Eline "Ille" SPECK

geb. Tonnesen *29.10.1915  Hellevad (damals Nordschleswig, heute Sönderjylland). † 2008 Kiel-Molfsee. Missionarsfrau. Verheiratet mit Reimer Hans SPECK.
Eltern : Johannes Tonnesen, geb. 1882 Apenrade, Pastor in Hoptrup, gest. 1971 Flensburg - und Marie "Mimi" Lei, geb. 1882 Honsild (?), gest. 1926 Rendsburg. Großvater war Pastor Hans Tonnesen, geb. 1854 Bastrup, gest. 1935 Sonderburg.
 

1951 Weihnachten

    Bericht und Weihnachtsgrüsse per Luftpost aus Nowrangapur.

".. eigentlich ein Vierteljahresbericht der Missionarsfrau. Specks waren gerade Januar 51 nach Nowrangapur gekommen und "lebten sich ein". .. Es geht um indische Weihnachten, Nowrangapur Kirche, Distrikt Reise nach Kalahandi .." (e.s.)


Laxmipur. 4. Juli, 1959.
Fahrt nach Rourkela. Reisebericht von Frau Missionar Ille Speck.
Eine Art Expedition und Erkundungstour für eine deutsche Missionsschule in Indien.
In einem langen Brief in ein indischen Luftpostbrief mit blauen Luftpostumschlag mit der rotweißen Bordüre und eng getippten Zeilen auf leichtem matten dünnen raschelndem Luftpostpapier schreibt meine Mutter an meinen ältesten Bruder Siem in Hamburg. Die Mutter und Missionarsfrau schreibt an ihren großen Sohn, der in Deutschland 1954 als 17-jähriger auf Föhr in der Heimat zurückgelassen wurde, als die Missionarsfamilie zum dritten mal nach Indien fuhr und dann in Klein Waabs bei den Verwandten in eine Pflegefamilie aufgenommen wurde.
In einem kurzen persönlichen Entre an meinen Bruder Siem, in welchem sie ihm - und uns Lesern heute - einwenig über tatsächlich die Planung einer deutschen Schule in Kodi berichtet, deutet sie stolz dem Studenten ihre Sehnsucht an, er könne doch als junger Lehrer an die deutsche Schule nach Indien kommen. Ich war gerade dort in „unserer beliebten Kodaikanal School“ in der Ersten Klasse und im Internat Penryn mit meinen vier Geschwistern. Und wir wussten nichts von einer kommenden deutschen Schule, worüber auch der Missionsinspektor - zu Besuch in der Jeypur Mission und auch in Kodi – 1960 im Sonntagsblatt berichtet. Dann folgt ihr Bericht von der Reise nach Rourkela, gedacht als ihr Vierteljahres-Missionarsfrauenbericht an das Missions-Sonntagsblatt.
Halbzeit in Indien. Die kleine Missionarsgesellschaft erwägt 1959 noch mals eine deutsche Schule in Kodai zu gründen. Dafür fahren die Missionarsleute von Laxmipur nach Rourkela zu dem deutschen Pastor. Man will sich erkundigen, ob die deutschen Werksangehörigen am deutschen Stahlwerk Rourkela Interesse haben und ihre deutschen Kinder an eine deutsche Missionsschule in Kodaikanal schicken würden. In ihrem Letter an ihren in Deutschland zurückgelassenen ältesten Sohn legt die Missionarsfrau ihren „Reisebericht“ von dieser geschäftlichen Missionarsreise bei. In ihrem Stil berichtet meine Mutter, einer der wenigen Missionsberichte einer Missionarsfrau, und erzählt darin auch von den „Überraschungen“ des Missionarslebens und den vielen „Unterschieden“ in Indien. In den späteren Jahren von ihren erwachsenen Kindern gedrängt, ihre Indien-Geschichten einmal alle aufzuschreiben, tippt sie 1992 ihren langen Bericht erneut aus dem abgelegten alten Brief und verwahrt diesen Indienbericht nochmals in ihrem Schreibtisch.
Wir erfahren, dass Rourkela 200 deutsche Angestellte, eine deutsche Gemeinde und einen deutschen Pastor hat und eine deutsche Schule betreibt, die bei dem Abzug der deutschen Belegschaft 1960 zu ende geht. e.s. 2009

Ille Speck:

Lieber Siem! Laxmipur, am 4.Juli 1959.
Dies ist nun mein Reisebericht! Er ist ja recht bunt u. abenteuerlich, nicht!? Eben „echt indisch“. Hat er Dir Spass gemacht? Wir wollen ja gerne einen jungen Studienrat nach Kodai haben u. dort eine kleine deutsche Schule gründen. Das Schulgeld jetzt von 75 Rs pro Kind auf 135 Rs gestiegen ist. Man hat Vater zwar für dies Jahr Stipendium gegeben. Aber nächstes Jahr muss Breklum dann ein Missionarsgehalt extra im Monat zahlen für unsere 5 Kinder. Wenn schon so teuer, dann lieber deutschen Unterricht. Derselben Meinung bist du ja gewiss auch, nicht Siem? Es ist schwer mit dem Start, aber wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen. Ob Theodor noch High Clerc School verlässt vor der Graduation, ist wohl ungewiss, aber er wird jedenfalls dann nebenher Deutsch treiben, sonnabends z.B. geht es gut.
Aus Kodai schrieben sie alle (fünf Missionarskinder im deutschen Internat an der amerikanischen Missionsschule in Südindien), Geschwister des Bruders in Deutschland) vom 21.6. Karen hatte Heimweh, Erik schrieb: „I hope time flies till you come back!“ Süss, nicht? Es geht allen gut, auch hier. Amphili (unsere indische Ayah und Köchin) soll zwar eine Hakenwurmkur machen in Nowrangapur. – War es nett auf dem Missionsfest (in Breklum) od. warst Du nicht da? Grüsse alle in Waabs.
Viele liebe Grüße von Vater u. Deiner Mutter.

(Reisebericht vom Missionsbesuch an der deutschen Schule im Stahlwerk Rourkela 1959 in Indien)

Ja, wer einmal eine Reise tut, der kann auch was erzählen!
Herr Pastor Waack, (Theologisches Seminar in Kotpad), Herr Dr. Mollat (Missionsarzt in Nowrangapur), Herr Missionar Speck und Frau (Kond-Missionsstation in Laxmipur) werden gebeten, am 26. Juni 1959 im Auto nach Rourkela in Nordorissa zu fahren, um persönlichen Kontakt aufzunehmen mit dem Pastor für die deutsche Gemeinde in Indien, Herrn Pastor Peusch und den deutschen Eltern, die evtl. Interesse haben würden an einer deutschsprachigen Schule in Indien. – Rourkela liegt 380 engl Meilen (570 km) von Laxmipur entfernt (im Pulbani District Nordorissa). Eigentlich ist Ende Juni schon die Regenzeit angefangen! Und man sollte keine solchen langen Autofahrten unternehmen. - das wissen wir alle, aber was ändert es daran, da wir alle doch drängen, eine gewisse Klarheit zu bekommen, ob dort oben Leute sind, die an unserem Plan
(einer deutschen Schule) Anteil nehmen werden. Also los!
Am 24. Juni nachmittags tutet plötzlich ein Auto unterhalb unseres Laxmipurer Berges. ? – Die Hupe kennst du doch!? – Das ist der Hospitalwagen aus Nowrangapur!! Junge, das sind Mollats, die uns abholen?? Prima, denn hätten wir ja mit dem Bus fahren müssen! Und das ist ja doch nicht so angenehm, wie im Jeepstationwagon!
Der kleine Jochen Waack ist natürlich mit, weil er ja bei Mollats ist, während dieser Wochen, wo seine Mutter mit Matthias oben in Kodai als Hausmutter in Penryn ist. Wie ist es fein, wenn Gäste kommen. Es schadet auch gar nichts, dass die Maurer gerade da sind und kalken und alles ziemlich auf dem Kopf steht im Haus!! Nee, wir freuen uns, mal richtig zu schnacken und von allem zu hören und zu erzählen!
Am 25. geht es nachmittags nach Koraput zu einer Tasse Kaffee bei Tauschers und zum Abendessen sind wir dann alle bei Frl. El. Probst in Nowr. (Missionsärztin). Am nächsten Morgen um 7.30 h ist alles startbereit, es sieht nicht nach Regen aus --- ach. nein, der Monsun ist noch weitweg!! -- so denkt man!! Die Fahrt geht flott, um 10 h sind wir in Bhawanipatna und gucken bei den leiben Freunden Meiers ein. Die sind gerade vor 1 Stunde aus Kodaikanal zurückgekommen. Das passt natürlich schlecht, wenn dann 4 Gäste hereinschneien; aber der Kaffeekessel kocht schon; alle kriegen eine gute Tasse Kaffee und nach 1 Stunde geht es schon wieder los.
Die Herren lösen sich ab, jeder sitzt 2 Stunden am Steuer; das sind dann etwa 60-80 km, je nachdem, wie die Straße ist und wie viele Dörfer und Kuhherden wir treffen! Denn in Indien ist es ja so, dass sich das Leben auf der Straße abspielt; Hunde, Kühe und Hühner liegen mitten auf dem Weg und wissen ganz genau, dass jedes Auto bremst und vorsichtig herumfährt! Also, warum nicht liegen bleiben? Wenn die so doof sind?
Um 1h essen wir in Balangir im Lakshmihotel zu Mittag --- Augen zu und runter – ja, es schmeckt ziemlich scharf, aber doch ganz gut! Man darf nicht in den offenen Hinterhof gucken, dann vergeht ja der Appetit. Herr Mollat war natürlich gleich fertig mit dem Essen, denn er hatte die 10 000 Fliegen in den dreckigen Abwasserrinnen, die 2 Ochsen, die dich und fett werden dort im Hinterhof von all dem Abfällen, gleich entdeckt! Schade, nun muß er ja hungrig wieder abfahren. aber Bananen gibt es überall zu kaufen und die helfen ja gegen ein evtl. Verhungern! Übrigens schmeckt der heiße Tee sehr gut – auch im Lakshmihotel – auch dem Herrn Mollat, denn bei kochendheißem Tee hat man immerhin etwas Garantie dafür, dass Wurm- und Fliegeneier oder –dreck tot sind! Im Hinterhof steht eine große Wassertonne; man dreht den Hahn unten auf; wäscht sich die Hände und verzieht sich denn so schnell wie möglich aus diesem stinkigen Hinterhof, der doch gar zu indisch ist. Die indischen Gäste rülpsen laut und vernehmlich, gurgeln und spuken und er wirt freut sich über alle diese Komplimente, die ihm ja ein sicheres Zeichen dafür sind, dass es den Gästen recht gut geschmeckt hat --- trotz Fliegen etc..
Na, mit lustigem Geplauder, Zigarettenrauchen, Teepausen usw. schaffen wir die 300 engl. Meilen und um 19.30 h sagt Herr Waack: „In 1 Stunde sind wir in Rourkela, nur noch 9 Meilen (15 km), wir sehen ja schon die Lichter von Rourkela!“ Wir überqueren den Mandira-Damm vorher an der Straßenseite stehen ein Jeep und ein Lastwagen, aber wir beachten sie nicht weiter!! Bums- stehen wir vor einem Schlagbaum!!
Niemand da, nur in einer Blechbude 2 Inder, die uns sagen, dass wir nicht weiter fahren können! Die große Betonbrücke über den Fluß ist noch nicht fertig und die behelfsmäßige Brücke daneben ist vor 14 Tagen vom Fluß weggerissen! Eine Fähre beförderte bisher die Fußgänger, aber das war auch nur bis zum Tag vorher – jetzt ist jeglicher Verkehr gesperrt.
Was nun!? Nachts -mitten im abgelegenen Land? Man sagt uns in Odya: „Ihr könnt ja von Kalanga mit dem Zug fahren!“. Wie nett ist es, dass wir immer noch Odya sprechen können, obwohl wir nun doch schon weit weg sind von zu Hause! Also, auf nach Kalanga! Aber besser ist es ja doch, man fragt mal die Fahrer in den beiden Autos am Straßenrand. Die schlafen zar schon, aber man weckt sie eben auf! Es sind Weiße, mir Bärten, katholische Priester, die den Jeep gekauft haben, ihn von irgendeinem Dorf abholen mussten, Benzin im Kanister mitnahmen und den Jeep schließlich nicht weiterkriegten, weil – ja, weil wahrscheinlich, so meinten sie lachend, in dem Kanister etwas Wasser gewesen war und der Jeep nun ja nicht laufen könnte mit solchem Gemisch von Wasser und Benzin. Sie wollten schlafen und dann beim Sonnenaufgang sehen, ob der Laster den Jeep nach Kalanga schleppen könnte! Man redete hin und her! Sie luden uns ein, in Kalanga bei ihrem Bischof Westermann (aus Westfalen) zu übernachten; das Auto stehen zu lassen und die 2 Bahnstationen bis Rourkela im Zug zurückzulegen!
O.K.! hieß es, wir schleppen euch jetzt nach Kalanga! Habt ihr einen Strick? Na, denn man los! Herr Mollat sitzt am Steuer und freut sich wie ein Spitzbube, dass er fahren darf. Es geht langsam, so 5 – 8 Stundenkm; 3 Mal reißt der Strick, bis er schließlich nur noch 1 ½ m lang ist und der Scheinwerfer vom Jeep hinter uns uns mächtig auf die Pelle rückt! Langsam, langsam, das Schalten der Gänge; jedes Schlagloch gibt einen Ruck und der Strick ist wieder durch! Wir müssen durch 3 kleinere Flüsse; das Wasser geht kreuz und quer feldein; gut, dass der eine Priester sich neben den Fahrer gesetzt hat und kommandiert von da aus! Alles ist eben interessant – für alle!
Gegen Mitternacht landen wir tatsächlich aber doch noch vorm Bischofsbungalow, werden im großen Essraum der Priester mit kaltem Reis und Curry, Schwarzbrot, Saft und kalten Kartoffelpuffern fürstlich bewirtet; bei Kerzenbeleuchtung, denn ihre eigne Maschine für Strom wird ab 20 h abgestellt! Es ist heiß und schwül; aus dem riesengroßen Eisschrank, Petroleumgetrieben wie unserer, gibt es eisgekühltes, zwar gechlortes Wasser, aber wunderbar nach all der Hitze.
Die Priester reden davon, dass sie die Ärztin, die mit 2 anderen Damen nebenan wohnt (alles Deutsche), wecken wollen, damit ich bei ihnen übernachten kann. Aber es tut ihnen wohl doch zu leid, die Ärztin mitten in der Nacht rauszuholen, so kommen sie mit 1 Bett angeschleppt, stellen es zu den 3 anderen – beim Bischof sind sie immer auf überraschende Gäste eingestellt! Und sie bitten mich, auch dort im Bischofshaus zu übernachten. Um 4.45.h beginnen sie mit der Frühmesse und zwar auf der Veranda, wo wir schlafen! Also müssen wir früh hoch; verabschieden uns und lassen das Auto schweren Herzens, gehen zum nahen Bahnhof (3 Min) und warten auf den Zug, der kommen soll, aber immer 3 – 5 Stunden Verspätung hat!!! Oh, der Teashop auf dem Bahnsteig wird gerade geöffnet! Tut das aber gut, süßen, heißen Tee zu trinken! Nach 2 ½ Stunden kommt ein Personenzug! Es ist aber nicht der, den wir erwarten, sondern der, der schon am Abend vorher durchkommen sollte. Soll man einsteigen?? Schließlich tut man es und nach ½ Stunde geht es los! So gegen 9 Uhr sind wir in Rourkela, einer kleinen, ganz gewöhnlichen indischen Bahnstation, die jetzt aber durch das Stahlwerk Bedeutung bekommen hat. Ein Taxi bringt uns nach langem Suchen schließlich in den Sektor 3, Nr. 28 A, zu Pastor Peusch´s Haus. Bei ihm haben wir uns angemeldet, aber seine Antwort nicht abgewartet.
Alle Fensterläden sind dicht; niemand zu Haus! Der Mali (Gärtner) erzählt uns, dass Familie Peusch wohl am Montag aus Kotagiri zurückkommen wird! Heute ist es Sonnabend! An Überraschungen fehlt es uns ja nicht! Also soll der Taxidriver uns man ins Guesthouse bringen. Vor dem Guesthouse Nr. 5, das frei ist, soll der Fahrer nun seinen Taxilohn haben. Er fordert aber 10 Rs., eine Unverschämtheit! Herr Waack legt ihm 3 Rs hin; er lässt es liegen, steigt in sein Auto und fährt weg. O.K., er wird schon zurückkommen im Laufe des Tages. Er holte sich 5 Rs ab!
Man genießt alle Bequemlichkeiten eines solchen Guesthouses, elektrische Fans, eisgekühltes Wasser, Aircondition in allen Zimmern, so sauber und nett. Dusche usw.! Gegen 11 Uhr spazieren wir dann los, um die Lehrerin aufzusuchen, denn wir sind schließlich hergekommen wegen der Schulfrage. Es ist heiß und der Weg ist lang! Rourkela ist eine Stadt von einem Ausmaß von ca 15 km ins Quadrat! Es sind 20 Sektoren dort mit Wohnhäusern; das Werk selbst liegt 1 ½ km weit weg, hinter einer Hügelkette; mit breiter Asphaltstraße verbunden mit dem Wohnviertel. ( Rourkela, deutsches Stahlwerk)
Neben dem deutschen Club mit herrlichem Schwimmbassin etc sehen wir schon die Schulkinder, die gerade im Schulbus heimfahren wollen. Mit der Lehrerin wird nun alles besprochen; wir hören, dass sie (Deutsche Schule Rourkela Werk) im Moment 62 Kinder hat vom 1. – 6. Schuljahr; eine ältere Dame hilft und alles läuft jetzt seit ½ Jahr und wird bis 1961 laufen, wo alle Deutschen bis auf einen Stamm von 150 – 200 Leuten (Werksangehörige) abziehen werden. Viel Aussicht auf eine größere Anzahl von besteht nicht für unsere Schule (geplante eigene deutsche Missionsschule in Kodaikanal), höchstens etwa 5 – 6 Kinder, die in die Oberschule gehen. Bis zur 6. Klasse können sie ja hier in Rourkela bleiben. Im Club essen wir Fisch und Kartoffelsalat, prima, aber teuer – natürlich, denn es sind ja alles schwerverdienende Leute da. Zum Kaffee sind wir beim deutschen Arzt Dr. Bergter, der in Tilda war 1 Jahr.
Es ist interessant, alles zu sehen und zu hören. Sonntagvormittag zeigt Dr. Bergter und das Hospital, wunderbar ausgerüstet, alles vom Besten. Alle Zimmer airconditioned, klar, alles modern und neu. Es ist ja ein ziemlicher Unterschied zwischen unserem Missionshospital in Nowrangapur und diesem! Außer diesem gibt es aber noch ein großes indisches Hospital. Denn es arbeiten ja viele tausend Arbeiter und Ingenieure etc in Rourkela. Herr Scheffel, ein junger Bauingenieur aus dem Rheinland, den ich mal in Kodai kennen lernte nach dem Gottesdienst, zeigt uns das Werk. Ein Hochofen ist in Betrieb! Wir kommen gerade rechtzeitig, um einen Anstich mitzuerleben. Die weißglühende Schlacke ist zuerst abgestochen und abgeleitet, dann fließt das weißglühende Metall heraus und wird gleich in den Eisenbahnwaggon geleitet. Herr Scheffel baut an der riesengroßen Halle des Stahlwalzwerkes, das in ca. ¾ Jahr in Betrieb genommen werden soll. Der Rourkela-Stahl soll noch besser sein als der schwedische Stahl. Bei Herrn Scheffel gibt es dann nach dem Abendessen noch ein Gläschen Likör im kleinen Garten. In Rourkela haben sie Wasser so viel sie wollen. Gärten, Straßenhecken etc alles grünt und wächst. Die Stadt ist in 3 Jahren entstanden. Das ist für uns unvorstellbar, denn wie unendlich lange Zeit nimmt es doch sonst, hier in Indien, das Baumaterial zusammen zu kriegen!
Montagmorgen 2 Uhr holt uns ein Taxi ab; die Calcutta-Mail kommt mit 1 Stunde Verspätung, wir steigen ein bei strömendem Regen und treffen in Kalanga den Bischof, halten uns aber nicht länger dort auf. denn es liegt ja ein ziemlich langer Tag vor uns! 15.30 h starten wir mit dem Auto und sind sehr zuversichtlich, denn hier in Nord-Orissa ist der Regen nur ganz schwach! Wir machen gegen 11 Uhr einen 5 km Umweg zum Hirakud-Damm, ein großes Projekt am Moha-Noddi bei Sambalpur. Dort ist ein großer Stausee entstanden. Wunderhübsch in den bewaldeten Hügeln liegend; ein 1 ½ km langer Damm staut das ganze Wasser des Flusses und von dort wird es durch die Kraftwerke in Kanäle geleitet, die dann das Land unterhalb des Dammes bewässern. wir lassen uns Zeit, essen dann wieder in irgendeinem indischen kl. Ort zu Mittag und machen uns auf den weg nach Bhawanipatna. Der Weg ist aber ziemlich durchgeweicht; es geht nicht ohne sumpfige Umleitungen etc. ab.
Statt um 4 h, sind wir erst um 6 h bei Meiers, die uns zum Kaffee erwarten! Aber in Indien lernt man das Warten (Oder man lernt es eben nicht!) Das Stündchen bei Meiers geht schnell herum und wir meinen, dass dies letzte Stück Wegende nun keine schlechten Wegabschnitte mehr hat! Aber es hatte schon in Bhawanipatna tüchtig gegossen 3 Tage lang! 9 Meilen (15 km) vor Nowrangapur ist die Straße unter Wasser, die Brücke kaum noch zu sehen! Es stürmt und strömt! Ein Bus kehrt um, um im kl. Resthouse in Papadahandi noch einwenig zu schaffen.
„Halt!“ ruft Herr Speck, da sitz doch ein Kind im Graben?“ Tatsächlich, da hockt ein halbwüchsiger Junge, ganz erstarrt vor Kälte, bewusstlos, nackt, nut mit winzigem Lendentuch im Graben im fließendem Wasser. Den müssen wir mitnehmen, aus dem Koffer holt man eine rote Baumwolldecke, wickelt den armen Kerl ein und setzt ihn ins Auto.
Ab geht es durch den tiefen Wald ins Reisehaus (Travelers-Lodge). Alles finster. Kein Mensch da. Wir haben nur eine einzige Taschenlampe! Wo ist der Caretaker??? Niemand da, aber in einem Raum bei der Küche draußen ist noch warme Glut auf der Feuerstelle! Also macht Herr Waack Feuer an, der arme Junge wird neben das Feuer gelegt! Er ist voll von offenen Wunden Aussatz? Gut, dass der Arzt dabei ist. Warmes Wasser und Aspirin, der Junge atmet jedenfalls und wird allmählich wärmer. Die Starre lät nach. „Nun weiß ich auch“, denkt man, „warum wir nicht über den letzten Fluß kommen sollten!“
Nach ½ Stunde etwa erscheint der Wächter, der wohl unser Auto gehört hat. Er hat eine armselige Petroleumlampe mit. Ein leckender Brunneneimer ist da und so kommt alles in Ordnung. Wir legen uns auf die 2 Betten, stellen etliche Tische zusammen für 2 von uns und schlafen bis 7 Uhr. Dann klopft Mollat an und bekennt, dass er den Autoschlüssel verloren habe und nun zu Fuß nach Nowrangapur gehen würde, um den Ersatzschlüssel zu holen. Das regt niemand weiter auf! Aber Herr Speck sagt halbverschlafen von seinen 3 schmalen Tischen herunter: „Vielleicht guckst du auf dem Kaminstein nach! Da liegt der Inhalt meiner Hosentasche!“ Natürlich lag der Autoschlüssel auch dabei! Also - 2 fahren mal an den Fluß zu sehen wie alles steht. --- Man kann durchwaten! So, also packen und los! Aber vorher muß man ja den Jungen beim Arzt in Papadahandi abliefern. So kann man ihn ja nicht über den Fluß tragen! Man liefert ihn ab, kriegt nichts aus ihm heraus, er ist noch bewusstlos. Der Arzt hat noch kein Hospital, verspricht, für ihn zu sorgen und ihn nach 2 – 3 tagen mit einigen Kulis nach Nowr. zu schicken.
Inzwischen ist Herr Waack zu fuß los, um sein Auto aus Nowr. zu holen. Er kommt nach 2 Stunden. Wir haben im Teashop inzwischen Tee getrunken – Augen zu und runter! Der Besitzer brachte früher Brennholz zum Verkauf! Jetzt hat er eine armselige Hütte dort für die Marktleute. 1 kl. Glas Tee kostet 1 Anna. Für uns ist die Hütte jedenfalls ein wenig Schutz gegen Regen und Wind! Endlich dann sind wir im Auto (man musste diesseits des überschwemmten Flusses ein Auto stehen lassen, den Monsunstrom durchwaten und auf dem jenseitigen Ufer den anderen nachgeholten Jeep besteigen.) und landen um 11 Uhr in Nowr., müde, dreckig und entsetzlich hungrig. „Kinders, soll das Mittagessen aber schmecken!“ und während des Essens wird berichtet.
Der Indravati
(Nowrangapurer größerer Fluss, von dem schon die Altmissionare berichteten) ist auch über seine Ufer getreten. „Nein, heute kommt ihr nicht weiter, kein Auto kommt durch!“ So bleibt man in aller Ruhe mit gutem Gewissen noch da und schläft und schläft.
Übernacht aber verläuft sich das Wasser erstaunlich schnell! Herr Waack fährt um 10 Uhr los – unser Bus ist weg! O.K., dann fahren wir morgen. Hoffentlich regnet es nicht in Strömen! Nein, es klappt.
In Jeypore am Bus entdeckt uns Tauschers Fahrer und Frau Tauscher nimmt uns mit nach Koraput, wo wir nach einem guten Mittagessen und langem Berichterstatten in den Bus nach Laxmipur steigen und endlich sind wir dann mal wieder zu Hause.
Die Mangos sind inzwischen fast alle von den Bäumen geholt; es gibt Schelte! Aber das geht wohl zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus??
Es regnet; der Monsun hat eingesetzt und wir sind dankbar, dass wir doch so gut nach Hause kamen! Man soll eben doch ende Juni niemals auf so eine lange Autofahrt gehen. Aber interessant und abenteuerlich war die Fahrt! Ja, es war ja auch alles dran! Das kann man wohl sagen!!!
4. Juli, 1959
Abschrift getippt, Ille Speck, Molfsee, 26.4.92 (in doku getippt, e.s.)


1965  Brief Ille Speck an Marieliesel (Marie Luise) Arlt
(Missionarsquartalsberichte werden weniger und die letzten familiären Heimatbriefe zeigen den langjährigen Kontakt nach Hause! e.s.)

Ille Speck, Laxmipur, Koraput dt., Orissa – India.

Frau Marieliesel Arlt, 2217 Kellinghusen, W. - Germany.

   Laxmipur, d. 19.3.65   -   Liebe Marieliesel !
Wie nett von Dir, dass Du uns zum neuen Jahr schriebst! Vielen herzlichen Dank dafür! Auch für Marlies´s Gruss! Wir freuten uns, von Euch zu hören, dass es Euch gut geht und Ihr gesund ins neue Jahr gehen konntet. Euer Sohn ist in Hamburg, kann aber gewiss häufiger mal nach Hause fahren? Und er ist froh in seiner Ausbildung, das ist die Hauptsache.
Marlies geht noch zur Schule! Wie fein, dass sie im Juni zum internat. Chortreffen nach Schweden fährt! Das finde ich prima! Da wünsche ich viel Freude!
Uns geht es gut! Die Zeit mit Anna (Tante Anna S. aus Sarzbüttel und Breklum in Indien 1964-1965) u. unsern 3 Kindern war wunderschön! Wir haben natürlich allerlei unternommen, denn so ein lieber Gast muss ja auch was sehen hier bei uns! Jetzt ist sie schon wieder in Breklum u. ich bin gespannt zu hören, wie ihr die Seereise gefiel! Es war so nett, dass sie mit Frl. B. Janke (Missionarin, Mädchen Boarding Kotapad) zusammenfahren konnte. Sie wollten einen Abstecher nach Kairo u. nach Pompeji machen! Ja, Anna hat viel erlebt!
Reimer u. ich sind jetzt wieder allein! Das muss man dann erst wieder lernen! Aber in 6 Wochen reisen wir nach Kodai zu unsern Kindern – darauf freuen alle sich natürlich schon.
Von unseren Söhnen (3 Missionarssöhne in Hamburg bei Pflegefamilien und in Studentenzimmern im Othmarscher Missionshaus) kommt gute Post, alle 3 studieren so fleissig – H.-M. bestand sein Abitur recht gut u. das ist nach 13 Jahren amerikanischer Schule ja schon eine Leistung. Er wird am 1.4. in Lüneburg Soldat! Von dort kann er uns leicht besuchen, wenn wir im nächsten Sommer (1966) wieder in Othmarschen sind. Die 3 Jahre gehen doch recht schnell!
Nun grüsse ich Euch alle herzlich u. wünsche eine gesegnete Osterzeit!
Dir besonders herzl. Grüsse von Deiner Ille

(e.a./e.s.)


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