Reimer Hans SPECK

 

* 2.9.1910 Waltair (Visakhapatnam/Visagapatnam), Indien.  † 2008 Kiel-Molfsee.
Missionar der Breklumer Mission. Verheiratet mit Eline "Ille" SPECK, geb. Tönnesen 1915-2008.
Sohn des Indien-Missionars Siem Tiessen SPECK.

(Seite in Arbeit - noch sehr unvollständig)


(Reimer Speck, Gäbler Info)

Geschichte eines Missionarskindes


1934 ca.

Reimer Hans Speck stud. theolog. (hebräisch und griechisch) in Bethel/Bielefeld, wohnhaft im "Lindenhof" laut Adressenbüchlein Luise Speck. Bethel war ihre "Domäne" vor Breklumer Zeit. L.S. war gebürtig aus Dornberg/Bielefeld und hatte Kontakt mit Marie, Reimers Mutter, und Bethel. Marie und Luise haben ein paar Jahre im selben Haus (?) gewirtschaftet, jedenfalls in Breklum gewohnt. M.L.S. und R.H.S. sind zusammen zur Schule dort. Die beiden Mütter Marie und Luise (vielleicht heisst M.L.S. nach den beiden "Marie Luise", Marie war ja ihre Patentante) passten gegenseitig auf ihre Kinder in Breklum auf und die Kinder guckten gegenseitig in resp. Mütters Backofen was es für Kuchen gab. Daher ist das Studium in Bethel gut möglich. (e.a.)   [die Bundeskanzlerin im Hotel Lindenhof]


1936 "Raus nach Indien"


1939  Brief Reimer S. an Mutter Marie Speck. Eine frühe indische „Mail“ zum Thema „Wie es war in Indien.“ Der junge Missionar R.S. erzählt von den Umständen einer Reise und von der Missionars-Erholungs-Station in Kotagiri. Es ist Mai 39, vier Monate vor Kriegsausbruch. (Die Mission gründet im Mai 39 noch eine Deutsche Schule in Kotagiri.) Abschrift. e.s.

Kotagiri, 9.5.39

Liebe Mutter,
nun sind wir endlich hier oben in der wunderbaren Kühle (Kotagiri in den Nilgiri Bergen 1800 m hoch). Das ist wirklich ein Wechsel. Allein die Schönheit der Landschaft belebt Leib und Seele. Wir sind ja noch ziemlich müde, aber die Lebensgeister wachen auf. Die Landschaft hier kann sich mit den schönsten Teilen der Erde messen. Die Vegetation ist so üppig, wie ich es in Indien noch nicht gesehen habe. Hier gibt es ja fast das ganze Jahr hindurch Regen. Der Garten vor unserem Hause ist ganz wunderschön, obwohl man ihm ansieht, dass er kaum gepflegt wird. Es wächst hier fast alles von selbst. Die Hügel und Täler sind voll bewachsen mit allerlei Bäumen. Überall sind Teeplantagen und Kaffeepflanzungen. Die hohen schlanken Eukalyptusbäume beherrschen das Landschaftsbild. Sie sind bis 30 mtr. hoch und überaus schlank, fast ohne Zweige bis oben hin. Im Sturme schaukelt die Krone ganz unheimlich. Kleiner ist eine Art Lebensbaum (Wattle und Mimose), der sich ganz unheimlich vermehrt. Dazwischen sieht man überall blühende Blütenbäume von verschiedenen Arten.
Wir schlafen nachts unter zwei dicken Decken (Temp. 17 – 25 °C), und morgens kann man im Garten arbeiten ohne gleich zu schwitzen (in der Jeypurer Ebene 300 m Höhe und Temp. 25 – 45°). Man kann es verstehen, wenn abgebaute englische Beamte sich hier oben einen kleinen Besitz erwerben (British Hillstation Kotagiri). Es soll hier ja mit das gesündeste Klima der Erde sein.
Unser Siem (2 J.) ist so lebendig geworden. Er spielt den ganzen Tag draussen in der Sonne und seine Backen fangen an rot zu werden. Er ist von einer unermüdlichen Lebendigkeit. Eine Minute stillsitzen kann er nicht. Auf dem Stuhl sitzen heisst für ihn auf den Stuhl steigen und wieder heruntersteigen. … (Kinderbericht ausgelassen) ...
Wir haben nun die ersten Tage tüchtig geschlafen. Nachts 10 Stunden und mittags drei. Die Reise, der Klimawechsel, die allgemeine Abspannung der heissen Zeit haben ihr Teil dazu beigetragen. Die Reise war ja nicht so ganz einfach. Wir fuhren dritter Klasse. Wir waren mit Tauscher und allen Dienern über 20 Personen. Wir nahmen ja die Kinder und das Dienstpersonal mit herauf für die Deutsche Schule. Damit konnten wir ein Abteil so verrammeln, dass keine andern Inder herein kommen konnten. Die Diener wurden einfach vor die Tür zum Schlafen hingelegt, so dass keiner herein konnte, er hätte denn vorher andere Leute aus dem Schlaf wecken müssen. Das ist ja nicht so ganz einfach, zumal unsere Leute den Befehl bekamen „fest zu schlafen“. Es hat auch keiner fertig gebracht, sie zu wecken. So sind wir glücklich gelandet.
Wir sind ja froh, dass wir hier sein dürfen. Es war finanziell nicht so leicht zu machen durch unsere Hauptkasse. Wir sitzen auch jetzt schrecklich davor. (Das Reich erlaubte keine Auslandsgelder und zahlte nur noch die Gehälter, ca 250 Rupien, wo von die Missionare die Hälfte für die Mission abgeben mussten.) Aber wir dürfen davon nun erstmal für 2 Monate absehen und uns ganz der Musse hingeben. Es war auch nötig. Das merkt man nun am meisten, wo wir hier sind. Wir sind im letzten Jahr von Krankheit ja fast ganz verschont geblieben. Ich bin seit einem ganzen Jahr jetzt von Malaria frei. Ille hat nur 2 kleine Anfälle (von Malaria-Fieber) gehabt und unser Siem hat noch gar nichts gehabt. Aber das Gedränge der Arbeit hat uns müde und zappelig gemacht. Das müssen wir nun ganz wieder los werden. Das wird auch schnell geschehen.
Unsere Häuser sind ja nur kleine, kleine Wochenendhäuser (Kotagiri Missionars-Erholungsheim „Christiansberg“). Aber sie machen dann ja nicht viel Arbeit. Das ist der Vorteil. Unser (Oriya-)Koch (vielleicht Matthew, gespr. „Mattyu“) ist mit und unsere (Oriya-)Kinderfrau (Amphilli). Dazu haben wir hier eine Hilfe von einer jungen (tamilischen) Frau, deren Mann in der Schule Wassermann ist. Deren Reise haben wir ja nicht bezahlen brauchen. So sind wir mit 115 Rs. hierher gekommen. Eine Reise, so weit wie von Breklum nach Neapel.
Hier kommt man auch mit anderen Missionaren in Fülle zusammen. Wir haben bis jetzt keinen Gebrauch davon gemacht, weil wir noch müde sind. Nur bei den Baselern sind wir gewesen. Das andere kommt aber noch.
Nun will ich Schluss machen.
Ich grüsse Dich und Euch alle recht herzlich.
Dein Reimer

   Vielen Dank für die schönen Strümpfe, die vor uns hier eintrafen.

(e.s.)


 

1950

R. Speck MS Willem Reuys 1 Tag vor Port Said, am 16.11.50.

Meine liebe Mutter,
unser Abschied war ja neulich sehr
prosaisch. Aber man war ja in der Seele so ausgedörrt, dass
alles, was geschah, beinahe nu noch mechanisch geschah. Der Ver-
stand arbeite noch voll, aber dahinter hatte sich die Seele
schon fast verschlossen. Das ging hier die ersten Tage auch noch so.
Erst ganz langsam kommt man wieder zu sich. Ich glaube, ich fange
auch schon an, die verlorenen Pfunde wieder aufzuholen. Aber ein
reines Vergnügen ist die Schiffahrt ja nicht. Selbst bei gutem Wetter
nicht. Denn um einen herum ist dauernd Krach, die Maschine, das
Geschrei der Kinder, das Reden der Menschen und das ewige Gedudel
des Lautsprechers. Ein Lärm ist dazu da, um den andern zu übertönen.
Nachdem die Seekrankheit der Biskaya vorüber ist, geht es
unsern Kindern allen sehr gut. Sie essen wie die Scheuenendrescher.
Auch Karen. Sie sind schon berühmt dafür und wir Eltern von manchen
Eltern beneidet. Das Essen ist natürlich für unsere Verhältnisse
ausgezeichnet. Es gibt 2 mal täglich so viel und so gut wie bei
uns zuhause am Sonntag nicht einmal. Immer 5-6 Gänge mit viel
Fleisch. Wir langen auch tüchtig zu und denken manchmal, so etwas
hätten wir vor 2 Jahren einmal die Woche gut gebrauchen können.
Karen ist überall und nirgends auf dem Schiff. Es ist gradezu
ein Kunststück, sie zu hüten. Zum Glück ist alles gut abgeriegelt,
bis auf eine Treppe, die dann ständig unter Augen gehalten werden
muss. Ille und ich lösen uns darin ab.
das Wetter ist jetzt herrlich. Die ersten Tropenanzüge erscheinen
schon auf dem Deck. Hauptsächlich von solchen, die zum ersten
Mal ausreisen. Die können darum auch in voller Pracht erscheinen.
Im allgemeinen geht es sonst sehr bürgerlich zu, so dass wir gar nicht
auffallen. Im roten Meer fangen wir an zu baden. D. h. die Jungs.
Ich werde wohl langsam älter und habe keine Lust mehr zu dieser
Schaustellung der Knochen und was darum ist. (Mit vierzig Jahren!)
Wir bewohnen zwei nebeneinander liegende Kabinen mit einer
ständig offenen Zwischentür. Alle begegnen uns sehr freundlich.
Von einem Hass kann man eigentlich gar nichts mehr spüren. Gestern
Abend begegnete uns der Olden Barnefeldt ("M.S. Johan van Oldenbarnevelt"), der uns vor 4 Jahren
nach haus brachte. Wir sind doch immer noch ein wenig böse
auf den Kasten. Nun herzliche Grüsse Dein Reimer
Den Brief an Pörksen kannst du auch lesen.
Viele herzliche Grüsse von Ille * Kindern

(e.s.)


M.S. Johan van Oldenbarnevelt

MS Johan van Oldenbarnevelt
(I)
MS Johan van Oldenbarnevelt (II) The Trooper
M.S. Johan van Oldenbarnevelt

 

(e.a.)


MS Willem Ruys
 
MS Willem Ruys
"MS Willem Ruys", Abfahrt und Seereise um 1950 (youtube)
 

(e.a.)


Achille Lauro ex MS Willem Ruys


1952  "To Frau Missionar Speck, Breklum, Kirchenweg, in Schleswig Holstein, Germany


Brief Reimer Speck an Mutter Marie Speck. Gedanken zu Neuanfang in der Kond-Mission in den Bergen von Kalahandi.
(e.s.)
Wenn ich dieses Jahr, 2009, Briefe von meinem Vater im Nachlass der Eltern finde und darin über seine Missionsarbeit in meinem Geburtsjahr 1952 in Nowrangapur lese, so suche ich da eine Verbindung zu meinem Vater, zu seinem und meinem Indien und zu dem Anfang und auch Ausgang von Indien. In diesem Letter lese ich von dem Neubeginn meines Vaters in der Mission in Indien nach dem Krieg, und mein Vater beschreibt darin den Distrikt Kalahandi in einem Brief an seine Mutter, meiner Großmutter, mit der er sich berät, und die er wie hier als „Frau Missionar“ auf den Briefumschlägen betitelte. Es ist ein Brief voller Anfragen an seine Mutter und damit an seinen früh verstorbenen Vater, unseren Großvater, der Missionar an der gleichen Stelle in Nowrangapur 40 Jahre früher war. Nach nur kurzer anfänglicher Missionsarbeit vor dem Krieg und dann sieben Jahre langer Internierung sind meine Eltern das zweite Mal 1951 bis 1954 in der Jeypur Mission, aber nun mit sechs in eine Missionarsfamilie in Indien hineingeborene Kinder. Der Missionar schreibt hier im Mai während seines dreiwöchigen Missionars-Jahresurlaubs und der schwersten heißen Zeit in Orissa aus den kühlen Bergen Kodaikanal, wo drei meiner Brüder schon an der Kodaikanal School waren und wo ich sechs Jahre später mit fünf Geschwistern und 10 deutschen Missionarskindern in Penryn meine Boarding-Zeit verbrachte.
Mein Vater sucht nach dem Erfolg der Missionsbotschaft im seinem zugewiesenen Missionsfeld im Distrikt Kalahandi und für sich nach einem Neuanfang der Mission unter den Ureinwohnern, den Konds. Mit seiner Mutter als Mentorin berät er sich. Für uns schließen sich die Kreise zurück zu dem Großvater und der Großmutter in Indien. Und die Missionserzählungen meines Vaters können auch als Erlebnisbericht für die Verwandten des Missionars Hinrich Speck vor 100 Jahren dienen. Reimer Speck hat das Gebiet seines Onkels in Jeypore und das Terrain seines Vaters und seiner Mutter im Nowrangapur Distrikt durchwandert und erweitert und die Arbeit seiner Vormissionare weitergeführt. Wir lesen hier sozusagen einen Bericht, wie sie vermutlich in vielen uns noch unbekannten Vierteljahresberichten der Mission an die Missionheadquarters in der Heimat von den Missionaren geschickt wurden.
Außerdem ist in dem indischen Brief vom Abenteuer der Mission zu hören, z.B. die Distrikt Reisen mit dem Ochsenbandi und mit dem Motorrad. Wir ahnen den Aufbruch der Missionarsfamilie in eine neue Missions-Ära unter den Konds und stoßen in einer Skizze auf unsere spätere kleine Missionsstation Laxmipur. Fast hätte die Missionarsfamilie damals nach den Plänen des Vaters in Rampur weiter nördlich im wilderen Bergland eine ganz andere neue Station gründen müssen, wie es hier der Vater in meinem Geburtsjahr schon erwähnt und plant.
Kalahandi war für mich, als spätes Schlusslicht der Missionarsfamilie, ein Mythos der ersten indischen Jahre des Vaters und der drei ältesten Brüder. Kalahandi war das erste alte indische `Missionsfeld` der Familie, das ich selbstverständlich kannte aber nie gesehen hatte. Erst jetzt, sozusagen 50 Jahre nach „meinem Indien“, lernte ich in einer Erzählung von meinem Bruder über seine Nowrangapurer Zeiten, dass Kalahandi von dem indischen „Kola Handi“ kommt und verdeutscht der schwarze Tonkrug bedeutet. Der Distrikt Kalahandi ist nach dem indischen Töpfer-Volk benannt, die dort den typischen schwarz rot gebrannten Handi brennen. Dann gibt es noch den unbekannten Distrikt Paparahandi von den silbergrauen Handis.
(e.s.)

(Brief Abschrift 2009 e.s., Hervorhebung von Namen durch e.s.) Reimer Speck an Frau Missionar Marie Speck, Breklum, Schleswig Holstein, West Germany

Kodaikanal, am 19.6.1952  -  Liebe Mutter,
Du hast Recht dass ich Dich mehr an unserer Arbeit in Kalahandi Anteil nehmen lassen soll, und da Onkel Bracker Dich fragte nach unserer Arbeit, so mache ich den Vorschlag, dass Du ihm diesen Brief einmal zuschickst. Vielleicht, will das Missionshaus ihn auch einmal sehen, obwohl für den Direktor wohl kaum etwas Neues darin steht.
Ich will nun versuchen, das wichtigste und interessanteste zusammenzustellen. Was Dr. Dunker Dir zeigte, das waren nur Notizen, die ich für mich selbst auf einer Reise hingeworfen hatte. Weil Pastor Pörksen davon wusste, und ich ja so schreibfaul bin, sagte er mir, ich sollte die nur schicken. So sind diese Dinge nach Breklum gekommen, eigentlich sollte daraus ein Vierteljahresbericht gemacht werden. Ihr zu hause seid so ein wenig wie die Athener, die immer gerne etwas Neues hören wollen. Aber so viel Neues geschieht hier kaum. Und wenn ich etwa die Geschichte von dem Sundi, einem angesehenen Schullehrer aus Panabeda erzählen wollte, der vor 20 Jahren schon einmal mit Missionar Leuckfeld mehrere Tage mitgereist ist, der nun bei uns wieder sehr verständnisvoll zuhörte, und wenn er nicht zwei Frauen hätte, und seine Söhne nicht dagegen wären, wohl ein ausgezeichneter Führer unserer kleinen Gemeinde in Panabeda werden könnte, und auch jetzt noch sagte, er würde noch Christ werden, wenn ich also diese Geschichte berichten wollte, dann fürchte ich, dass sie ein falsches Bild von unserer Arbeit gibt. Man muss eben damit warten, bis er Christ ist und, wenn er es nicht wird, besser darüber schweigen.
Die Hauptschwierigkeit, Dir eine klare Darstellung zu geben, liegt eben darin, dass die ganze Lage in Kalahandi noch ungeklärt ist. Ich habe zwar nun etliche Reisen gemacht, und davon berichtet. Sie gleichen einander so sehr, dass man sie kaum zweimal beschreiben kann. Außerdem kann ich etwas endgültig Richtunggebendes daraus noch nicht schließen. Alles was ich sagen kann, ist nur ein Suchen und Tasten und jeder Vorschlag ist eigentlich nur eine Frage. Ich will nun versuchen, die Fragen in drei Gruppen zusammen zu stellen.
Unser Gebiet und die Reisemöglichkeiten.
Welche Aufnahme finden wir mit unserer Botschaft?
Wie sollen wir die Arbeit anfangen?
Unser Gebiet in Kalahandi. Die Jeyporekirche – Ihr müsst Euch erinnern, dass ich hier nicht im Auftrag Breklums sondern der Jeyporekirche arbeite – also die Jeyporekirche hat sich mit der Dänischen Ostjeyporemission und der Amerikanisch Evangelischen (Unierten) Mission in Kodial (Kariar) besprochen, dass diese drei das Fürstentum Kalahandi unter sich zur Missionsarbeit teilen. Der Norden fällt den Amerikanern zu. Den Süden teilen wir mit den Dänen. Die Amerikaner haben schon ein Grundstück in Bhavanipatna gekauft und werden in diesem Jahr wohl bauen. Die Dänen werden ihren Teil von Bissemkuttack aus bearbeiten. Unser Teil besteht zur Hälfte aus Ebene, zur Hälfte aus Bergland. Die Ebene liegt 330 Meter über dem Meeresspiegel, das Bergland zwischen 800 und 1200 m. Die Bevölkerung besteht zur Hauptsache aus Bhotras, Gaudos, Dombos, Boiparies, Konds und Pordschas.
Wie kommen wir nun nach Kalahandi? Es führt von Nowrangapur aus nur eine Strasse hinein, die für Bandi und Auto fahrbar ist. Das ist die lange Strasse von Nowrangapur über Junagarh nach Bhavanipatna. Diese Strasse bist Du
(Marie Speck und Missionar Siem Tiessen Speck 1907 – 1912 Nowrangapur) damals gewiss auch gereist, als Du die Königin in Bhavanipatna (die Rajani) besuchtest, wenn Ihr nicht von Bissemkuttack aus gereist seid. Onkel Bracker ist auch diese Strasse gereist von Bhavanipatna nach Nowrangapur. Ich habe seinen Bericht mit Interesse gelesen. Ampani ist der erste Ort in Kalahandi, am Fusse der Bergkette, die die Grenze bildet. Junagarh liegt schon nicht mehr in unserem Gebiet.
Es gab weiter im Süden noch eine Strasse, die der Rajah, der Fürst von Joyopatna gebaut hat, um seinen Kollegen in Jeypore schneller besuchen zu können. Aber als wir diese Strasse im Januar versuchten, zeigte sich, dass sie völlig vom Regen (vom Monsun) zerstört ist. Nur mit hundert Mann Begleitung bekamen wir den leeren Bandi Ochsenwagen hinunter. Es war überhaupt kein Weg mehr, nur noch eine Rinne mit großen Steinen besät. Schade, denn der Weg würde uns jedes Mal 40 klm Anreise sparen. Und er würde uns genau in die Mitte unseres Arbeitsgebietes führen.
Denn dieser Weg führt geradewegs nach Joyopatna, der Residenz des Fürsten, der unter dem von Bhavanipatna ziemlich genau den Teil der Ebene beherrschte, der unser Gebiet nun ist. Etwa 25-30 klm. weiter östlich liegt dann Thumal Rampur, auch die Residenz eines kleinen Fürsten, der ungefähr den Teil des Berglandes beherrschte, den wir nun missionieren sollen. Leider gibt es zwischen diesen beiden Orten keinen Bandi-Weg. Es gibt nur den Umweg über Bhavanipatna, der mindestens 100 klm beträgt. Denn zwischen diesen beiden Orten liegt ein sehr steiler Anstieg von 600 – 800 mtr. Höhe, wo nur Fusspfade hinaufführen. Oben in den Bergen gibt es dann aber wieder ein sehr brauchbares Straßensystem, denn der Rajah hatte seine Sache dort in Ordnung. Und dieses Straßensystem hat nun Anschluss an die Strasse von Koraput nach Rayagada. So ist unser Gebiet leider in zwei sehr voneinander getrennte Gebiete geteilt.
Dass wir mit dem Motorrad und Ochsenwagen reisen, weisst Du ja. Das ist eine geradezu ideale Verbindung. Wir sind damit nicht an die Autostrasse gebunden. Für das Motorrad reicht ein schmaler Fusspfad und der Bandi findet immer irgendwo einen Weg. Im Anfang strengte mich das (Motorrad-) Fahren auf den schmalen, krummen und höckerigen Wegen sehr an, aber inzwischen habe ich mich zu einem Akrobaten entwickelt, der sogar das richtige Stürzen gelernt hat, und nun macht es mir Freude. Mitunter bleiben wir allerdings selbst mit dem Motorrad sitzen, wenn der Bach oder das Reisfeld einmal tiefer waren, als wir schätzten und der Vergaser unter Wasser geriet. Dann muss der Motor am Wegesrand eben einmal auseinander genommen und von Wasser und Schlamm geputzt werden. Das habe ich noch schnell in den letzten Ferien bei Hans Karstensen in Breklum (1935) gelernt. Du weisst doch damals, als ich Öl verschmiert einige Tage nach Hause kam. Breklum muss allerdings von Zeit zu Zeit mal ein neues Rad stiften. Aber dafür predigen wir denn auch in manchmal 8 – 10 Dörfern am Tag.

Nun will ich eine kleine Skizze von Kalahandi beifügen:

gelb Straßen
//// Gebirge
---- Gebietsgrenzen
(Amerikaner) * Bhavanipatna
----------------------------------------------------------
! (Dänen)
Rampur !
Nowrangapur * * * ! * Bissemkuttack
Joyopatna !
*
Jeypore * * * Rayagada
Koraput Lakshmipur


2. Welche Aufnahme finden wir mit unserer Botschaft?
Die Leute sind überall sehr freundlich. Unsere Jeypore-Leute sagen oft, die Freundlichkeit sei nicht echt. Ich möchte sagen, echt ist sie schon, aber sie ist unverbindlich. Wir wurden des öfteren zu einem Glas Tee eingeladen. In einem Dorfe wurden unsere Katecheten drei Tage lang von einem bekannten Dorfältesten verpflegt. Er hat sich die Predigt sehr genau angehört. Später hat er sich dann sehr reserviert gezeigt. Aber der Grund ist wohl nicht bei uns zu suchen. Sondern leider hat eine Jeyporer Räuberbande einen tüchtigen Raubzug durchs Land gemacht in Polizei-Uniform und einige reiche Leute erleichtert. Darunter war auch en Verwandter dieses Ältesten. Und unter den Räubern waren auch Christen aus Kamta im Nowrangapurer Bezirk. Man hat ihnen den Raubzug zwar nicht nachweisen können, und das Gericht musste sie frei sprechen. Aber die öffentliche Meinung hält doch daran fest. Das ist natürlich übel. Aber ich habe nicht gespürt, dass man uns das vorhält, abgesehen von gelegentlichen Bemerkungen, dass unsere Religion gut sei, aber unsere Leute nichts taugen.
An Zuhörern fehlt es nie. Die grösste Anzahl war in einem Dorf Temra beisammen, wohl an die 600 Leute am Abend. Uns allen gelang auch eine gute Predigt, und die Leute hörten mäuschenstill zu, zwei Stunden lang. Über Tage erreichen wir natürlich bei weitem nicht so viele, da sie ja meistens auf Arbeit sind.
Aus einigen Dörfern hatten ja die Dombo Bittschriften um Unterricht nach Nowrangapur geschickt. In diesen Dörfern war der Besuch merkwürdigerweise am schlechtesten. Und die Bittsteller selber waren am wenigsten da. In das eine Dorf Aulabhata habe ich viermal je zwei Katecheten zum Unterricht geschickt. Aber der Eifer war sehr gering und nahm ständig ab. Betrunkene Dombos sprachen dann bei meinem Besuch dort aus, was sie wohl in ihrem Herzen dachten: „Gib uns eine Schule, gib uns eine Kirche, gib uns einen Lehrer, dann wollen wir Christen werden.“ Einer wollte sogar die Zigaretten des Missionars rauchen. Ich habe den Eindruck, dass es sich hier um einen alten degenerierten Ausläufer der Dombo-Bewegung von 1905 handelt, wobei man wohl Christ werden wollte, wenn es keine Mühe kostet und etwas dabei zu gewinnen ist. Damit dürfen wir wohl keinen Anfang machen, es sei denn, dass hier begriffen wird, dass es sich um eine Umkehr handelt.
Vor solchen Fragen, liebe Mutter, habt Ihr damals in Nowrangapur gewiss auch oft gestanden. Ich denke da besonders an Burbusi, wo Vater
(Missionar Siem Tiessen Speck 1903 – 1912) ja viel gewesen ist. Hast du dies Dorf noch in Erinnerung? Ein alter Christ dort erzählte mir, dass Vater dort viel gearbeitet hätte, und große Mühe mit den Leuten gehabt hätte. Aber sehr viele seien Christen geworden, ohne sich wirklich zu bekehren. So sieht das Dorf noch heute aus. Man kann solche Dörfer wohl mitschleppen, aber man kann damit keinen Anfang machen. So bleibt in Kalahandi noch viel zu erforschen übrig.

3. Welche Wege sollen wir nun mit unserer Arbeit einschlagen?
Meine Hoffnung ist, das Kalahandi uns eine Gelegenheit bietet, einen neuen Anfang zu machen unter den Kastenleuten oder unter den sogenannten Hilltribes d.h. unter den Ureinwohnern. Auf unserem bisherigen Missionsgebiet ist das sehr schwer, weil die Kirche dort von der Bevölkerung als Dombokirche empfunden wird und unsere Christen das in der Mehrheit auch noch betonen. Sie haben leider kein lebendiges Interesse dafür, dass die andern Kasten auch hereinkommen. Sie fürchten sogar, dass sie in der Kirche dann wieder die Kastenlosen werden. Die Dombos sind praktisch christianisiert. Der Rest, der noch übrig ist, ist zum Teil der obstinate Haufen, der das alte Leben nicht aufgeben will oder er wird durch die Kirche selbst hereingeholt Jahr für Jahr. Da braucht der Missionar nicht mehr zu arbeiten.
In Kalahandi haben wir noch einmal die Gelegenheit, bei den anderen Kasten anzufangen. Man darf die Möglichkeit zwar nicht überschätzen, denn Kalahandi ist von allen Seiten von Kirchen umgeben, die fast ausschließlich Kirchen der Kastenlosen (Dombos) sind mit Ausnahme von den Baptisten aus Cuttack, die auch viele Kastenleute in der Kirche haben. Hinzukommt noch unsere kleine Kondgemeinde aus Gottiguda. Darum meine ich, wir sollten diesen Versuch machen. Das heisst dann aber, dass wir nicht von Nowrangapur aus Kalahandi missionieren dürfen, denn dort hängt das ganze Gewicht einer Dombo-Kirche an uns. Wir sollten lieber aus Kalahandi selbst heraus missionieren.
Es ist außerdem eine Erfahrung, dass aus der Ferne schwer zu missionieren ist. Wo unsere Väter die Stationen gebaut haben, da haben sich durchweg rundherum Gemeinden gebildet. Freilich muss man sich die Frage stellen, ob diese Erfahrungen der vergangenen 70 Jahre heute noch gelten. Es gibt durchaus Ausnahmen, die dagegen sprechen. So die kleine Kondgemeinde um Gotiguda. aber da muss man dann wieder die Gegenfrage stellen, ob aus dieser Sache nicht vielleicht viel mehr geworden wäre, wenn wir dort einen Missionar hätten stationieren können. Die Leute in Kalahandi sagten uns öfter: Ihr kommt wie der Wind, und ehe wir begriffen haben, was ihr eigentlich wollt, so seid ihr schon wieder weg. Unsere übliche Reisemethode reicht nicht mehr aus. Wir müssen die Leute persönlich kennen lernen und Umgang mit ihnen haben. Das geht aber sehr schwer von Nowrangapur aus., denn das habe ich doch gemerkt, wie man dort durch 100 Fäden festgehalten wird und welche Mühe es kostet sich dort loszumachen, und wenn man los ist, dann möchte man viele Dörfer besuchen, und dann hat man für die einzelnen kaum noch Zeit übrig.
Darum gibt es zwei Lösungen. Einmal der Bau einer Missionsstation mit festem Wohnsitz, oder einer Hilfsstation, wo der Missionar sich während der 6 Wintermonate aufhält und dann für die heisse und regnerische Zeit in sein kühleres Haus nach Nowrangapur zurückzieht. Beides hat etwas für sich. In Nowrangapur bleibt nach wie vor noch viel zu tun. Das könnte in der Heissen- und Regenzeit getan werden. Ein Winterhaus wäre billiger als eine volle Station. Dagegen brauchen die Vorzüge einer vollen Station nicht beschrieben werden.
Es ist nur ein Haken dabei. Es müsste mit einer neuen Station auch irgendeine soziale Arbeit verbunden werden, denn wenn wir jedes Jahr unsere Aufenthaltsgenehmigung erneuern lassen müssen, dann werden wir gefragt, welchen Nutzen Indien von unserm Aufenthalt hat. Und bei der Regierung zählt Evangelisation nicht als ein Nutzen. Aber Schule, Tischlereischule, und Erwachsene in Lesen und Schreiben unterrichten wird sich ja bald einstellen. Die Tischlereischule ist ja die billigste Methode ein Bungalow zu bauen. Darum halte ich die volle Station doch für das Richtigere, obwohl wir unser schönes Nowrangapur dann bald wieder verlassen müssen.
Nun bleibt noch die Frage, wo wir die neue Station anlegen sollen. Ich halte die Gegend von Rampur auf den Bergen für die günstige Situation. Denn von dort sind die christlichen Konds nicht zu weit weg. Wir sind von Nowrangapur weit genug entfernt. Von dort aus ist Koraput gut zu erreichen. Und Koraput ist doch das Zentrum unserer Kirche. Die Höhenlage ist 1000mtr. Das Klima wird dort gut sein. Von dort aus sind die Ebene und das Bergland zu erreichen, wenn auch leider die Strasse zur Ebene hinunter fehlt.
Ich glaube damit habe ich nun die wichtigsten Dinge, die uns bewegen, genannt. Eine Neue Arbeit Anfangen und eine neue Station Gründen ist ja ein Ding, das heute nicht mehr oft vorkommt. Vor dem Kriege wäre ich gewiss mit Begeisterung darangegangenen. Nun sind wir ja schon etwas sesshafter geworden und fühlen uns in Nowrangapur wohl. Es würde uns doch auch leid tun, wenn wir weiter müssten. Aber wenn ich an Deine Umzüge denke, Mutter, dann können wir ja noch gar nicht mitreden. Aber auf der anderen Seite würde ich mich doch sehr freuen. Ein Neuanfang ist doch immer etwas Schönes, auch wenn wir im Voraus ja noch gar nicht wissen, ob Segen auf der Arbeit ruhen wird, oder ob wir lange Zeit hindurch dort recht einsam bleiben werden.
Damit will ich nun diesen Brief beschließen. Die Kinder und Ille sind alle wohlauf und gehen gerne zur Schule, bzw. spielen oder schlafen, oder müssen schlafen.
In treuer Verbundenheit, Dein Reimer. Kodaikanal, 19.6.1952
(e.s.)


1961 Brief an die Witwe Luise Speck in Osterstedt zum Tode H.S.


1972

Aus Tageszeitung "Stör Bote" Kellinghusen Juni 1972

Pastor Speck berichtete aus Indien

Gemeindewoche des Missionskreises – Begegnungsnachmittag für ältere eröffnet

Kellinghusen. „Hoffen auf eine bessere Welt“ lautet das Motto der Gemeindewoche des Missionskreises der evangelischen Kirchengemeinde Kellinghusen. …

Im Mittelpunkt des Nachmittages stand ein Lichtbildervortrag von Missionar Pastor Speck mit dem Thema „Aufbruch indischer Bergstämme zum Evangelium – eine Herausforderung an uns.“ Pastor Speck berichtete aus Indien vor 37 Jahren sei er zum ersten mal nach Indien gegangen, begann Pastor Speck seinen Vortrag, in dem Auftrag, der aus dem Bibelwort stamme, „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker.“ Vieles habe sich in den 37 Jahren verändert, vieles sei in Indien moderner geworden, aber nicht in der Gegend, in der er tätig gewesen sei, bei den Ureinwohnern, den ADIVASI,  40 Millionen Menschen, die in Indien hauptsächlich in abgelegenen armen Bereichen leben.

Die Wurzeln des Schicksalsvolkes der Adivasi liegen drei bis vier tausend Jahre zurück, sagte er. Schritt für Schritt seien sie in die Gegenden gedrängt worden, in denen sie heute leben, durch die Hindu, die indische Bauerngesellschaft, die das Gesellschaftssystem eingeführt haben, die Kasten.

Pastor Speck berichtete von vielen Schwierigkeiten, in denen die Menschen heute leben, von ihren Forderungen, ein eigenes Bundesland zu bekommen, die abgeschlagen worden seien, vom Streit der Adivasi untereinander mit Ausnahme der Koya, einem rauen Stamm von nur noch 300 000 Menschen.

An Hand der Lichtbilder sprach Pastor Speck dann, wie segensreich die Arbeit der Mission gewesen sei, wie man geholfen habe, das Land zu bewässern, fruchtbar zu machen, doch leider sei es nicht mehr gelungen zu helfen, nur eine Schwester sei dort tätig, der Staat gebe keine Aufenthaltsgenehmigungen mehr.

(Reinschrift e.s. / Zeitungsklipp M.L.A./e.a.)


1980. "Oh, der Reimer, ...!" Geburtstagslied von Theo S. zu Vater Reimer Specks 70sten Geburtstag. Molfsee. 2.Sept. 1980. "Refrain: Oh der Reimer, der Reimer aus Dithmarschen  ...  Die Ille-Maus fuhr mit hinaus ins Indienland, die Hitz, / ging mit Reimer Hand in Hand durch Freude und durch Mist!" Theo (Molfsee/Rendsburg) reimte ein 2 Seiten langes Lied in Versen aus Geschichten der Familie zur Melodie "Oh! Susanna! Why don´t you cry for me!" und tippte mit Schreibmaschine und skizzierte mit einem dünnen Zeichenstift seine Cartoons auf damalige Wachsmatritze.  (t.s.)

   

 


Gewollt habe ich immer nur die Adivasi   Lebensbeschreibung und Erinnerungen an einen unvollendeten Auftrag, von Reimer Speck.


2000

 

Reimer Hans Speck, 90-ster Geburtstag. "Wir hatten für jedes Jahrzehnt des Vaters Verse, Lichtbilder und Erzählungen vorgetragen und dazu jeweils eine Schale mit zehn Lichtern aufgestellt"  (e.s.)

2008

Einige persönliche Erinnerungen an Onkel Reimer

von Matthias Dahl zur Beerdigung 2008 (Kaffeetafel nach seiner Beerdigung am 21. Juli 2008).

Liebe Trauergäste!
    Mit meinem zweiten Namen heiße ich Reimer, nach meinem Patenonkel. Bei meiner Taufe konnte er nicht persönlich anwesend sein, denn er war ja Missionar in Indien. Im Krieg mit der Internierung der Missionarsfamilien in Indien flossen die Nachrichten äußerst spärlich. So war Onkel Reimer für mich eine etwas nebelhafte Größe.
    Als die Familie dann nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte, kam sie zunächst provisorisch in Innien unter. Mir fiel es als damals sieben- oder achtjährigem Jungen auf dem Lande schwer, den Unterschied zwischen Indien und Innien zu erfassen. Irgendwie war beides fern, beides Orte, zu denen ich nicht hinkam.
    Aber Onkel Reimer kam dann doch nach Olderup, wo wir damals lebten. Ich erwartete nun spannende Geschichten aus Indien, mit Tigern oder so. Die bekam ich nicht zu hören. Aber immerhin, dass Termiten sich in die Beine eines Schreibtisches ganz nach oben hin hineinfressen können, bis er in sich zusammenfällt, war auch ganz interessant.
    Gelegentlich hat meine Mutter mal etwas aus ihrer gemeinsamen Kindheit erzählt. Es war ja so, dass Großvater seine eigenen Vorstellungen von der Erziehung der Kinder hatte und die Erlaubnis bekam, sie selbst zu Hause zu unterrichten. Es war wohl in Westerhever, wo er seine Kinder im Dunkeln, ohne Licht, nach draußen bis zur Stalltür schickte, um sie zu lehren, Furcht zu überwinden. Bei meiner Mutter hat diese Erziehung offenbar gewirkt, weil sie in Gefahrensituationen später auffällig ruhig war. Ich vermute, dass diese Erziehung auch bei Onkel Reimer gewirkt hat.
    Dann kam die Familie Speck nach Dithmarschen, nach Sarzbüttel, dann schließlich zur Westerkoppel. Von daher behielt Onkel Reimers Plattdeutsch seine deutlich Dithmarscher Färbung, auch als sie dann nach dem Tod des Vaters nach Breklum zogen.
    Es waren ja die zwanziger Jahre. Die Radiotechnik entwickelte sich. Und viele Jungen bastelten an Detektorradios. So auch Onkel Reimer. Davon war er wohl so kräftig abgelenkt, dass seine Schulleistungen absackten. Seine Mutter brauchte damals wohl nicht viel mehr als "Reimer" zu sagen, um ihn wieder auf den rechten Weg eines gewissenhaften Schülers zu bringen. Man sagt, dass er damals eine ausgesprochen stattliche Erscheinung war, nach der sich die Mädchen umdrehten.
    Onkel Reimer hat dann Theologie studiert, unter anderem auch in Zürich. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, wurde Emil Brunner ein wichtiger Lehrer für ihn. Ich kann das nicht im einzelnen nachweisen, weil ich Brunners Dogmatik nicht studiert habe. Mir hat als Jugendlichem viel mehr imponiert, dass Onkel Reimer einmal den ganzen Weg nach Zürich ins Semester gewandert ist. Es war ja die Zeit der Wanderbewegung. Das damals herausgekommene Liederbuch "Strampedemi" mit seinen Landsknechtliedern begleitete auch ihn.
    Nach der Zeit als Pastor in Aumühle wurde Onkel Reimer mit seiner Familie 1950 wieder nach Indien ausgesandt. Als sein Patenjunge durfte ich bei den Feierlichkeiten in Breklum dabei sein. Ich erinnere mich an ein Abendessen im privaten Bereich von Missionsdirektor Pörksen an einem langen Tisch mit all den Pörksenkindern. Ich erinnere mich vor allem an die Veranstaltung im Festsaal, bei der mein Vetter Siem eine Trompete oder ein Horn überreicht bekam. Das sollte, so war es gemeint - ein Baustein zum Aufbau eines Posaunenchores in der Jeypurkirche sein.
    Dies war wohl von vornherein eine Illusion. Jedenfalls habe ich davon später nichts mehr gehört. Wohl aber habe ich vom Aufbau des Krankenhauses in Nowrangapur gehört, bei dem Onkel Reimer maßgeblich mitwirkte.
Beim nächsten Aufenthalt in Deutschland ging es dann auch um einen günstigen Preis für einen Unimog, der in der Arbeit in Indien eingesetzt werden sollte. Das technische Interesse bei Onkel Reimer war also durchaus nicht eingeschlafen.
Immer stärker kamen die Adivasi in seinen Blick. Ihnen beizustehen, vor allem mit der Botschaft von Jesus Christus, wurde dann seine große Leidenschaft. Immer wieder berichtete er darüber bei Missionsfesten. Er schrieb Artikel, warb für sie im persönlichen Gespräch. Zuletzt habe ich ihn bei einer Beerdigung - ich meine, es war die von Tante Tilly - darüber reden hören, obwohl es nicht so recht in die Situation passte. Aber es war nun einmal sein Thema. Und so ist es nur konsequent, dass in seiner Traueranzeige um Gaben für ein Adivasi-Projekt gebeten wird.
    So steht Onkel Reimer vor mir als ein aufrechter, durchaus nicht bequemer Mann, der für seine Sache einstand.
Ich habe große Achtung für ihn. Das wollte ich gern zum Ausdruck bringen.

Matthias Dahl  (m.d.)


"R.S. bekam 1950 bei Wiederausreise in Breklum eine Posaune (ein Waldhorn), oder es war Geschenk an meinen Bruder Siem? Reimer Speck hat aber nie Musik Bläser Kirchenchor in Indien gamacht, obwohl er seine vier deutschen Holzflöten mit hatte und sein Waldhorn. Das hat Missionsarzt Dr. Winkler noch 1966 in Bodomanjari und Bodisil in den Bergen geblasen."  (e.s.)   -   Zu diesem Thema gibt es eine kleine Erinnerung von mir, die ich bei der Trauerfeier für RS so formuliert habe: "Ich erinnere mich vor allem an die Veranstaltung im Festsaal, bei der mein Vetter Siem eine Trompete oder ein Horn überreicht bekam. Das sollte wohl ein Baustein zum Aufbau eines Posaunenchores in der Jeypurkirche sein. Dies war wohl von vornherein eine Illusion. Jedenfalls habe ich davon später nichts mehr gehört." Im letzten Punkt muss ich mich also korrigieren ... aber die Überreichung des Instruments an Siem sehe ich noch deutlich vor mir. Es wurden dabei auch persönliche Worte zu ihm gesprochen, so in der Richtung, dass er lernen sollte, das Instrument zu spielen und es zu Gottes Ehre einzusetzen. So wirkte es auf mich Zwölfjährigen, als sei es ein persönliches Geschenk an Siem. Trotzdem kann natürlich der Vater gemeint gewesen sein. Sicher war das Instrument keine Posaune. Soviel habe ich damals schon von Blasinstrumenten verstanden. Es war nach dem Bild, das ich vor mir sehe, auch ziemlich sicher kein Waldhorn. Die haben ja einen ziemlich großen Schalltrichter, in die der Bläser seine rechte Faust steckt und mit der linken Hand die Ventile drückt, im Unterschied zu den anderen Blechblasinstrumenten, bei denen die Ventile mit der rechten Hand bedient werden. Von daher ist es mir fraglich, ob Dr.Winkler - wenn es denn wirklich ein Waldhorn war - das Instrument geblasen hat, das damals 1950 an Siem überreicht wurde. Nach meinen heutigen - nicht sehr weitreichenden - Kenntnissen vermute ich, dass am ehesten ein Kuhlo-Horn war, benannt nach dem Posaunengeneral Johannes Kuhlo aus Bethel, der nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts diese Intrumente mit ihrem gegenüber den Trompeten der Militärkapellen weicheren Klang für die christlichen Posaunenchöre bauen ließ. (m.d.)

Videos des Posaunenchores der Jeypur-Kirche heute:
Jeypur Posaunen 1
Jeypur Posaunen 2

2009

.  Friedhof Kiel-Molfsee


(e.s./e.a.)


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