Theodor Siem Speck

Erzählungen kurz nach dem Kriege


O Du Bonzenherrlichkeit.
(1946)


Jawoll, ich komm von der Partei,
als Nazibonze ist's zwar vorbei,
doch nehme ich es nicht zu Herzen,
ein Mann wie ich kann das verschmerzen.
Verloren sind die goldnen Tressen,
doch lange sind sie schon vergessen.

Hab' gut gelebt so manches Jahr
als ich ein Goldfasan noch war.
Und alle alten Freunde fanden,
der braune Rock hat gut gestanden.
Viel Orden hatt' ich vorzuzeigen,
ein nettes Bäuchlein war mein eigen.

Als grössten Feldherrn aller Zeiten,
als grössten Mann der Ewigkeiten,
tat ich dem Führer Treue schwören,
weil man es wollt' so gerne hören,
deswegen braucht ich's auch nicht wagen
die werte Haut zu Markt zu tragen.

Ich dachte, lass die Dummen sterben,
dafür kann ich dann besser erben.
Als wohlbedachter weiser Mann,
dem nichts die Ruhe rauben kann,
besass ich keinen grossen Posten,
der könnte heut' die Stellung kosten.

Viel lieber mochte ich mich drücken,
still hinter grossen, breiten Rücken,
so dass vom Volk mich niemand kannte
und etwa meinen Namen nannte.
Ich guckte in dem braunen Haus
stets nur zum Hinterfenster raus.

Ich war, wie sich das so ergibt,
bei allen "Hohen" sehr beliebt,
das Speichellecken, Hochradfahren
gelang mir gut in allen Jahren.
So ging es bis zur grossen Wende,
bei der mir alles schien zu Ende.

Es war vorbei und Adolph (Adolf) tot,
doch ich, ich hatte keine Not.
Mein allzeit wacher, sechster Sinn
trieb mich sogleich zum Tommi hin
und durch die Hintertür hinein,
weil meine Weste blütenrein.

Dort fing ich an zu agitieren
durch reden, klagen, denunzieren,
und alle nannte ich nun mündlich,
weil ich die Herren kannte gründlich,
all die verfluchten Kriegsverbrecher,
die Naziführer, Todesschächer.

Bekannte stes aus voller Brust,
dass vom K.Z. ich nichts gewusst.
Vor allem tat' ich eins entdecken,
dass man auch hier kann Speichel lecken.
Was sollt' es mich auch weiter kosten,
heut' hab ich wieder fette Posten.

Sind's gut bekannte? I bewahre!
Ich halte es wie alle Jahre:
Am besten sind wir stets geraten
so hintendrein als Bürokraten,
man soll uns ja auch gar nicht kennen,
und uns bei allen Dingen nennen.

So leben wir als treue Männer,
als Demokraten, Menschenkenner,
wir wissen halt, das ist es eben,
stets mit der Zeit im Schritt zu leben.
Jetzt möchte ich Euch nur noch sagen,
wie man heut lebt auch ohne Plagen:

Stets hingehört und Augen auf,
stets lernen aus der Zeiten Lauf!
Die Oberen grüss' stets mit Bücken,
die Unteren tu' kräftig drücken,
und ohne Ehrgeiz bleib bescheiden,
dann brauchst du nimmer leiden,
dann stehn dir alle Wege offen,
was immer bisher eingetroffen.

Auch heute hast Du gute Tage,
befolgst Du nun, was ich Dir sage!
Man muss es nur so recht verstehn
den Vorteil stets herauszusehn.
Es lebe die Demokratie,
ich schwöre felsenfest auf sie!

"Speck"

Das gleiche Gedicht in etwas längerer "schärferer" wahrscheinlich früherer Fassung auf einem 2. Blatt.

(e.a.)

"Unmittelbare Erfahrung 1946, dass alle Bonzen plötzlich wieder da waren in allen Ämtern!" (m.e.a.)


 

(Theo Speck)
Gott zur Ehre woll'n wir leben ...
Am 22. April 1947 wurde das Proseminar unter lebhafter Teilnahme der Oesinger Gemeinde eröffnet. In der Kirche hielt unser lieber Präses Stallmann die Festpredigt über den 111. Psalm, Vers 7-10: Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht; alle seine Gebote sind rechtschaffen ......... Nach der erhebenden Ansprache zogen wir alle gemeinsam, voran Pastoren und Dozenten, unter dem Klange der Glocke und der Posaunen zu den Baracken hinüber. Präses Stallmann hielt noch eine kurze Ansprache und schloss die Türen auf. Alles hatte die Jugend der Gemeinde festlich hergerrichtet, auch eine Ehrenpforte war vorhandebn. Mit einem gemeinsamen Mittagessen, von Ansprachen gewürzt, endete die Feier. Schnell haben wir uns eingelebt. Die Kameradschaft ist wunderbar. Wir sind alle eine einzige grosse Familie. Zu lernen gibt es viel. Wir haben 2 Fächer, Griechisch und Hebräisch, nebeneinander neu angefangen. Um ungestört arbeiten zu können, suche ich oft das Weite mit meinen Vokabeln. So ging ich Abends in einen kleinen 10m Minuten entfernten Eichenhain. Aber als ich dort eine Weile sass, war es um mich geschehen:

Leise sinkt der Abend nieder,
fern des Kukuks Echo schallt,
stille wird die Erde wieder,
alles Leben ruht nun bald.

Sanft durchrieselt mich die Kühle,
der ich auf bemoosten Stein,
Wonneschauer in mir fühle,
so nah der Natur zu sein.

In den Eichen säuselt lind,
die sich über mir erheben,
wispernd leis der abendwind,
mir den Freundesgruss zu geben.

In den Gräsern Grillen stimmen,
ihre Violinen ein,
Feen und Elfen nun zu minnen
beim Konzert im Eichenhain.

Vöglein flöten ihre Weisen,
schwebend weiss, als wie im Traum,
Elfen tanzen zwischen diesen
spielend, ach man merkt es kaum.

Erlkönig erwart ich leise,
dass er aus den Büschen schaut,
sah ich doch geheimerweise
weiss umschleiert seine Braut.

Bächlein winden durch die Auen
leise rieselnd sich dahin,
möchte gern die Nöck erschauen,
da in seiner Näh' ich bin.

Ach, so könnt ich lange sinnen,
fern des Kukuks Echo schallt.
Was soll ich denn bloss beginnen,
wenn das Echo mir verhallt ?

Herrlich sind hier die Abende und Nächte. Sie haben es mir richtig angetan. Leider habe ich nicht viel Zeit mich ihnen zu widmen, aber manchmal tue ich es doch:

Lautlos stille ist die Nacht,
nur der leise Wind noch spielt,
sanft mir meie Stirne kühlt,
und der gute Mond mir lacht.

Englein kommen zu mir sacht,
kaum es meine Seele fühlt,
die sich für so einsam hielt,
sagen leise gute Nacht.

In der weiten dunklen Ferne
als Mariens Mantelspur
leuchten still und klar die Sterne.

Fern vom Kirchturm schlägt die Uhr.
Ewig sässe ich so gerne
einsam in der weiten Flur.

Wenn ich so durch die Natur wandere, weckt sie wieder tiefe Sehnsüchte in mir auf. Sie drücken und drängen mich, machen mich glücklich und traurig zugleich. Unmöglich ist es mir, sie zu ergründen

Ein kleines blaues Blümelein
fand einsam ich am Wiesenrain
in einem Bett von grünem Gras,
vom Morgentau noch klamm und nass.

Ein Tropfen glitzert klar und rein
wie Diamant im Sonnenschein,
so unschuldsvoll und ohne Hass,
dass ich gar bald daneben sass.

Wie traurig ward mir da der Sinn,
ich blickte zu dem Blümlein hin:
Ach könnte ich wie Du doch sein,
so unschuldsvoll und klar und rein,

und nicht so rastlos wie ich bin,
von fernem Weh' erfüllten Sinn,
der ständig meine Seele füllt, mir unbekannt und ungestillt.

Wer sagt mir wie das Wesen heisst,
das stets mir fast das Herz zerreisst,
das an ihm nagt und an ihm frisst, dass mir so weh zu Herzen ist.

Und doch lässt's mich auch glücklich sein,
schenkt mir zum Weh' die Freude ein,
dass ich umarmen möcht' die Welt,
die mir solch Glück entgegen hält.

Bleib Du nur so, mein Blümelein,
und ich will auch zufrieden sein,
will glücklich sein mit meinem Sinn,
dass Gott mich schuf wie ich es bin.

Beim Unterricht machen wir tüchtig Fortschritte. Weil wir aber erst Abends ins Bett kommen, haben wir am Morgen noch sehr mit der Müdigkeit zu kämpfen. Unsere Dozenten bemühen sich sehr, uns den Unterricht so interessant wie nur möglich zu gestalten. Sie erfinden darin immer neue Künste, die oft unsere Heiterkeit erwecken. Damit erfüllen sie ebne ihren zweck:

Das hochverehrte Kollegium,
die werten Herrn Dozenten,
bemühen sich seit langem schon
Einfälle zu verwenden.

Einfälle sind gut, und auch sehr einflussreich,
damit der Geist nicht ruht,
sondern rege wird zugleich.

Ausgezeichnet in diesem Falle
Herr B. Voigt den Meister steht, seine Phantasie uns alle
griechisch-geistig sehr bewegt.

Es wurde immer schlechter schon
der rechte Klang des .....
und des kurzen .......,
sowie ...... und ...,

(.jpg / griechischer Text)

Herrn Voigt kam plötzlich die Idee,
der Groschen ist gefallen
im Geist und aus dem Portmanee
in Griechisch bei uns allen.

Ja, man muss sagen in der Tat,
der Geist ist nicht gerostet,
es hat so manch versprochnes Wort
den Groschen uns gekostet.

Doch langsam wurde dieses alt.
Herr Voigt, der konnte lachen,
er hatte schon was Neues bald,
von Wagner diese Sachen.

Nun wurde aus dem Groschenschlinger
gar ein Groschenscheffelfresser,
der uns aus den Meistersingern
schuf Herrn Stoltzing und Beckmesser.

Vorne Herr Beckmesser
stehet gross und wuchtig,
auf seinem Platz Herr Stoltzing
ist misstrauisch und duckt sich.

Das Spiel beginnt,
Herrn Stoltzing heiss
von der Stirne rinnt
der Kampfesschweiss.

Herr Stoltzing liest
die griechschen Sätze vor,
Herr Beckmesser geniesst
die Fehler, ist ganz Ohr.

Unerbittlich dieser Schächer
kreidet alle Fehler an,
v. Stoltzing wird nun schwach und schwächer,
Beckmesser umso freudger dann.

Und nun geht es Schlag auf Schlag
und Fehler nun um Fehler,
Herrn Stoltzing wird der Schweiss zum Bach,
triumphgewiss der Zähler.

Vom Ende will ich garnicht reden,
grausam genug war dieses Spiel.
Der wird es selbst einmal erleben,
der Voigtscher Schüler werden will.

P.S. Herrn Voigt sei nur noch hier gedankt,
die Groschen hat er nicht verlangt.

Das war Herr Diplomingenieur Voigt. Nun fehlt noch unser verehrter Herr Studienrat Dr. Glathe, der sich in Deutsch und Latein mit uns abquälen muss. Jeder hat so seine Methoden, um uns zu beschäftigen.

"Ein neuer Reim,
ein alter Witz,
vom Unterricht
ein Geistesblitz!"

Hoch lebe der Geist,
das alte Pennal,
Hoch Dr. Glathe
als Köpfchen zumal.

Geistesblitze schiessen
aus gefurchter Denkerstirn,
und deine allerschönsten Blüten
spriessen aus dem Denkerhirn.

Punkte gibt es zu erwerben,
plus und minus, wie's beliebt,
doch kann sie nur der erwerben,
der in Latein stets fleissig übt.

Sie sind zum Ansporn uns erschaffen,
stat Zuckerrohr und Peitsche wohl,
die uns täglich zu erraffen
grösste Wonne werden soll.

Gerundiv gar lange Wochen
und auch das Gerundium
hatten wir jetzt durchgesprochen,
blieben fast genauso dumm.

Schrecklich, diese träge Masse,
diese Unbeweglichkeit,
wie soll ich sie bloss anfassen,
diese Angelegenheit ?

Glathe wollte uns begeistern,
denn wir waren zu bequem,
nun wird er die Lage meistern
mit dem neuen Punktsystem.

Verben hat er aufgegeben,
die Menge bleibet weiter stumpf,
es ist, die Geister zu beleben
auch das Punktsystem kein Trumpf.

Sehr im Lernen hinderte uns die grosse Hitze, die eine Woche über Oesingen brütete. Immer sehnlicher wurden Regen und Abkühlung erwartet. In den Baracken konnten wir es vor Hitze kaum aushalten. Vor 1 Uhr morgens gingen wir nie schlafen.Es war einfach zu warm in den Stuben. Endlich kam der langersehnte Wetterumschlag:

In den Baracken, sehr soliden,
wohnen wochenlang wir nun,
wollen hier im tiefsten Frieden
unsre Geistesarbeit tun.

Vornehm wohnen wir grad nicht,
fast wie in Soldatenzeit,
auch fehlt noch elektrisch Licht
für der Nächte Dunkelheit.

Luftig ist es in den Dächern,
die wir überm Kopfe haben,
weil in vielen kleinen Löchern
hohle Räume sich ergaben.

Auf uns lastet grosse Schwüle,
wanken sieht man manch Gestalt.
Ich mich auch sehr elend fühle,
hoffentlich wird's kühler bald!

Wolken ballen sich zu Türmen
drohend fern am Horizont,
und schon kündet sich mit Stürmen
an die düstre Wetterfront.

Schnell die Wolken näher rollen,
immer schwüler wird die Glut.
Blitze zucken, Donnergrollen,
plötzlich bricht herein die Flut.

Regen trommelt an die Scheiben,
Regen trommelt auf die Dächer,
und, es lässt sich nicht vermeiden,
auch in unsre Wohngemächer.

Sssst, so kommt der erste Strahl
lustig nieder, zu nichts nütze,
ssst, so kommt es noch einmal,
langsam bildet sich die Pfütze.

Ssst, nun kommt es auf den Tisch,
und auch auf mein Bette gleich,
langentbehrter Regen frisch
bildet sich gar bald zum teich.

Schnell wir die Idee gefasst,
Schiffchen aus Papier gefaltet,
Segel werden aufgebrasst
und ein frohes Spiel entfaltet.

Ozean ist der grosse Teich,
Schiffe munter auf ihm segeln,
Wasserstrahlen tuen reich
uns den Wassernachschub regeln.

Schreie tönen immer wieder
voller Wonne, weil von droben
Wasser stürzen sprühend nieder
auf das Bett, Schrank,Tisch, den Boden.

Das gibt dann stets voll Entzücken
ein gar grosses Rumrumoren,
räumen, schieben, heben, rücken,
doch der Mut wird nicht verloren.

Froh und laut erklingen Lieder
wie zu der Soldatenzeit
"Auf zum Kampfe, liebe Brüder,
Wassser kommt, seid frisch bereit!"

Langsam hört der Regen auf,
Wasser tropft nun auch nicht mehr,
Reste nehmen ihrem Lauf
unter der Baracke her.

Jetzt nach diesen Hochgenüssen
woll'n wir gern der Ruhe pflegen,
doch seh'n weitren Regengüssen
wir erwartungsvoll entgegegn.

Der Dachdecker hatte zwar das Dach vorher repariert, aber infolge der grosen Hitze war der Teer geschmolzen und vom Dach herabgetropft. Langsam haben wir uns engerichtet und die Stuben werden immer wohnlicher. Wir haben schon Gardinen am Fenster, eine schöne Tischdecke und einen Blumenstrauss darauf, den ich wahllos aus Feldblumen zusammenstellte. Aber das elektrische Licht fehlt uns noch. Abends sitze ich immer sehr lange zum Arbeiten auf und behelfe ich mit Kerzenlicht. Herrlich. Gestern abend habe ich wieder bis ein Uhr gelernt. Die nächtlichen Stunden sind doch die schönsten. Aber um ein Uhr morgens war ich zu müde. Ich hörte mit lernen (auf) und gebrauchte noch 20 Minuten für meine Schlussbetrachtung:

Schlussbetrachtung.

Einsam sitz ich in der Stube,
lerne ich für Griechisch doch,
rasend geht die Zeit im Fluge,
nur Hebräisch fehlt mir noch.

Blaue Wolken aus der Pfeife
steigen knisternd stets herfür,
und wie ich den Wecker streife,
zeigt er ein Uhr morgens mir.

Emsig schreib ich Zeil für Zeile,
flackernd gibt die Kerze Licht,
wenn ich mich auch noch so eile,
fertig werd ich lange nicht.

Leise schnarcht der Herr Kollege,
träumt die schönsten Träume schon.
Während ich die Sprachen pflege,
wälzt er sich im Bett zum Hohn.

Mappik, Dagesch lene forte,
Schwa quiescens und Suffix,
dazu all die schönen Worte,
wer wohl die zurecht gemixt ?

Dabei sind die Ältsten, sie.
Ehrfurchtsschauer packen mich,
doch das Lernen, ob und wie,
ist ein eigen Ding für sich.

Sprach sie einst in alten fernen
Zeiten Jesus Christus doch,
so will ich sie weiter lernen,
und sie wohl begreifen noch.

Drum will ich mich weiter mühen,
und erscheint es noch so schwer,
Wissenschaften Kreise ziehen,
das beruhigt mich doch sehr.

Meine Pfeif ist leergebrannt,
Schluss ist's mit dem blauen Rauch,
denn den weitern Wissensstand
finde ich im Schlaf wohl auch.

Nur aus Lernen besteht unser Leben natürlich auch nicht, im Gegenteil, wir sind eine fröhliche Gesellschaft. Wenn viele Menschen beisammen sind, gibt es auch einmal Feste zu feiern, das gehört dazu. Meist sind es Geburtstage. Nun war Lutz Poetsch an der Reihe. Leider schlief er in das neue Lebensjahr hinein und konnte deswegen die erste Stunde desselben nicht miterleben. Aber ich habe in der Mitternachtsstunde an seinem Fenster gelauscht:

Als ich fürbass ging heutenacht,
an Gott und Menschen hab gedacht,
nahm mich ein Englein bei der hand,
dass ich erschrocken stille stand.

Es führte mich sachte und gelind,
bis ich vor Lutzen's Stub mich find,
dort lassen wir uns nieder sacht
und geben still auf alles Acht.

Heimchen zirpen in der Ferne,
hoch am Himmel, leuchten Sterne,
weit entfernt der Kukuk lockt,
bis plötzlich mir derv atem stockt.

Es tragen Glocken weit die Kunde,
's ist Mitterrnacht und Geisterstunde.
Viel Frösche, Grillen fern und nah'
woll'n bringen Lutz ein Ständchen dar.

Ein Sternlein fällt vom Himmelreich,
ich wünsche Lutz was Gutes gleich.
Am Firmament schaut aus der Tür
der gute, alte Mond herfür.

Auf Mondes Strahlen, silbern fein,
in schneller Fahrt nah'n Engelein.
Vor Lutzens Fenster, das ihr Ziel
ertönt ihr heimlich Saitenspiel.

Ein Husch hinein, nun ist gefüllt
die ganze Stub', welch lieblich Bild,
es ist ein Wispern in dem Raum,
woll'n alle doch den Lutz beschaun.

Er lächelt in dem Bette fein,
sieht wohl im Schlaf die Engelein,
schläft sanft ins neue Lebensjahr,
geleitet von der Engel Schar.

Mir war, als wäre es ein Traum,
dass ich solch Wunder durfte schaun.
Es klopfte mir mein Herze drinnen,
und leise schlich ich mich von hinnen.

Das war die Nacht. Am Morgem musste das Geburtstagskind unsere herzlichsten Glückwünsche entgegennehmen. Am Frühstückstisch war sein Platz wunderbar mit weissen Rosen, Farnkraut und Feldblumen geschmückt. Dazwischen prangte ein grosser überzuckerer Kuchen. Wir sangen ihm als Ständchen das Lied: "Bis hierher hat mich Gott gebracht", das wir bei derartigen Anlässen zu singen pflegen. Zum Geburtstagskaffe am Nachnmittag hatten sich dann die Gäste zahlreich eingefunden. Zur Unterhaltung gehören auch ein paar Worte:

Liebe Freunde, liebe Gäste,
wo man heute feiert Feste,
lasst Euch ruhig gerne nieder,
sagt: Wie geht's, und gratuliert.
Lutz hat ja Geburtstag heute!
Gestern hatt' ich meine Freude:
Lutz im alten Lebensjahr
letztes Mal beim Essen war,
zog Kartoffeln traumverloren
Pellen über ihre Ohren,
wolllt als Abschluss Eindruck schinden.
Dieses wollt ich noch verkünden.

Das war die Einleitung.

Nun seid ihr endlich alle stille,
nur Lutz rückt noch an seiner Brille,
denn seinetwegen ist es gerade,
dass ich um Ruh gebeten habe.

Er lächelt still und schaut mich an,
ich mein' dass er sich freuen kann.
Geburtstag ist nicht alle Tage,
er ist heut' in der heiklen Lage.

Wie schön dass es auch sowas gibt,
ein solcher Tag das Leben trübt,
an dem wir Kuchen essen dürfen
und dazu solchen Kaffee schlürfen.

Doch sehe ich an Lutzens Mund,
dass dieses nicht der einz'ge Grund.
Sag' an, mein lieber Lutz, sag' an,
was hast Du noch für Gründe dann ?

Ich glaub, wenn ich Dich recht beschau,
die Gründe weiss ich ganz genau.
Ich will sie auch den Gästen sagen
dann braucht man gar nicht mehr zu fragen.

Du hast ein gutes, dickes Fell,
ich handle individuell.
Drum liebe Gäste hört nur zu,
was Lutz heut' bringt aus seiner Ruh.

Aus Kindern werden grosse Leute,
Lutz wird einundzwanzig heute.
Des Tags Bedeutung ist uns klar,
denn mündig wird er dieses Jahr.

Mit welchem sel'gen innern Frieden
ist er heut' früh dem Bett entstiegen
und hat, um auch genau zu geh'n,
das Datum noch mal nachesehn.

Wie glücklich war er, ja, es stimmte,
war auch beim zweiten Mal nicht Finte.
Tatsächlich war er mündig heut'
nach dem Gesetz, o welche Freud'!

Mein lieber Lutz, wir gönnen heute
von ganzem Herzen Dir die Freude,
und woll'n mit Rat Dich unterstützen,
dass Du den Tag weisst recht zu nützen.

Den Kinderschuh'n bist du entstiegen
und darfst nun handeln nach Belieben.
Gesetz die Freiheit Dir bestätigt,
das einen schützt, wenn man's benötigt.

Dein Sparbuch darfst Du selbst verwalten,
kein Mensch darf sich da noch einschalten,
doch Sparsamkeit zur rechten Zeit
erspart viel Not und Herzeleid.

Vor allem eines ist noch wichtig,
mein lieber Lutz, versteh' mich richtig.
Ich stell Dir weiter keine Fragen,
will alles im Vertarauen sagen.

Des Vaters Zucht bist Du entronnen,
hast volle Freiheit nun bekommen,
Heirat steht frei mit jedem Mädchen,
zu jeder Zeit in jedem Städtchen.

Mein Lutz so ständig auf mich guckt.
Die Nase zuckt, die Brille ruckt.
Die Augen blitzen zu mir her,
die Brille aber noch viel mehr
.
Nicht zu verachten ist dies Stück,
das gute, es ist doch ein Glück,
dass diese heute noch stabil.
Was könnt'er ohne sie noch viel?

Hebräisch könnt er nicht mehr lesen,
mit Griechisch wär's vorbei gewesen,
wir würden alle nur verschwommen
in sein begrenztes Blickfeld kommen.

Als Zerrbild würden wir im Kleinen
in seiner Restoptik erscheinen.
Drum wünschen wir für alle Zeit
beständ'ge Brillenhaltbarkeit.

So geht das nun nicht weiter fort,
es ziemt sich auch ein ernstes Wort,
das wir Dir, Lutz, fürs weit're Leben
mit auf die lange Reise geben.

Gott mög' in seiner ew'gen Treue
Dich täglich segnen stets auf's Neue,
bei reiner Lehre Dich erhalten,
ein reiches Leben Dir gestalten.

Mögst Du Dein Leben lang Gott dienen
und ewig seinen Namen rühmen,
mögst ewig seinen Ruf verspüren
und viele Seelen zu ihm führen.

Es liegt vor uns noch schwere Zeit,
wollt' Gott uns halten stets bereit,
dass wir ihm dienen teu ergeben
und auch in Not nur zu ihm streben.

Aufschauen wollen wir nach droben,'
erneut ihm unser Herz geloben.
Es helfe uns der starke Gott
er halt' uns fest bei seinem Wort !

(Theodor Siem Speck)

 

Evtl. Links dazu a.d. Internet Jan. 2010

selk.de/

sottrum-welt-hinaus

biener-media.de/de-ls.html

lcms.org/

wikipedia.org/wiki/Lutheran_Church_Missouri_Synod

 

(e.a.)


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