Vom Anderland

Indien-Stories von Erik S.


    Von American Marshmallows oder Wie kamen wir nach Indien? 

   Nach dieser kleinen Episode, lass mich weitererzählen, wie es mit Tines Familienzauber weitergegangen ist, denn sie war es, die den Familienfluch genannt Indien eingeschleppt hatte. Die Geschichte unserer Urgroßmutter Christine und unseres Großvaters, als frommer Bauernknecht in Sarzbüttel ist mir nicht so bekannt, weil merkwürdigerweise seine braunen Muttermale als jenes "bewitcht-en" Sprosses all zu bald ausgewachsen und verschwunden waren, und wir suchen noch nach den Puzzleteilen.
   Während ich mit Schwerstarbeit diese Story niederschreibe und fast erdichten muss, sagt mir meine Lela, ich sollte doch ganz einfach beginnen von meinem Großvater mit den besagten besprochenen Sommersprossen zu erzählen. Ich denke, dass könnte ich schon, wenn dann nicht meine liebe kleine Großmutter in der Geschichte zu kurz kommen würde, die in Treue ihrem Mann bei der Mission in Indien zur Seite stand. So soll sie auch später in diesen Seiten ihre Würdigung erhalten bei der Beschreibung der ersten Heidenpredigt mit dem Ochsenkarren.
   Er war der erste unserer Vorfahren, der nach Indien kommen sollte. Er wurde 1903 Missionar und hat unsere Oma in Jeypur 1908 in Indien geheiratet. Zwei Kinder werden ihnen in Waltair geboren, mein Vater und Tante Anna, bevor sie 1913 wegen seiner Tropenkrankheit und seiner Herzschwäche in die Heimat zurückkehren müssen. Wegen des ersten Weltkrieges können sie nicht wieder ausreisen und bleiben auf der kleinen Scholle auf Wesselkoppel, die seitdem noch heute „Klein Indien“ heißt in Sarzbüttel. Mit seinem frühen Tod 1922 legt sich unser Wissen über unseren Großvater und über den Omi-Spruch fast wie in der Versenkung der Geschichte, wenn nicht unsere Großmutter die Frömmigkeit der Sarzbüttler weiterdurchgetragen hätte. Sie begleitet ihren Erstgeborenen, meinen Vater, der ihre Zuwendung bis zu seinem Missionarsbeginn und weiter in Indien erfährt und wie ein neuerliche arglose Bannerträger in der dritten Generation seine indischen Sommersprossen erhält und wir alle in der vierten Generation später auch unsere.
   So kam es, dass unser Großvater S.T.S., ein frommer armer Bauernsohn aus dem lieblichen verträumten Dithmarschen in Norddeutschland während der Wirtschaftsdepression in Europa um die Jahrhundertwende unbewusste auf seiner zu eng gewordenen Haut einen unmerklichen Nährboden für jene göttliche Vorhersage schuf. Der Teufel ließ eins zwei sein und brachte den Fluch der Flecken der Familie auf die Umlaufbahn, indem unser Großvater, der Spross des Urmediums, unserer Urgroßmutter, als Sturm-und-Drang wütiger, ausbrechenswilliger Jungmann, sich zur Ausbildung zum Missionar entschied.
   Europa war im vorherigen Jahrhundert überbevölkert, und junge abenteuerlustige Burschen waren angelockt, ihr Glück in der Neuen Welt zu finden. Die Auswanderungswelle hatte endlich die letzten ländlichen Enklaven des alten Deutschlands erreicht, und junge Arbeiter und Bauern heuerten an für die deutschen Kolonien. Heute wissen wir von vielen Familien in Schleswig Holstein, die entfernte Verwandtschaft auf diese Weise bis nach Argentinien oder "Mechico", die Amerikas und Afrika zurückverfolgen können. Die deutschen Hutterer mit ihrem strengen fundamentalistischen sektiererischen Religionskodex, z.B. sowie die ausgewanderten Hugenotten in der ganzen Welt, haben schon immer eine große Affinität auf meinen Vater gehabt.
   Als ungelernter Bauernlümmel und als sechster Sohn
(?) ohne jegliche Hoffnung, auf der väterlichen Scholle etwas Land zu erben, nahm unser Großvater als junger Mann und vielleicht schon damals als displaced person das Gebot der Stunde auf und suchte ein neues ideelleres Betätigungsfeld für seine Existenz. S.T.S. (sprecht es einmal indisch in Pidschin Inglis aus! Ess-Tie-Ess) entschied sich, sein pouvres Dorf Sarzbüttel zu verlassen und - wenn nötig - sogar auszuwandern. Er folgte bald einem Wanderprediger, der sein Dorf besucht hatte und das Evangelium predigend für die große Aufgabe der christlichen Mission warb, das „Wort" in die Länder der Unwissenden und der Ungläubigen zu bringen. An dessen Predigerseminar in dem verschlafenen Nest Breklum in Schleswig Holstein nahm mein Großvater an einem drei-jährigen Crash-course als Missionszögling teil und bereitete sich vor für die Kolonien. (Ist das der Beginn unseres Breklehem, wie der indische Kirchenmann es uns viel später nachliefern wird?)
   S.T.S träumte davon, the New World of America kennen zu lernen und in Gods-own-country zu missionieren. Er verband quasi sein Schicksal als arbeitsloser Niemand mit seinem neuen Glauben zu einer neuen Existenzgrundlage mit der selbstauferlegten Verpflichtung: abhauen und mal sehen, aber reden und verkünden. Diese Selbstkasteiung war das Ticket für den Coup des Teufelsspruches, der Beginn unserer Familiensaga.
   Der geneigte Leser wird sich noch eine Weile gedulden und diese vergangenen Chroniken anhören müssen, denn es geht noch um die Question nach dem Sinn und Unsinn meiner sonst bodenlosen Narration von einem näherrückenden aber uns allen noch fernen Land. Die ersten bunten Flecken auf der weißen Landkarte meines Lebens sind gemalt und wir rühren in den bunten Farbtöpfen bis auf den Grund herunter. Aus den grauschimmeligen alten Farben entwickelten sich langsam zarte Pigmentstreifen am Horizont des Märchenpopos, den wir gedeihen und sich entfalten lassen wollen.
   Jener Wanderguru oben wurde der Chef und Urvater der Mission, der Firma meines Vaters. Als solcher erklärte jener seinen Schülern u.a. unseren Großvater S.T.S, zum guten gewissenhaften und verlässlichen Botschafter Gottes. Später sangen wir auf der Missionsschule in Indien - Wie shäll mäk you pishers ob män! - We shall make you fishers of men!, lutherische Lieder wie von der Heilsarmee. Aber dennoch konnte er den jungen deutschen Mann von zwanzig Jahren nicht für die neue Welt von Amerika empfehlen. Amerika war schon mit zwei dutzend seiner deutschen Prediger und Vikaren aus Breklum (ein kleiner und einer großer Dicker aus einem kleinen Dorf in Gallien) vollbelegt, und Mr. J., sich selber zum Missionsinspektor ernannt, wollte keine weitere Einmischung in seinem Lieblings-Missionsfeld und Evangelisationswerk in den Staaten erdulden. Aber er konnte die fieberhaften Erwartungen des S.T.S. umdirigieren nach Asien. Seine „amerikanischen Freunde“ und Kollegen der Methodist Church brauchten gerade in Indien Unterstützung und vermittelten ihm ein neues Projekt, ein junges frisches Missionsfeld bei Salur in Andhra Pradesh in Indien, nämlich im wilden unbekannten Bergland des ungestümen Maharajahs von Bastar, nebenan vom späteren vielgenannten Jeypurland im Koraput District of Orissa.
   Noch eine Umleitung in meiner Biographie, noch bevor ich geboren werde, ist damit der Umstände halber beschrieben worden, und der Leser merke sich diese ersten kursiv gedruckten schiefen Wörter, die ersten auf meiner Peripherie aufgeprägten heimlichen Zeichen meines Daseins, wie braune Flecken auf dem Pergament.
   So schrieb sich unser Grand-Dad gleich ein für das Abenteuer und die Arbeit in Indien, da er in Amerika arbeitslos und unerwünscht sein würde, und buchte 1903 eine Schiffspassage ins Malaria befallene Indien. Mit der Passage to India beginnt meine Saga bunt zu werden und mir fließen die feuchtfrohen Farben über, wenn ihr nicht ab und zu fragt, hier zum Beispiel nach der Oma und der Frau zu der Geschichte. Ja, vorher verlobte sich natürlich unser Mann-des-Tages, der einstige Vorfahre mit den ersten braunen Flecken auf den Vierbuchstaben, unser bewitchter Großvater, schnell brieflich wie es damals üblich war mit unserer Großmutter. So war in unserem Großvater jener Funken Glück entfacht worden, der unserer Familie weit zurück im 19. Jahrhundert durch unsere Ur-Oma prophezeit worden war, nämlich in Indien den Menschen von brauner Hautfarbe zu predigen. Potluck für ihn, Bratkartoffeln, wie es die Amerikaner später auf meiner indischen Missionsschule in Kodi gerne nannten. Unsere Väter fanden schlicht und einfach Arbeit in Indien.
   Hier könnt ihr einen ersten Eindruck und eine Idee davon bekommen, wie wir in die Kolonien und nach Indien gekommen sind. Um ein Haar wären wir auf dem Weg dieser schweren Heritage sogar beinah wie die amerikanischen Kodai-Kids in den Vereinigten Staaten gelandet, wenn es denn rosa Flecken auf unseren Bottoms geworden wären wie die pink american marshmallows, die unsere Kodi classemates in ihren Care-Paketen aus den Staaten erhielten. Ein Marshmallow heißt tatsächlich außer dem Naschi Mäusespeck aber jedoch auch Versager und Weichling im Lexikon.
(e..s. 1985)

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(e.s.)


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