Philipponen
Ausschnitt/cash von philipponia da ich eine derartige Beschreibung sehr lange gesucht habe, und nur ein Link dazu die Internet-Gewohnheit haben könnte nach kürzerer Zeit zu "sterben", wie oft "gehabt".
Zu den Philipponen gibt es von
Ernst
Arlt viele "Folklore"-Bilder, die noch
des Einscannens bedürfen.
"Den seltsamsten Teil der an urwüchsigen Eigenheiten
reichen Bevölkerung Masurens stellen die Philipponen dar, die sich in
mehreren Walddörfern der Johannisburger Heide angesiedelt haben. Ihnen ist es
trotz der geringen Anzahl der Familien während eines Zeitraumes von drei
Menschenaltern gelungen in jener weltfernen Einsamkeit ihre völkische Eigenart
zu wahren und zu vertiefen – und was für eine Eigenart voll knorriger Kraft!
Diese Erscheinung wird dadurch erklärlich, daß die Stammväter unserer heutigen
Philipponen Menschen waren, die die gewaltige innere Kraft besaßen, für ihre
eigen errungene Überzeugung alles zu tun und alles zu leiden.
Von der Geschichte der Philipponen seien folgende Ereignisse erwähnt:
Die Philipponen haben ihren Namen von dem Klosterbruder Philipp Pustoswiät, der
um 1700 aus dem großen Pomorianer-Kloster am Wygfluß, unweit des Weißen Meeres,
mit 150 Mönchen auswanderte und ein neues Kloster in der Nähe gründete. Philipp
war ein Feind der Popen und der Priesterwehe, er trat für die freie Predigerwahl
ein, verwarf Eid, Ehe, Kriegsdienst, Gebet für den Zaren, Theater, Kaffee, Tee,
Tabak, Medizin, Verkehr mit Andersgläubigen, die Führung von Geburts- und
Totenregistern, und zwar geschah das alles auf Grund der Bibel und der
Kirchenväter. Ferner empfahl er Fasten und Beten und pries den Märtyrertod, den
er selbst im Feuer wählte. Hielten anfänglich seine Anhänger an allen diesen
Forderungen fanatisch fest, so gaben sie diese doch nach und nach in der „Welt
des Antichrists“ teilweise auf, die trotz aller Hoffnung auf Untergang ruhig
fortbestand. Allmählich wurden bedeutende Gemeinden und Klöster in Moskau,
Petersburg, Kiew, Riga und vielen Orten Polens gegründet, die alle miteinander
in Verbindung standen. Als ein Teil Polens neuostpreußisch wurde, fühlten sich
die neuostpreußischen Philipponen besonders glücklich. Da sie jedoch später,
nach dem Tilsiter Frieden, polnische Untertanen wurden und nun Personenregister
führen und Kriegsdienst leisten sollten, hielten sie ihre Religion für gefährdet
und gedachten mit Sehnsucht der glücklichen Zustände von 1807, in denen man sie
unbehelligt gelassen hatte. Als sich dazu ein Geistlicher auf die Seite der
Regierung stellte und von ihr Sold bekam, ein anderer dagegen, Jafim Borissow,
Druck und Verfolgung über sich ergehen ließ und in keine Neuerung willigte,
stellten sich die meisten Philipponen auf die Seite des glaubensstarken
Fanatikers, der sich einen Freund des preußischen Königs nannte. Man knüpfte
1824 Unterhandlungen mit der preußischen Regierung behufs Einwanderung in
Ostpreußen an. 1825 erteilte hierzu der preußische König seine
Genehmigung: die Philipponen durften sich „auf unkultiviertem Grund und Boden“
unter Erlaß des Kriegsdienstes für die erste Generation und gegen Beibringung
der Pässe ansiedeln. Schwierigkeiten der polnisch-russischen Behörden zogen aber
die Ausführung dieses Planes in die Länge. Endlich wanderten von 1828 bis 1832
nach abgeschlossenen Verträgen 38 Familien, zusammen 213 Köpfe, ein. Sie
erhielten außer jenen Zusagen die Gewährung von sechs Freijahren, von freier
Religionsausübung und manchen anderen Erleichterungen abgesehen, und
Landstrecken im Nikolaiker und Cruttinner Forst angewiesen.
In den folgenden Jahren machten sich leider diese Verhältnisse polnische
Militärpflichtige und mehr oder minder zweifelhafte Elemente von drüben zunutze
und verbargen sich bei den Ansiedlern. Ein fortwährendes Wandern herüber und
hinüber fand statt, bis 1842 ein besonderer Polizeikomissar namens Schmidt, der
„Philipponenkönig“, angestellt wurde, Der unerschrockene Mann brachte mit
„liebenswürdiger Strenge“ Ordnung in die Kolonie. Es wurden die Verhältnisse
betreffs Eheschließung, Volljährigkeit, Vormundschaft, Erbteilung geregelt, in
die früher die Philipponen keinen Fremden sehen lassen wollten, bis sie sich
selbst von dem Wert der Gesetze überzeugt hatten. 1843 fand die erste
Militäraushebung statt, 1847 wurde der Schulbesuch der Mädchen durchgesetzt,
1853 wurde die Impfung, 1857 das Aufgebot eingeführt, seit 1878 besuchen die
Kinder die Staatsschule. Heute haben sich die Philipponen, deren Zahl 400-500
beträgt völlig an die geregelten preußischen Verhältnisse gewöhnt.
In die Eigenart erhält man beim Betreten ihrer Wohnhäuser einen guten
Einblick. Am Eingang steht ein riesiger Koffer zum Aufbewahren der Kleider,
darüber hängt ein Bücherbrett russischen Gebetbüchern; deutsche sieht man nicht.
Sonderbar ist der Wandschmuck. Außer Familienbildern sieht man das Bild des
deutschen und russischen Kaiserpaares friedlich vereinigt, daneben heilige
Bilderbogen, russische Erzeugnisse, die meist die Hölle mit ihren Qualen,
Teufeln, Verdammten usw. in grellen Farben darstellen. Merkwürdig ist es auch,
gerade Fürsten- und Soldatenbilder zu finden, da doch die Philipponen den
Herrschern und dem Militär durchaus feindlich gegenüberstehen. An der Wand
entlang führt eine Bank, und daneben steht ein schmuckes Himmelbett, das mit
seinen schneeweißen Linnen und bunten russischen Decken den schönsten Schmuck
des Hauses darstellt. An einer anderen Wand sieht man den Heiligenschrank und
den Heiligentisch. Hier hängen Heiligenbilder, Messingkreuze und Öllämpchen. Ein
Weihrauchkessel fehlt nie, trotzdem er dem ganzen Haus ein stockiges Aroma
verleiht. Auf dem Heiligentisch liegen neben einer prächtigen gold- oder
messingbeschlagenen Bibel noch weitere Evangelienbücher und Rosenkränze. Eine
Menge großer und kleiner Wachslichter ist an den Wänden befestigt und wird bei
Gebeten und Festlichkeiten angebrannt. Am Heiligentisch erscheint der gläubige
Philippone täglich mindestens dreimal: beim Aufstehen, Schlafengehen und mittags
hält er seine Andacht. Rechts von der Stubentür stehen meist die geräumigen,
schönen Kachelöfen. Oben weisen sie eine große Fläche auf, die nachts als
Schlafstelle der Kinder und Alten und am Tage zum Trocknen von Holz dient. Ein
Handwaschapparat aus Messing vervollständigt die Einrichtung.
Nicht minder interessant ist der Eindruck, den der Besuch eines Philipponischen
Klosters gewährt. Tetzner berichtet darüber: „Wir gehen bei ein paar
Philipponenhäusern rechts ab und sehen inmitten des Obstgartens ein
Steinkirchlein mit zwei Glocken. Rechts davon befindet sich das von einer Mauer
umgebene Klostergehöft. Über dem Tor ragt ein Muttergottesbild. Man öffnet die
Pforte und befindet sich in einem Vorhof. Wütend bellen uns zwei Hund als
Wächter entgegen; einige Schritte vorwärts, und wir gelangen auf einen großen
Hof mit elenden Holzhäusern, Ställen und Wirtschafsgebäuden, links ragt ein
ärmliches Wohnhaus hervor. Auf einer Seitenstiege gelangt man an die Tür. Eine
sechzigjährige Nonne empfängt uns freundlich, da sie aber nur russisch spricht,
ruft sie die jüngere Irina. Ein paar alte Nonnen liegen, es ist nachmittags 3
Uhr, im Bett. Vor der Haustür sonnt sich ein lebensmüder Greis auf der Matte;
ein anderer Klosterinsasse, dem die Nonnen Aufnahme gewährten, hütet draußen auf
dem Feld die Kühe. Die Nonne führt uns in das schmuck aussehende Kirchlein, das
wie jede Philipponenkirche mit zahlreichen Heiligenbildern geziert ist. Drinnen
predigt zuweilen eine russische Nonne; mit einem männlichen Priester hatte man
schlechte Erfahrungen gemacht und ihn abgesetzt. Die Zahl der Nonnen soll acht,
die aller zum Kloster gehörigen Personen etwa 25 betragen. Die Nonnen legen
nicht immer ihre Trachten an; sie arbeiten in der Wirtschaft, in den Ställen,
auf dem Felde, meist barfuß. Zum Eintritt in das Kloster gehört nur der gute
Wille; wer nicht bleiben will, kann wieder gehen. Gelübde und bindende
Zeremonien gibt es nicht. Der Andrang ist nicht groß, der Philippone liebt doch
zu sehr seine Freiheit.“
In jeder Hinsicht ergibt sich die Eigentümlichkeit der Philipponen aus ihren
religiösen Verhältnissen, wie auch der Glaube und die Andachtsübungen den
Mittelpunkt ihres Lebens ausmachen. Die Kreuze auf den Dächern ihrer Kirchen
weisen über dem Querbalken einen kleineren, unter diesem noch einen dritten auf,
der von links nach rechts ansteigt. Auf diese Kreuzform legen Philipponen großen
Wert. Auch die Inschrift haben sie zum charakteristischen Merkmal gemacht; sie
lautet niemals: „Jesus von Nazareth, König der Juden“, sondern stets: „Jesus
Christus, König der Ehren“. Die Kirchenfenster, selbst im Allerheiligsten, gaben
Gardinen, die Schönfelder Kirche hat sogar ein Strohdach. Die Heiligenbilder
dürfen nur von Philipponen gemalt sein und von keinem Andersgläubigen berührt
werden. Stets sind sie mit bunten Papierblumen bekränzt. Die Popen sollen nach
der Vorschrift stets Laien sein. Sie werden von ihrer Gemeinde gewählt, meist
aus ihrer Mitte heraus. Früher ließ man sie bisweilen aus Rußland kommen; sie
müssen unbescholten und in der Schrift bewandert sein und einen vorbildlichen
Lebenswandel geführt haben. Einst durften sie kein Fleisch genossen, kein
berauschendes Getränk getrunken, keinen Tabak geraucht und kein Weib berührt
haben. Eine besondere Tracht haben sie nicht, beziehen auch kein festes Gehalt,
sondern bekommen für ihre Diensthandlungen freiwillige Gaben, die aber
keineswegs karg bemessen werden.
Die Gestalt der Philipponen ist groß und kräftig, die Haarfarbe blond, die
Augen tiefblau, die Haut weiß und rosig. Dazu kommt ihre Lebenskraft und
strotzende Gesundheit, so daß sie den Eindruck reiner Urgermanen machen.
Dementsprechend ist auch ihr Charakter. Sie sind stolz, besitzfroh, mäßig,
arbeitsam, intelligent und glaubenstreu und halten fest an der Überlieferung
ihrer Väter. Die alte Gewalttätigkeit, die sich lediglich aus dem unbedingten
und rücksichtslosen Festhalten am Glauben gegenüber den vermeintlich ungerechten
und irreligiösen Forderungen und Vorschriften der Behörden und den staatlichen
Gesetzen ergab, ist völlig gewichen (Prachtvolle Darstellungen der Philipponen
enthält die Erzählung „Balalaika“ von Fritz Skowronnek).
Eigenartig sind die Trachten der Philipponen, an denen sie streng
festhalten. Abweichung galt früher für Abfall vom Glauben. Gerß hat nicht
weniger als 16 Typen philipponischer Tracht gezeichnet. An keinem Gewandstück
ist ein Knopf, denn Knöpfe hielt man für Teufelsaugen. Die Philipponen binden,
da sie nur Mäntel tragen, die Kleider über die Hüfte mit einem Gurt zusammen.
Der Mantel reicht bis an die Knöchel. Die Kopfbedeckung der Männer ist
barettartig. Die Frauen tragen Kopftücher, ihr Rock ist lang, schlicht und
einfarbig, er gleicht offenen Säcken mit zwei Achselbändern. Der Mann trägt
kurze Hosen, die beim Marsch in langen Stiefeln stecken. Das weiße Hemd reicht
offen über die Hosen.
Die Gebräuche der Philipponen ergeben sich ebenfalls aus ihrem religiösen
Leben. Die Taufe, die genau vierzig Tage nach der Geburt vollzogen wird, findet
in der Weise statt, daß der Pope dreimal die Frage stellt: „Entsagst du dem
Teufel mit allen seinen werken, seinem Dienst, seinen Engeln und allem Bösen?“
Die Paten bejahen dies und spucken den Teufel dreimal an. Dem Täufling werden
die Hände gehoben und sein Gesicht wird nach Osten gekehrt, wobei das Haar der
Mädchen nicht geflochten werden darf. Dann sprechen die Paten für den Täufling
dreimal das Glaubensbekenntnis. Der Pope taucht ihn dreimal unter wasser und
heftet ein Messingkreuz auf das Taufhemd. Absonderlich sind auch die
Hochzeitsgebräuche: Man setzt die Braut auf einen Stuhl, dann teilt man ihre
Zöpfe und legt unter Gebeten ein Brot auf ihren Schoß. Das soll den Wunsch
ausdrücken, daß in der wirtschaft nie Mangel sein möge. Ähnlich werden beim
Einzug die Neuvermählten mit Brot und Salz empfangen. Dagegen ist die Zeit des
Brautraubes vorüber. Auf Jahrmärkten trafen die Burschen die jungen Mädchen.
Einige Male fuhr der Jüngling im Einverständnis mit der Braut ins väterliche
Haus, die Eltern des Mädchens erhoben zwar bei der Behörde Widerspruch; es
stellte sich aber heraus, daß alles abgekartet war und die Eltern des Mädchens
gern nachgaben. Bei Todesfällen endlich wird ein Beter, ein „Kniznick“, geholt,
der Gebete vor dem Heiligenschrank abliest. Das Beten geschieht bei brennenden
Kerzen ununterbrochen Tag und Nacht, alle zwei Stunden erfolgt Ablösung. Auch
die Nachbarn beten und singen. Am dritten Vormittag ist das Begräbnis. Hierbei
ist alles schlicht, damit die Richtigkeit des Irdischen bekundet wird. Unter
abgerissenen Sängen tragen Frauen den Sarg einer Frau, Männer den eines Mannes.
Nach der Beerdigung verteilen die Hintergebliebenen vor ihrer Tür Geld an die
ärmeren Philipponen. Zu erwähnen ist noch die Beichte, die auf einem
vorgeschriebenen Formular geschieht.
So mögen die Philipponen, die eigentliche Russen sind, dazu beitragen, daß man
nicht mit einem Achselzucken und verächtlichen Lächeln über die „Kulturlosigkeit
der russischen Barbaren“ hinweggeht, wie man es seit Kriegsausbruch zu tun
pflegte, sondern in ihre Eigenart zu dringen und zu verstehen strebt!
Zwei Geschichten, die sich gern die Philipponen erzählen, mögen hier zum Schluß
stehen:
Vom Bart. Früher trugen auch die Katholiken Bärte. Da verliebte sich ein Papst
in ein schönes junges Mädchen, die aber wies ihn zurück und sprach: “Wie kann
ich dich lieben, du mit deinem langen Bart!“ Da schnitt sich der Papst den Bart
ab. Das Mädchen aber sprach: „Nun kann ich dich ja erst nicht lieben, da du das
Gesetz übertreten hast.“ Der Papst aber überredete nun alle, die Bärte
abzulegen.
Vom Hopfen und vom Tabak. Als Gott die Welt schaffen wollte, sprach er zu dem
obersten Engel: „Hol mir die Erde aus der Tiefe des Wassers.“ Nach drei Tagen
brachte dieser eine Handvoll und hatte auch ein wenig in den Mund genommen, denn
er wollte sehen, was Gott täte. Gott streute sie aus und sprach: „Es werde!“ Da
wuchs die Erde in dem Mund des Engels. Er schrie, bat Gott um Hilfe und spie auf
Gottes Wunsch die Erde aus. Daraus aber erwuchs Tabak und Hopfen."
Quelle: Die Philipponen
(e.a.)