Raja's Fußfessel



(Erik)

27.11. 2009   Neuer Fund: mein Vater hat eine Fußfessel vom alten Raja. Die Fußfessel ist viel erzählt und hat ihre umstrittene Geschichte. Uns 6 Geschwistern hat mein Vater erst in den letzten Jahren, spät in seinem Leben, davon je ein Foto mit Text geschenkt. Wir Geschwister waren sehr ambivalent zu dem Sklavending. Ich hatte das Geschenk abgelehnt; ich wollte keine indische Fessel. Nun, nach dem Vater, habe ich das Foto aber zu mir genommen und eingescannt.
Da die echte schwarze eiserne verrußte Fußfessel, zwei offene Fußringe, 15 cm im Durchmesser, mit drei Kettenbindegliedern verbunden, aus grob geschmiedetem Eisen, immer in Molfsee direkt hinter dem Sofa über Kopf im Familienwohnzimmer hingen und sie das Herzstück der Indien-Vision und des Arbeitsauftrages des Vaters sind, sind sie bei zwei Brüdern sehr beliebt und bei mir schwarzem Schaf ein wenig verpönt. Ich wusste nicht was er mit diesem Geschenk mir eigentlich sagen wollte oder auch nur was er mir eigentlich darin schenken wollte.

Hinter dem Bilderrahmen mit dem großen Foto der Fußfesseln schreibt mein Vater in einem seiner seltenen Begleittexte in einer Kopie an seine sechs Kinder seine Geschichte zu diesen Fesseln. Darin höre ich natürlich seine Rede-Art und fast schon seinen Predigt-Tonfall, wenn er allgemein für das deutsche Publikum und doch für Missionsinsider etwas unausgeschmückt und unbenannt seine Worte niedertippt. Wir erfahren in der Story nicht den Namen des Dorfes der von ihm genannten Christen, seinen indischen Begleitern in der Geschichte, und wir erfahren nicht, wer die Gurus sind und was sie von Beruf sind. Dann zum letzten Absatz hin lese ich an einer einzigen Stelle seiner langen Seite, dass der Missionar als Vater dieses alles an seine Kinder ja erzählt haben wollte, als er nur ein einziges Mal und im Nebensatz mit dem Personalpronomen an uns schreibt: „ … In dieser Gegend wurdet ihr dann sehr vertraut …“ Ich kenne die Gegend von Vaters Lieblingsdorf Bodisil genau. Und dann verlässt er wieder die kaum ergriffene Ebene der persönlichen Mitteilung eines Briefes, einer Erzählung an uns, und missioniert wieder für die deutsche Heimat: „und es ist das Zentrum der christlichen Kirche dort geworden“.

Die Fußfessel genier ich mich eigentlich euch in der Speckseite zu Anfang zuzuschicken und auch noch meine Indien Story ausgerechnet mit dieser zu beginnen. Aber um von dem Vater und aus seinem Nachlass zu berichten, kann man am Ende anfangen und vielleicht war diese Fußkette sein letztes Geschenk an uns. Es ist die Fußkette das erste Geschenk, das ihm in Indien überreicht wurde und das tiefe Symbol seiner/unserer Bindung/Bonding an Indien. Sie hing dann nach Indien vierzig Jahre lang neben dem großen Bild seiner Laxmipurer Kirche an der Wohnzimmerwand hinterm Sofa. So umspannen diese indischen Souvenirs unsere Indiengeschichte von Anfang bis Ende.
Ich hatte bei seiner schlichten Überreichung dieses Geschenks auch prompt alles in den falschen Hals bekommen. Wie nebenbei mit einem dünnen „Willst du auch so eine haben?“ überreichte er mir eine khaki braune Paketverpackung. „Die anderen von euch sollen die auch haben.“ Wieder mal nur eine nur kurze Nennung der Geschwister und dann im An-mir-vorbeigehen reichte er mir ein „Aber es ist auch in Ordnung, wenn du sie nicht haben willst.“ noch nach. Ich wollte prompt die Fußfesseln nicht haben, die er da so lapidar unter dem Sofa hervorholte. Und ich selber wollte nicht die herzliche Bindung an dieses Stück Indien spüren wie er, von dem ich genau wusste. Es war des Vaters Symbol seines Missionsauftrages in Indien, die Erlösung von den Fesseln und oder Ablegung dieser Ketten bei der Taufe zum Christentum.
Ich war irgendwie in meinem Leben auf der anderen Seite gestanden und hatte mehr das Opfer gespürt, das auch wir Missionarskinder für die Mission geben mussten. Durch die Überreichung der abgeworfenen Ketten gab er mir vielleicht wieder die ungelösten Ketten, die uns an Indien bindet und binden wird. In seinem Bildbrief nennt er die schrecklichen Sklavenfesseln die Heiligen Fessel. (e.s.)



Heilige Fessel im Lande Jeypore
und eine Inschrift in Urdu. Reimer Speck 2005

"Immer wenn ich diese „heilige Fußfessel“ an der Wand sehe, denke ich an die beiden christlichen Gurus der Kirche im Gebiet von Kotapad und ihren alten Missionar
(Gloyer 1934), der die Adivasi BHOTRAS gewinnen wollte. Die beiden sind dann auch mit mir zu diesem Volk gefahren 1935. Nach einer solchen Fahrt standen sie dann vor meiner Haustür (am Missionsbungalow in Kotapad) und zogen diese FESSEL aus ihrem Lendentuch und schenkten sie mir. Ich kannte sie wieder, die Fußfessel, offenbar gestohlen aus dem großen Dornbambus vor dem verfallenen „Buddha Palast“ draußen vor dem Dorf „Buddha Raja“. Ich war mit ihnen in diesem Dorf und bei dem verfallenen Palast des Rajas aus dem hohen Norden Indiens.
Die heutige „Hauptstadt“ JEYPORE, des südlichsten Landes von Orissa mit dem gleichen Namen, ist einst entstanden durch einen Raja aus dem Gebiet der Telugus, der hier für sich und seinen Stamm ein Rajatum erfolgreich gründete. So hat es ein anderer Rajasohn aus fernen Gegenden im Norden Indiens an diesem Ort versucht, wo wir den dornigen Bambusring fanden. Sein Palast war verfallen, aber eine Inschrift in URDU stand noch da. Unversehrt überstanden hat der Platz dort in dem dornigen Bambusring.
Die Rajafamilie ist vergangen. Aber die Menschenopferstätte mit ihrem heiligen Stein und den ca 90 Fußfesseln steht heute noch und ist eine heilige Stätte der Bhotras geworden; „Buddha Raja Debotta“ heißt die Stätte. Und in einem Umkreis darum stehen manche kleinen Tempel und heißen „Buddharaja Deota“, Hütten, die gepflegt werden. Einer jener Gurus stammte aus einer Bhotrafamilie, die heute noch in Buddha Raja Debota lebt.
Mich hat dann der 2. Weltkrieg von den Bhotras weggeholt. Die Mission schickte mich danach zu den Dombo Horijans nach Nowrangapur und Kalahandi und ich fand von da aus den Weg zu den Konds bei den Dörfern Bodisil und Putisil im Gebiet der Kond-Hills 30 Kilometer südlich von Laxmipur. Mit dieser Gegend wurdet ihr dann sehr vertraut und es ist das Zentrum der christlichen Kirche dort geworden.
Noch einmal begegnete ich einer dieser Fesseln in einem Dorf bei Laxmipur. Als Pastor Theophil das Dorf taufte, haben die Konds dort ihre Fessel oben an einem Berg begraben. Als später der Missionsdirektor Nelle dieses Dorf besuchte und die Dorfbewohner nach einem guten Geschenk suchten, kamen sie auf die Idee, diese Fessel auszugraben und sie dem Missionsdirektor zu schenken, mit den Worten: „Wer weiß, auf was für Gedanken unsere Enkel noch kommen könnten?!“
(gezeichnet) Reimer  (e.s.)


(e.s.)


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