Deutsche Arbeiten. Ernst Arlt. OII/o2 19.10.28 Nr.5 (Klassenaufsatz) Das Leben in meiner Heimatstrasse. (Beobachtungsaufsatz) Wenn gegen Morgen die Strassenlaternen erlischen, beginnt das Leben auf der Strasse, und nicht lange vor dieser Zeit legt es sich zur Ruhe. Wenige Stunden nur liegt dann die Strasse in stillem Frieden da. Höchst selten nur durchdringt der schrille Ton eines autos die unbewegte Luft. Bald aber hört man in der Ferne das Gebimmel einer Strassenbahn, und ein frühes Auto biegt langsam um die Ecke; langsam, denn das Fahrpersonal, das sich vielleicht nur wenige Stunden Schlaf gönnen durfte, ist noch lange nicht ganz munter. – Die ersten Fussgänger überqueren den Fahrdamm, noch brauchen sie nicht ängstlich nach links und rechts zu sehen, denn die Verkehrsmittel brauchen auch ein wenig Ruhe; nur hier und dort hört oder sieht man ein Fahrzeugdurch die Strasse eilen. Die durchbrechende Sonne kündigt den lichten Tag an. Nun ist für die Büroleute die Zeit zum Aufstehen angebrochen. Der Geistesmensch gähnt noch einmal und hüllt sich dann in seine Toilette. Wenn ihm draussen die Sonne entgegenlacht, erwacht auch seine Geisteskraft wieder. Am Mittag beginnt die Tätigkeit des Arbeitslosen. Mancher Unglückliche besitzt keine eigene Waschschüssel und muss seine Morgenwäsche an einem Brunnen vornehmen, um sich wenigstens den Körper vom Ungeziefer rein zu halten. Darauf zieht der Bedauernswerte von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, um sich sein bescheidenes Frühstück zusammenzubetteln. Eine ruhige Zeit im hastenden Verkehr sind die ersten Nachmittagsstunden. Kranke, Schwache und Greise kann man auf den Bänken des von grünenden Bäumen erfüllten Parkes sehen, die die wohltuenden Sonnenstrahlen dankbar aufnehmen. – Zu gleicher Zeit erfüllt das frohe Jubeln der Kinder die frische Parkluft. Mit Sandeimer, Schaufel und Kuchenform marschiert das kleine Volk an der wachsamen Hand der Beschützerin auf die Buddelplätze zu. – Am anderen Ende der Strasse, das der Grosstadtverkehr bereits verschlungen hat, hört man das Hupen der Autos, das Klingeln der Strassenbahnen und das dumpfe Sausen der unten durchflutschenden Untergrundbahnen: man befindet sich mitten im Getöse der Weltstadt. Den reichen Mann erwartet schon draussen vor dem Geschäft sein Privatwagen, der solide Bürger aber drängt sich nach Geschäftsschluss auf eins der überfüllten Verkehrsmittel. Seine Dienstzeit, die vielleicht schon mit kleinen Ärgernissen gespickt war, bekommt jetzt noch einen entsprechenden Abschluss. Das rücksichtslose Verhalten der Mitreisenden wirkt auf sein Gemüt ein, und nicht selten entstehen dadurch Unebenheiten im Familienleben. Die Sonne ist geschwunden, und der Tag geht zur Neige. Für die Bemittelten dient Theater, Kino, oder Ball zur Belustigung, während die untere Volksschicht auf der Strasse ihre Abenteuer sucht. In der Kneipeverbringt man den Abend, und wie oft sind Arbeitslose ständige Kunden der Destillen. Viele von Ihnen huldigen tagsüber dem Bettlerhandwerk, um am Abend den Gewinn zu vertrinken. Das grosse Elend in ihren Familien ist ja zur Genüge bekannt. Dass dann auch noch die Almosen geringer werden, dürften sie sich wohl selbst zuschreiben. Wenn sich der Verkehr wieder gelegt hat, erwacht das Leben der lichtscheuen Halbwelt. Einzeln oder zu zweien schleichen diese Gestalten an den Häusern vorbei dem dunklen Parke zu. Das ist das Leben der grossen Stadt. Von Mitternacht bis wieder Mitternacht: ein Tag gleich dem anderen. Alles nimmt die Strasse und nicht zuletzt der grünende Park in sich auf: jede Menschenklasse, vom fröhlich spielenden Kind im hellen Lichte der Mittagssonne bis zur verhüllten Gestalt im Mitternachtsschatten. So wird es bleiben, wenn nicht eine neue Welt entdeckt wird, in der die Sonne niemals untergeht. (e.a.)