Ein Jahrhundert mit Indien
Nacherlebnis wie die Großmutter Luise SPECK, geb. Tiemann, im 1.WK 1915 nach Kodai kam.
von Erik, Weihnachten 2008
Die SPECK-Arlt-Jüngling-Pieper-Grossmutter Luise SPECK schrieb 1915 Postkarten aus der Internierung in Kodaikanal an ihren Mann, Euern Grossvater, Missionar Hinrich SPECK im Ahmednagar Internierungs Camp. Nur fünfzig Jahre danach und jetzt vor fast fünfzig Jahren bin ich viele Male auf dem alten Coolie Ghat von Kodaikanal runter und wieder hinauf ge-hiked, auf dem die Briten und dann auch die internierten Frauen und Kinder des Ersten Weltkrieges nach "Kodi" vor der Erbauung der Ghat Road in den zwanziger Jahren, der Bergstraße nach Kodai, von indischen Kulis hinauf getragen wurden. Mein Grossvater Siem T. Speck und meine Grossmutter Marie Speck waren schon 1913 vor dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland zurückgekehrt. Mein Vater Reimer S. war in Jeypur geboren. Man kannte schon Kotagiri in den Nilgiris, den Nachbarbergen von Kodai. Ab 1946 waren dann die ersten deutschen Missionarskinder an der Kodai School; meine Geschwister ab 195, und ich dann von 1958 bis 1966. Aber von der verwurzelten Geschichte Kodaikanals mit meiner Verwandtschaft wussten wir da oben nichts.
Ohne von der zweiten Grossmutter zu wissen, und ohne zu ahnen, dass dort schon mal deutsche Verwandtschaft, die doch eigentlich soweit weg in Germany war, nach Kodi hinauf gebracht worden war, hikten wir hinunter in die Plains nach Tope auf dem shortcut oder eben manchmal auf den Zickzack-Stufen des Kuli Ghats wie alle deutschen Missionarskinder in Kodi, für die ihr Kusinen und Vettern als Missionskinder in der Heimat Eure 5 Mark gespart und jeden Sonntag für Indien, für die Breklumer Mission, und für „meinen“ Unimog gespendet habt. Tope, das eine Ziel, das ich in meiner Kindheit viele Male „gemacht“ habe, führte aus den Bergen hinunter in die heiße Ebene. Tope war der beliebteste Abstieg von den Bergen auf dem Coolie Ghat, auf dem die alten Briten in das Kodaikanal einstiegen oder „damals“ noch auf Tragen hinaufbefördert wurden.
Hier am kleinen Tempel am Tope River [Karte], wo wir Kodi-School-Boys über Nacht campten und am Fluss „Safari machten“, war die Verladestation. Hier stieg Luise SPECK/Tiemann mit anderen internierten deutschen Missionarsfrauen aus dem Bandi, aus dem Ochsenkarren, mit dem sie zwei Tage lang von der Bahnstation „Kodai Road“ in der Madurai Ebene nach der nächtlichen Eisenbahnreise von Madras geschunkelt worden waren, und stieg mit ihrer Tochter Marie Luise (und dem neugeborenen Reimer; e.a.) nach einer indischen bewachten Nachtrast und einem „Tiffany Breakfast“ in die bereitgestellten Pallankins, den besagten Stühlen mit zwei Latten und vier Trägern. In ihrem viktorianischen Hut oder sogar im Topee, dem Tropen-Sonnenhelm, und im dicken schweren schwarzen knöchellangen Rock, weißem Rüschen-Stehkragen und langen Blusenärmeln ging die Grossmutter wie eine Rosa Luxemburg auch in dieses nächste Abenteuer der Gefangenschaft in dem Erholungsort der britischen Hillstation Kodaikanal. So erzählte meine Mutter von der strengen Tropen-Kleiderordnung, der geschlossenen Garderobe gegen die Tropen-Sonne und gegen die vermeintlichen indischen Männerblicke.
Dann wurden die internierten deutschen Missionarsfrauen noch ganz getarnt als European Englisch Ladies an einem langen Tag durch die Foothills von Kodai, durch Bison Country mit den Herden wilder indischer Gaur zweitausend Meter hinauf nach Kodaikanal gebracht, zum Arrest unter Parole im herrlichen Luftkurort Kodaikanal (Karte) gestellt und in ihre Kodai Cottages verteilt, von der wir jetzt auf einer der Postkarten von Grossmutter Luise SPECK sogar den Namen „Roslyn“ Cottage erhalten haben. Kodi ist ein liebliches grünes Bergstädtchen um den zentralen Kodai-Lake mit lauter solcher lieblichen schottischen Cottages in lauter englischen Compounds, den großen Gartenanwesen wie in Cornwall South England. Weiß oder gelb getünchte kleine Siedlungshäuser aus Granitsteinmauern und Tinsheet-Dach aus der Jahrhundertwende, der Gründungszeit des Settlements Kodaikanal, versteckten sich und verteilten sich grosszügig in den Wäldern rund um den von den Engländern angelegten künstlichen Kodai-See. Wir Missonarskinder lebten in dem Boarding in einer solchen alten britischen Cottage genannt „Penryn“ fünf Minuten unterhalb der Kodai School und des Kodai-Lakes. Dann werden wir heute wohl noch herausfinden können, wo in Kodi die Cottage von Eurer Grossmutter gelegen war und wie sie ausgesehen hat. (Luises "Roslyn House" ist, wie ich gefunden habe, beim Observatoy in Kodai hinterm See im Nordwesten. e.s. 2009)
Ein anderes Hiking-Ziel in Kodi ausser dieser beliebten Wanderung und Kraxelei auf dem alten Fluchtweg der Kolonialisten und der deutschen Internierten war dagegen der Aufstieg in die unbekannten Hinterländer von Kodaikanal nach Kukal weiter hinauf in die Kodai Berge und auf der anderen Seite wieder hinunter in die Elefantensteppe der Palni-Hills. Kukal, das ich noch nie „gemacht“ und immer den größeren Brüdern und High-School-Schülern abgeneidet hatte, „machte“ ich auf meiner ersten Indien-Wiedersehens-Reise 1976. Ich versuchte in Tope und in Kukal und auf vielen anderen Hikes zehn Jahre nach meinem Abschied aus Indien, den ganzen Film von damals wieder zusammen zu kriegen. Aber wie das so ist mit Vergangenem, war vieles verdrängt und die Details verloren und vergangen.
Bis hier hin und nicht weiter pochte es in Kukal, als ich von meinen Knien ausgebremst wurde. Sie hatten mich drei Monate durch mein Indien getragen, in Kodaikanal drei Wochen lang durch meine Kindheit geschleppt und gerade erst zwei Tage vorher nach Tope fast tausend Meter senkrecht wieder hinunter geführt und nun über die Siebenberge über Kodai hinaus ins unbekannte alte Land in die Kodai-Outbacks nach Kukal gebracht. Da zitterten mir die Knie in den Kukal-Caves mit den ersten, Bäume knackenden, indischen, wilden Elefanten nur eine leichte Entfernung von weniger als fünfhundert Yards unter mir und gaben mir die eindeutige Nachricht, dass ich nicht mehr weiter laufen konnte im indischen Traum und jetzt bald wieder zurückkehren sollte.
Auf dem Abstieg erst zwei Tage vorher von Kodaikanal nach Tope herunter in die Plains, auf das Normalnull des Lebens, auf Meereshöhe und auf den Boden der Tatsachen wieder zurück, hatte mein Geist zuviel abfangen und meine Knie zuviel abbremsen müssen, um nicht unten eine unsanfte Bauchlandung oder gar einen totalen Seelen-Crash zu erleiden; denn ich wollte ja wieder hoch. Ich wollte, und das gehört zum ganzen Tope Trip dazu, einmal im Schnelltempo, mit Schmetterlingsnetz, mit Daybag-Rucksack und mit meinem Guide Perumal aus dem Hochgebirge fast senkrecht tausend Meter absteigen und Kodais Kuckucksnest verlassen, um es sechs Stunden später am gleichen Tag mit dem Bus auf der langen alten Ghatroad wieder zu besteigen, der genau entgegen gesetzte Trip von dem, den die alten Briten in Tragsesseln auf dem Kooli-Ghat noch vor fünfzig Jahren in einer eine Woche langen Mühsal machten, um dem anstrengenden heißen Indien auf der Ebene für eine kurze Erholungsweile in dem britisch anmutenden kühlen Klima von Kodaikanal, for a british nature relief, zu entfliehen. Das war unser Jugendthrill gewesen, durch drei Klimazonen hindurch abzusteigen, die fremde heiße Luft der fernen unbekannten indischen Plains zu schnuppern und schnell wieder nach oben ins europäische Krähennest von Kodai, in das Londoner Nieselwetter, zurückzukehren. (Erik, Dez. 2008)
Wasserfall am Fluss "Leving Stream", wir nannten ihn Living Stream. Es war ein Picknick Platz für die Kleinen weil in einer halben Stunde Fußweg erreichbar. Das Boarding und die kleinen Schulklassen 1 - 4 machten dorthin Ausflüge mit Mittagessen. Der Fluss hat den Namen des Mr. Vele Leving, britischer Offizier und Survey Leiter, der Kodaikanal 1890 herum erstmals vermessen und kartiert hat. Der Leving Stream beginnt hinter Kodi oben am Observatorium, wo das Roslyn Cottage unserer Großmutter Luise Speck liegt.
Typische Cottage in Kodaikanal. (e.s.)
Blick von Kodai in das Tal hinunter nach Tope, wo unsere Grossmutter zum Coolie Ghat hinauf gestiegen ist. Man sieht die "Plains", die Ebene ca. 300 m hoch. Der Standpunkt ist 2150 m hoch in Kodai am Ort "Leving Stream", der den Tope River speist. (e.s.)
2009 im Internet gefunden : Ein missglückter schwedischer Versuch die ROSLYN Cottage in Kodaikanal zu kaufen. Eine Chronik der Svenska Missionskyrka SMK. Hier kommen auch die Namen der schwedischen Missionare die Bracker auf seinen Indienreisen traf und die Autorin Esther Peterson vor, deren Buch möglicherweise den Anlass zu Luise Specks Senana-Missionarsausbildung gab.
(e.a.)
Kodaikanal "History" v. Eriks Lehrerin
(e.s./e.a.)