde etliche Male gerufen - wenn der Tiger wieder einmal
einen Menschen geholt hatte - um die leidenden Angehörigen zu betreuen oder um
sogenannte bhag marras zu besichtigen und selbst die Opfer zu identifizieren, an
den grausigen Stätten, wo der Tiger zugeschlagen hatte.
Der Vater hat niemals deutlich davon berichtet. Es wurde nur in der Folge zu
Beginn unserer indischen Ferien so manche sehr ernst gemeinte Maßregel
aufgestellt. So durften wir Kinder nie alleine in den Wald und mussten im
Gänsemarsch hintereinander eng beisammen gehen, was auf den indischen
Trampelpfaden sowieso immer geboten war. Bei den Tagesmärschen wurde die
Missionskarawane aufmerksam zusammen gestellt und zusammengehalten; und nicht
nur der vorne laufende und die Vorhut bildende Missionar trug seine Knarre
geschultert, sondern fast jeder der indischen Lastenträger in der Kolonne hinter
ihm war zumindest mit seiner Waldaxt oder ähnlichem, wenn nicht sogar mit einer
richtigen Tigeraxt voll bewaffnet und ausgerüstet. Auf den außergewöhnlich
notwendigen nächtlichen Missionstrips wurde im ersten Glied immer eine Lampe wie
ein Schutzpatron mitgeführt, die blecherne Stalllaterne aus dem knappen
Equipment der Feldausrüstung für die Missionssafaris, deren Petroleum sowieso
schon allzuoft den Reiseproviant verseuchte, sprich den sackweise mitgeführten
Reis für den täglichen Schmalen-Jan, dem ewigen Curry-und-Reis, oder den Zucker
für den auf den Lagerfeuern andauernd angerichteten Tschai, den indischen
Rauchtee, so dass unsere indischen Ferien durch einen ewigen Beigeschmack nicht
nur im Essen und dieses Mal durch ein wenig Gezeter um den Tiger versüßt wurden.
Viel Unterhaltung war dann auf diesen sogenannten Districts nötig, wie die
Safaris oder Missions-Dienstreisen des indischen Missionars in seinem Bezirk
hießen, um die Truppe bei Laune zu halten und die frösteln machende Angst vor
dem Tiger zu vertreiben. Die Teilnehmer unserer Expeditionen marschierten also
meistens laut krakeelend, wenn sie eng hintereinander brav in der Reihe liefen.
Vorne ging der Kundschafter mit der Laterne, danach der Guru, der Evangelist des
Missionars, dann der Vater und die Missionarsfamilie und dahinter die
Trägerschaft mit dem Equipment, den bedding rolls, den im Kanvasbezug
aufgerollten typisch indischen Reisebettzeug, den Feldbetten, dem Zelt, dem
ganzen Küchen- und Hausstand mit dem Klapptisch und den Blechstühlen für die
meist ein oder zwei Wochen dauernde Missionsreise in den Distrikt. So erinnere
ich die Missionsfeldzüge, die für mich und meine Geschwister Feriensafaris mit
den Eltern bedeuteten, wie es die Alpenwanderungen oder Ferien an der Nordsee
für andere deutsche Schulkinder sein müssen.
In dieser Saison hörte man jedoch gerade an den unwegsamsten Stellen und
dunkelsten Waldpfaden die grausamsten Tigergeschichten vom Menschenfresser und
von den neuesten Missionsopfern. Wir Missionarskinder liefen diesmal in der
Mitte der Karawane. Mein Bruder und ich waren nicht nur wie sonst mit der
tengja, dem kleinen indischen Waldäxtchen, mit einem Katapult oder gar nur mit
einem Schmetterlingsnetz bewaffnet, sondern trugen jeder schwer an einem Gewehr.
Wir fühlten uns diesmal mit dem Two-Two, dem Kleinkaliber, und mit dem schweren
deutschen Burga-Luftgewehr schon ein wenig wie Großwildjäger, die zum besonderen
Begleitschutz der Kolonne auserkoren waren. Glaubten wir wirklich, den Tiger mit
einem lächerlichen Taubengewehr vertreiben zu können? Tu!-Tu!
Dann sangen sich alle international die Vorfreude und die Erwartung auf
Tigerbesuch von der Leber. Die Inder stimmten ihre Stammeslieder an und wir
vielleicht einige Brocken aus deutschen Wanderliedern oder eben Strophen aus dem
evangelischen Gesangbuch. Sogar die Schlager der amerikanischen zwanziger Jahre
mussten helfen, den Tiger zu vertreiben. Que sera, seraaaa! hallte es dann durch
den Dschungel, wie wir versuchten, das Missionsopfer noch eine Weile
hinauszuschieben.
Meiner Schwester sagten wir in der Nacht auf so einem Missionsgänsemarsch dann
aus Spaß: "Du bist so dünn und sowieso nur ein Mädchen! Du kannst hinten
laufen!", auf Indisch: "Piete-bate dscha!", und fühlten uns vorne in der
Karawane, hinter der Stalllaterne sicher, während wir dem Missionsabenteuer
und dem maneater-tiger entgegengingen. Denn wir alle wussten - die indischen
Träger, Begleiter und Fährtensucher wie auch der weiße Missionar und seine
Kinder - dass der Tiger, feige wie wir ihn gern machen wollten, den Letzten in
der Kolonne herausgreifen würde.
Also marschierten die indischen Träger mit Campingtisch und Klappstühlen, mit
dem ganzen Gepäck und der Bagage der deutschen Missionarsfamilie, den
beddingrolls, den Rucksäcken und dem Küchen-Equipment, stramm vorweg und
hinterdrein eilten die Mutter, die Sahibani-Ma, und dieses Mal auch eine
deutsche Tante, der Besuch aus Deutschland, in Marschsolidarität mit unserer
großen Schwester, dem so arg gehänselten Mädchen, das dann erst recht manchmal
zu guter letzt hinterher trippelte. Mit Galgenhumor erwiderte die Teenagerin
dann von hinten aus der stockdunklen Nacht, sie wäre dann das erste richtige
Missionsopfer, wenn sie vom Tiger geholt würde.
Man kam immer wieder glücklich ans nächste Wanderziel und Missionsdorf und
erholte sich schnell bei Welcome-Tschai von den Strapazen, und unmerklich auch
von den Gespenstergeschichten draußen unterwegs im Busch. Man hatte den Upporroli, den Nachmittags-Fußmarsch und die gefährlichen Wegstrecken durchs
Geisterland gut überstanden, war endlich von der schweren Last befreit und
freute sich seines Lebens. What ever will be, will be! The future's not ours to
see, que sera, sera! (e.s. 1995)
(e.s.)